Artikel vom 30.01.2006

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Martin Zingg

Artikel vom 20.12.2005 (neu verlinkt)

Vom Ende der Unschuld

Am 21. Juni wäre Jean-Paul Sartre 100 Jahre alt geworden. Sein autobiographischer Text «Die Wörter» bleibt ein wunderschönes Buch. Ein Anstiftung zum Wiederlesen.

Von Martin Zingg



Der junge Sartre mit seinem berühmten Buch «Les mots».



Eines der aufregendsten Bücher von Jean-Paul Sartre hat er gar nicht selber geschrieben: Es ist die Bibliographie seiner Werke: «Les écrits de Sartre». Sie reicht zwar nur bis 1970, aber auch so, mit immerhin 786 Seiten, kann sie einen das Staunen über die Produktivität dieses Autors lehren.

Auf Seite 385, zwischen dem Résumé eines Interviews mit einer ungarischen Zeitschrift und dem Hinweis auf ein Vorwort zu Texten von Patrice Lumumba, mitten in überwiegend politischen Papieren und also ziemlich überraschend, findet sich auch der Eintrag zu «Les mots»: Sartres autobiographischer Text war 1963 ein Lichtblick für all jene, die den «literarischen» Sartre schon hatten aufgeben wollen.

Dem Vielschreiber Sartre ist wohl nur weniges so rundum gelungen wie ausgerechnet diese Autobiographie von gut 200 Seiten, «Die Wörter». In deren Zentrum steht ein verwöhntes Kind, ein Grosselternkind: der Vater ist früh gestorben, die Mutter mit Sohn zu ihren Eltern zurückgekehrt, und diese werden ihre Tochter wieder an die Leine nehmen und den Enkel vergöttern.

Der schläft, Bett an Bett, mit Mama im Kinderzimmer. Und er beginnt, darauf läuft das Buch dann hinaus, sehr früh schon zu lesen und zu schreiben, und weil er beides mit einer beinahe schon priesterlichen Ausschliesslichkeit betreibt, steht bald einmal fest, dass er Schriftsteller werden wird.

Damit sind auch die Ingredienzen benannt für ein frühkindliches Drama, das deren Held ein halbes Jahrhundert später gleich selber analysieren kann wie kaum ein zweiter. Der kleine «Poulou», noch bevor er überhaupt die Buchstaben richtig entschlüsseln kann, weiss längst um deren weitreichende Bedeutung.

Die Zeichen stehen für eine grenzenlose Welt, das hat er durchschaut, und es hat zu dieser auch Zugang, wer genauere Kenntnisse der Sprache erst noch vortäuschen muss. Ihm, der noch nicht einmal damit angefangen hat, ein «richtiges Kind» zu sein, erschliesst sich bereits die Welt der Erwachsenen: er kennt die Namen lange vor den Sachen, die sie vertreten.

In der grossväterlichen Bibliothek findet er alle wichtigen Bücher; und wichtig ist zudem, dass die Erwachsenen ihn beim Lesen ertappen. Und dass sie beeindruckt sind. Also liegt Poulou, während Gleichaltrige draussen Verstecken spielen, zuhause auf dem Teppich und liest Rabelais, Aristophanes, Corneille; was frühreife Kinder so alles lesen.

Dabei ist es, glaubt man dem älteren Sartre, gar nicht so wichtig, dass der jüngere Sartre längst nicht alles versteht, was er sich da zumutet. Das meiste besorgt ohnehin die Imagination. Und der junge Leser weiss sich in guter Gesellschaft: auch der Grossvater ist ein leidenschaftlicher Literat.

Dass aus dem nimmersatten jungen Leser irgendwann der ungeheuer agile Schriftsteller Sartre werden wird, das scheint nach allem unausweichlich. Selbst daran finden die Erwachsenen Gefallen: «Mon petit bonhomme écrira!», sagt die Mutter vorm Schlafengehen.

Der längst arrivierte Schriftsteller, der aus der Entfernung eines halben Jahrhunderts auf seine Anfänge zurückblickt, notiert gleichsam mit Nachsicht die Zwangsläufigkeit seiner Existenz: «Ich habe mein Leben begonnen, wie ich es zweifellos beenden werde: inmitten von Büchern.»

Was an Sartres Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit berührt, ist unter anderem die immer wieder durchschimmernde Ahnung, auf welch dünnem und brüchigem Boden die Existenz eines Schriftstellers letztlich gründet. Das heisst wohl: mit dem jungen Sartre hätte es auch anders kommen können.

Entscheidend waren die Voraussetzungen einer Herkunft, die er sich nicht hat aussuchen können. Er ist in sie hineingeboren worden, er hat sie, zunächst, vollkommen akzeptiert – und dass der ältere Sartre die frühen Prägungen als Neurose durchschauen kann, schreibt er einer Entwicklung zu, die ihn von seiner Herkunft entfernt hat.

Am Beispiel seiner wortbesessenen Kindheit gewinnt dieses Milieu eine Kenntlichkeit, die er erst im Lichte späterer politischer Parteinahme mit den Attributen des Bürgertums verknüpfen kann. Allerdings hat die spätere Einsicht nicht das letzte Wort. Sartre, das macht die Lektüre von «Die Wörter» nach wie vor so spannend, beschreibt seine kindlichen Erfahrungen zwar mit sprachlicher Raffinesse, er verrät sie aber nirgends an die Einsichten des gewieften Theoretikers.

Bewegend ist denn auch das Finale: Poulou ist nun ein Kind unter anderen Kindern, die mütterliche Zuwendung ist etwas abgekühlt, denn Mama ist eine neue Ehe eingegangen, der Sohn besucht jetzt eine öffentliche Schule, alles ist relativiert. «Ein ganzer Mensch, gemacht aus dem Zeug aller Menschen, und der soviel wert ist wie sie alle und soviel wert wie jedermann.» So endet dieses Buch, ein grossartiges Buch, noch immer.



Jean-Paul Sartre: Die Wörter. Aus dem Französischen von Hans Mayer. Rowohlt Taschenbuch rororo 11000. 176 S., Fr. 12.10.

Von Martin Zingg


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