Artikel vom 09.01.2006

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J.-P. Lienhards Lupe

Compressed literature

«20 Minuten» auch bei der alten Tante «NZZ»? Zehn Bücher der Weltliteratur auf je zehn A5-Seiten eindampfen und mitmischeln um die Gunst der Kids, die eh keine Zeitung abonnieren…?

Von Jürg-Peter Lienhard



Zehn mal Weltliteratur, eingedampft auf 20-Minuten intellektuelle Maximalbelastung: «NZZ am Sonntag» machts möglich…



«getAbstract, compressed knowledge» - was immer das auf Deutsch heissen mag… Vielleicht: «Weltliteratur, Klassiker kompakt»? So jedenfalls wirbt die «NZZ-am-Sonntag», die Sonntagsausgabe der bestgelittensten Deutschschweizer Tageszeitung «Neue Zürcher Zeitung», mit einer Beilage im Format A5, 16 chlorbleiche Seiten inklusive Titel und Inserate in eigener Sache: «Konzentration auf das Wesentliche». Neun weitere solcher Heftli sollen das Sonntagsgeschäft ankurbeln - zum «Vorzugspreis von 20 Franken (statt 35)», wenn man eine Bestellkarte ausfüllt und abschickt (Porto gratis).

Auftakt der 20-Minuten-NZZ-Literatur machte am Sonntag, 8. Januar 2006, eine auf zehn A5-Seiten reiner Text eingedampfte Version von Tolstois Roman «Krieg und Frieden», der in den verschiedenen Originalversionen um die 1000 Seiten zählen kann. Unter den geplanten weiteren neun «Extrakte der Weltliteratur» kommen die «Buddenbrooks» (ausgesprochen: Buddenbrooks) vielleicht auch auf 1000 Seiten; die anderen von Dante, Kafka, Cervantes, Shakespeare, Homer/Joyce oder Kafka sind original zumindest halb so dicke, oder jedenfalls noch ziemlich umfangreiche Schinken; nur Goethes «Faust I» hat Platz in einem Reclam-Heftlein - dafür dann ganz und occasion ab 1 Franken auf dem Bücher-Flohmarkt…

«In unserer schnellebigen Zeit geht das Bewusstsein für Traditionen zunehmend verloren», schreibt Redaktionsleiter (Dr.) Felix Müller arglos offen in seinem ersten Editorial zu der Eindampf-Serie. Traditionen haben mit dem Gedächtnis der Gesellschaft zu tun, meint er weiter - wohl richtig. Doch was hat «Weltliteratur» mit «Tradition» zu tun? Wahrscheinlich meint er die Tradition des Lesens und Lernens aus anderen Quellen als aus Handbüchern, im Internet oder in der Kinderstunde des Zürcher Fernsehens.

Wenn Weltliteratur etwas mit Tradition zu tun hat, dann hat sie mit der abendländischen Kultur-Tradition zu tun, die ihr Wissen und Reflexionen über das Leben oder über die Gesellschaft, die Zeit und den Tod in Metaphern fasst und sie als Romane, Theater oder Dichtung, dramatische oder poetische, für die Nachwelt aufschreibt. Und wer diese Werke liest, wird sich wohl wieder seine eigenen Gedanken machen und sie vielleicht in die eigenen Handlungen einfliessen lassen. Das nennt man Kultur, und Kultur ist Zivilisation, und Zivilisation ist, was uns über unsere primitive Veranlagung als Menschenfresser emporhebt.

Das führt zur Frage, was mit der abendländischen Kultur geschieht, wenn die Tradition des Lesens verlorengeht, wenn Compi und TV dazu führen, dass mehr als 20 Minuten Aufmerksamkeit zum Lesen die Konzentration - was sage ich da Konzentration: das Auffassungsvermögen, das Verstehen des Gelesenen - überfordert? Beissen sich dann unsere Kindeskinder und deren Kindeskinder den Kopf ab, wenn nicht gleich geschieht, was Generationen zuvor durch Lesen, Denken und den daraus geschlossenen emanzipierten Handlungen erst erschaffen mussten - also bricht dann wieder unser Menschenfresser-Trieb hervor, mangels Kultur, die die Zivilisation nährt?

Die Latte auf dem Fussballdeppen-Niveau

Möglich scheint dies allemal! Und möglich scheint dies insbesondere, weil die gegenwärtige Zeit die Latte des Kultur-Anspruchs, also mithin die Anforderungen zur Weiterentwicklung der Zivilisation, stets tiefer und tiefer setzt. Auf 20 Minuten Lesen maximal, auf 10 Seiten Weltliteratur-Dampf, auf Fussball-Deppenniveau und auf den Konsum von Pop-Events, von Konsum allemal…

Wie kommt ausgerechnet die Leader-Zeitung der Deutschschweiz dazu, Dampf-Literatur zu produzieren, mit der seltsamen Mutmassung, dass «vielleicht der eine oder andere durch diese Abstracts sogar angeregt wird, zum Originalwerk zu greifen und eines der Schlüsselwerke der Weltliteratur im Wortlaut zu lesen»? Denkt (nein, schreibt) Müller: «Das wäre eine überaus erfreuliche Wirkung dieser kleinen Broschüren.» Dies in einer Zeit, wo selbst NZZ-Journalisten bequemlicherweise auf dem Internet «recherchieren»?

