Artikel vom 30.01.2006

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Martin Zingg

Artikel vom 15.08.2005 (neu verlinkt)

Nicht in der Schule lernen wir etc…

Lernen in der Schule, Lernen ausserhalb? So gefragt, bleibt immer die Schule Masstab allen Lernens

Von Martin Zingg



Wer guckt denn da vom Schulranzen? Es ist - tatsächlich - Che! Gesehen bei Manor Basel, zur Manor-typischen grafischen Preisanschrift von Fr. 59.95. Die Schulanfänger wissen natürlich (noch) nicht, wer Che war, aber sein romantisches Bild soll ja Tanten, Onkel und Götti/Gotte zum Kauf locken. Denn auch die wissen nicht, wer Che war, und was er wollte. Geschickt, nicht wahr?



Die Schule zieht die Demarkationslinie. Aber manchmal - behördliches Schrifttum studierend, ratlos vor ermahnenden Schildern stehend, aufs Tram wartend, Leserbriefe lesend - kann man ja, der Schule zwar treu verbunden, ihr aber dennoch unwiderruflich entwachsen, durchaus auf den Gedanken kommen, es lasse sich noch immer und ständig etwas lernen, innerhalb, ausserhalb, pausenlos.

Längst, so will es einem vorkommen, verrichtet etwas Schulähnliches überall sein gutgemeintes Werk und kommt zu keinem Ende. Nicht bloss Laiflonglörning, viel schlimmer. Die Welt als einzige Schulanstalt - womit die Grenze zwischen Schulischem und Ausserschulischem ja ganz schnell hinfällig wird.

Wissen Kinder und Jugendliche das? Nein, müssen sie auch gar nicht. In der Schule lernen sie bekanntlich zuallererst einmal, wie die Schule funktioniert - und das ist ja gar nicht mal wenig. Denn die Schule ist unter anderem ein System, und dazu eines, das vollkommen anders funktioniert als das System Familie.

Das muss man als Kind auch erst mal begreifen, aber es lohnt sich. Und so lernen die Kinder gleichzeitig, dass Schule auch nicht alles ist - dass sie aber dort sehr gut brauchen können, was sie ausserhalb der Schule schon gelernt haben und weiter lernen. Ja, es ist vermutlich so, dass ohne ausserschulisch Gelerntes die schulische Realität weniger leicht erträglich ist.

Denkbar, dass Rahel krank im Bett liegt. Sie findet das nicht so schlimm, sie versäume nur den Unterricht, sagt sie, mehr nicht. Die Eltern sehen das vermutlich anders, denn sie müssen sich umorganisieren und werden später erst noch eine «Entschuldigung» schreiben müssen; wer krank ist, muss sich nämlich dafür entschuldigen, das ist nun mal so.

In Wirklichkeit ist Rahel aber gar nicht so weit von der Schule entfernt, selbst wenn sie im Bett liegt. Denn ihre Freundin Nicole schreibt im Moment eine «Schriftliche» in Biologie, was nicht gerade ihr stärkstes Fach ist, wie sie gerne zugibt, was aber weiter kein Anlass zur Sorge sein muss - die kranke Rahel kann die geprüfte Nicole nämlich prima unterstützen.

Unter dem Pult, auf ihrem Schoss hat Nicole ihr Handy liegen, und Rahel hat auf ihrem Bett das Bio-Heft und allerlei Nachschlagewerke liegen und daneben: ihr Handy. Und jetzt schreiben sie einander fleissig SMS-Briefchen, Rahel stopft umgehend jede Wissenslücke, die Nicole meldet, es geht behende hin und her, und die Bio-Arbeit kommt gut voran.



Gespickt wird immer und überall, wo man sich mit Abgucken einen Vorteil verschaffen kann: In der Unter-, Ober- und querbeet durch alle Stufen bis weit über die Uni hinaus - ja selbst in den Abendkursen der Migros: Seit der Zeit, als die Menschen noch auf den Bäumen hockten, ist das Nachäffen in Mode geblieben, und nur unsere materialistische Zeit nennt das Spicken «Betrug»…



Den Vater kann das amüsieren: Zwei clevere Mädchen schlagen sich da tapfer durch, warum nicht. Den Lehrer hingegen wird sowas mindestens irritieren müssen. Denn hier wird eine schulspezifische Testanordnung bewusst unterlaufen und damit verfälscht – gefragt ist ja nicht die Beherrschung der Handy-Tastatur, geprüft werden Bio-Kenntnisse.

Aber den Lehrer stört das erstaunlicherweise nicht. Er merkt nichts davon. Was er merken könnte, wäre nicht bloss, dass heute immer noch, wie schon seit Jahrhunderten, «gespickt» wird. Merken könnte er zudem, dass die Jugendlichen längst jene Technik verwenden, der er allenfalls noch mit kulturkritisch eingefärbten Idiosynkrasien begegnet, also: hilflos.

Den klassischen Spickzettel haben alle Lehrkräfte, die auf der Höhe dieses ewigen Problems zu sein beanspruchten, immer schon als ausgezeichnete Vorbereitung für eine Schriftliche Arbeit angesehen. Typ: Zusammenfassung auf engstem Raum, alles Wesentliche beieinander. So gut, dass im Test darauf verzichtet werden kann.

Jetzt hingegen kommt der Spickzettel unter Mithilfe einer neuen Kulturtechnik daher, die zwar inzwischen wenigstens partiell unter die Obhut der Schule geraten ist – die ausserhalb der Schule jedoch wesentlich schneller erworben und öfter gebraucht wird. Öfter zumindest als so manches, was die Schule nicht ohne Qualen weiterreichen durfte.

Denkbar ist auch, dass nun Nicole krank ist und damit vom Geschehen in der Schule ausgeschlossen ist. Das braucht nicht so schlimm zu sein, denn das Ausserschulische lässt sich leicht mit dem Schulischen koppeln. Spätestens in der Informatik-Lektion wird Rahel mit ihr ausgiebig am Bildschirm chatten - der Unterricht kommt so langsam voran, dass ihr viel Zeit bleibt, das anderswo bereits Gelernte anzuwenden. Der Vater darf schmunzeln. Der Lehrer darf zugeben, dass die Schule ohne Hilfe von aussen nicht länger Schule sein kann.

Beiden Seiten fehlt etwas, inner- wie ausserhalb der Schule. Ihren Spass an der Schule haben Rahel und Nicole darum nur so lange, als sie auch ausserhalb der Schule etwas lernen können. Aber dazu braucht es die Schule. Darum ist sie unverzichtbar.

Von Martin Zingg


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