Artikel vom 30.01.2006

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Martin Zingg

Der Widerspruch mit Zwischenraum hindurchzuschaun

Immer wieder verhindern Ex-Geliebte und Ex-Schwiegermütter Literatur

Von Martin Zingg



Das Buch «Meere», das nur «still» gelesen werden darf und sein Autor Alban Nikolai Herbst.

Das Phänomen ist erstaunlich. Zum einen, und dafür gibt es viele Zeichen, nimmt die öffentliche Relevanz der Literatur stetig ab. Grössere Aufmerksamkeit erfährt sie meist nur noch, wenn irgend etwas Ausserliterarisches als medialer Treibstoff dienen kann. Zum andern aber wollen immer mehr Menschen unbedingt ein Buch schreiben, auch wenn sie selber kaum je eines lesen.

Und immer öfter, so scheint es, wollen Menschen sich in einem publizierten Buch wiedererkannt haben: als Figuren.

Letzteres hat zurzeit auffallende Konjunktur. Im vergangenen Herbst sind in Deutschland gleich mehrere Bücher (und damit deren Autoren) gerichtlich belangt worden. Zwei von ihnen darf man getrost und mit guten Gründen zur Belletristik zählen: Maxim Billers Roman «Esra» *) und der Roman «Meere» von Alban Nikolai Herbst **).

Schwierigkeiten bekamen die Autoren, weil Zeitgenossen davon überzeugt waren, sie seien zu Romanfiguren geworden. Vor Gericht konnten sie sich jeweils mit der Begründung durchsetzen, im Roman würden ihre Persönlichkeitsrechte verletzt.

Im Fall «Esra» wertete das Landgericht München I die angebliche Verletzung der Persönlichkeitsrechte schwerer als die Freiheit der Kunst. Die Klägerinnen - die Ex-Freundin Billers und deren Mutter - hatten behauptet, sie seien erkennbar als Figuren des Romans. Sie bekamen Recht, und seither ist das Buch verboten.

Der Roman darf auch nicht in einer «entschärften» Fassung erscheinen, in der einzelne Passagen herausgenommen oder einfach geschwärzt sind, wie das in einer ersten Gerichtsentscheidung verfügt worden war.

Den Roman gibt es also nun schlicht und einfach nicht mehr - aus Gründen, die nur die Ex-Geliebte und einige Menschen im nächsten Umfeld überhaupt nachprüfen und belegen können, sonst niemand.



Maxim Billers «Esra» wurde per Gerichtsbeschluss zur Literatura non grata.


Bei Alban Nikolai Herbst steht es ähnlich. Ihm ist, auch auf Antrag seiner Ex-Geliebten, per Gerichtsbeschluss untersagt worden, öffentlich aus seinem jüngsten Roman «Meere» vorzulesen oder vorlesen zu lassen. Das Buch gibt es also, nur muss es ein still gelesenes Buch bleiben.

Ähnliches widerfuhr übrigens auch Michael Lentz: Aus seinem Roman «Liebeserklärung» darf der Autor in der Schweiz nicht öffentlich vorlesen; eine Frau, die sich darin wiedererkannt haben will, wünscht dies so.

Das Gemeinsame und damit wohl auch Vertrackte an diesen Vorgängen ist jeweils, dass gescheiterte Beziehungen den Hintergrund dieser doch sehr problematischen Gerichtsentscheide abgeben.

Fünf Regeln fürs Verhängnis…

Wenn vor Gericht versucht wird, einen Roman messerscharf in seine fiktiven und «realen» Elemente zu zerlegen, beginnt das Verhängnis:

1. Der Unterschied zwischen einem faktengetreuen Protokoll und poetischer Wahrheit wird systematisch eingeebnet. Was auch heisst, dass das Bewusstsein von der Autonomie der Kunst in allgemeine Vergessenheit geraten ist; oder schon immer dort war.

2. Für all jene, die gern in einem Roman vorkommen möchten, eröffnet das fehlende Unterscheidungsvermögen der Justiz wiederum ungeahnte Möglichkeiten. Tip: Autor oder Autorin kennen lernen, anbändeln – und abwarten. Wenn die Sache nicht gut ausgeht, bleibt der Rechtsweg offen. Man behauptet, man sei unfreiwillig zum literarischen Stoff geworden und beruft sich auf seine Persönlichkeitsrechte.

3. Um das Liebesleben der schreibenden Zunft wiederum müssen wir bald regelrecht bangen: a) Die neue Liebe will unbedingt ins nächste Buch. b) Die drohende Aussicht auf einen Auftritt als Romanfigur schreckt ab, die neue Liebe zieht sich zurück.

4. Umgekehrt: Autor oder Autorin droht mit Darstellung einer ungeliebten Person im nächsten Buch.

5. Verlage geben - der öffentlichen Wahrnehmung wegen - immer öfter jenen Romanen den Vorzug, die einen nachweisbaren Bezug zur Biographie der Verfasser haben ... etc.

Wir bleiben dran!

*) Maxim Biller, Esra. Roman, Köln 2003 (Kiepenheuer & Witsch), 214 Seiten, 19.90 EUR

**) Alban Nikolai Herbst: «Meere». Marebuchverlag, Hamburg 2003. ISBN 3936384096, Gebunden, 261 Seiten, 22,00 EUR

Von Martin Zingg

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• «Meere»: Rezensionen in der Süddeutschen Zeitung und in der Frankfurter Allgemeinen

• «Esra»: Rezension von Dieter Wenk


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