Eine Dampf-Version reizt niemanden zur Lektüre eines 1000-Seiten-Schinkens, wenn er doch einen mundgerechten «Abstract» serviert bekommt und damit gleich nach 20-Minuten «fachmännisch mitreden» kann, wo andere sich doch stundenlang durchbeissen mussten - vielleicht auch gar darüber studiert haben.

Literatur lässt sich nicht auf Schlagzeilen reduzieren und ihre Botschaft auch nicht mundgerecht eindampfen. Manchmal bleibt der Sinn sowieso verborgen oder nur an der Oberfläche, wenn Literatur auf Schnelleser oder aufschneiderische Klugscheisser stösst. Und nur allzu häufig kommt ein Literat zu unverdienten Ehren, weil sich niemand ordentlich mit seinem Geschreibsel auseinandergesetzt hat, weil auch Kritiker von anderen Kritikern abgeschrieben oder doch faul stibitzt haben.

Was zählt eigentlich zur «Weltliteratur»?

Indessen muss man sich auch noch fragen, wie die NZZ zu einer Eindampf-Auswahl gerade dieser zehn Bücher kommt, und man darf auch ganz hinterlistig fragen, was eigentlich unter «Weltliteratur» zu verstehen ist. Der Ausdruck «Weltliteratur» scheint mir nämlich genau so Kultur-Kolonialismus zu sein wie der Ausdruck von der «Universalsprache Musik»: Welcher Musik, welcher Literatur? Der abendländischen zumal - und was ist mit der afrikanischen, der asiatischen Literatur/Musik?

Einer Ohrfeige vom frischgebackenen Doctor honoris causa Jacques Chollet konnte ich nur mit Glück entgehen. Es war letztes Jahr in der Rio-Bar in Basel, als ich einen Stapel Bücher von und über Paul Claudel für eine literarische Konsultation bei mir trug. Der ehrenhalber promovierte Laborant Chollet bemerkte dazu im behaarten Brustton seiner vollen Überzeugung, dass er von Claudel «nichts halte», weil «er seine Schwester psychisch zerstörte». Zum Glück duckte ich mich rechtzeitig, nachdem ich fragte: «T‘as vu que le film?» So weit ist es nämlich gekommen, dass man Ohrfeigen riskiert, wenn man zu einem Werk und dessen Autor mehr als nur gerade aus einem Kinofilm weiss…

Ich hoffe, liebe Leserin, lieber Leser von webjournal.ch, dass Sie vielleicht den Hasen im Pfeffer der Dampf-Literatur des NZZ-Verlages gerochen haben: Die zehn Heftli sind eine Werbeaktion in derselben Technik wie sie der Ringier-Verlag oder die neue baz zur Generierung neuer Abonnenten anwendet - nicht als Leserdienst.

Gut für Sie zu wissen, dass Sie Weltliteratur erster Klasse und im Umfang von etwas mehr als 20 Minuten gratis in der Universitätsbibliothek oder gegen eine kleine Gebühr in den Quartier-Bibliotheken der GGG erhalten. Wertvolle Tips zu Literatur finden Sie als interessanten Lesestoff und wertvollen Leserdienst unter anderem noch in der NZZ oder in der NZZ am Sonntag. Wie gesagt: «noch!»…


Dampf-Beispiel gefällig?

«Brennende Brücken - Österreich, Oktober 1805: Andrej ist Adjutant im Regiment von General Kutusow. Die österreichischen Verbündeten haben in Ulm eine schwere Niederlage gegen Napoleons Armee erleiden müssen. Währenddessen befindet sich Nikolaj Rostow als Junker in der Schwadron von Wassilij Denissow vor Braunau. Kutusows Regiment tritt den Rückzug nach Wien an, die Schwadron Denissow im Gefolge. Hier erlebt Nikolaj den ersten Angriff der Franzosen: Seine anfängliche Kampfeslust schwindet, als er den Horizont beobachtet und die Kampfhandlungen wie eine Collage davor ablaufen sieht. Wie schnell könnte es gehen, dass er diesen Himmel niemals wieder sieht! Schliesslich gelingt es der Schwadron, die Brücke mit minimalen Verlusten zu überqueren und hinter sich zu verbrennen.»


• Welche Brücke ist es denn, die da plötzlich auftaucht und verbrannt wird? Es ist nicht «eine» Brücke, sondern «die» Brücke, weshalb sie eine besondere Rolle spielt - aber welche?

• Die Beobachtung des Horizontes durch Nikolaj ist eine Schlüsselstelle in Tolstois Werk «Krieg und Frieden» - in diesem «Abstract» höchst abstrakt zerknittert, eingedampft eben. Eine Dampf-Version kann weder die Sprache des Verfassers noch die Stimmung im Werk wiedergeben - zum Anfixen allemal ungeeignet…


Wer ist die Firma «getAbstract», bei der die NZZ am Sonntag Eindampf-Literatur geordert hat? Diese Firma in Luzern wirbt so: «3000 der besten Management- und Karrierebücher auf je fünf Seiten zusammengefasst.» Oder: «Lernen Sie die wichtigsten Argumente der Globalisierungsdebatte kennen: Pro und Contra in zwölf Zusammenfassungen der besten Bücher zum Thema.» Und: «Die unverzichtbare Bibliothek für jeden Freund der Bildung und Kultur.»

Na…


Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• NZZ-Take-Away-Fast-Food zum Herunterladen im pdf-Format

• Lesen Sie Reinhardt Stumms Kommentar


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