Artikel vom 25.12.2005

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Wissenswertes

Der «Wilde Mann» und der Nikolaus

Die Historiker im elsässischen Freilichtmuseum Ecomusée d‘Alsace sind auf die Spuren des «Urvaters» des alemannischen Sankt Nikolaus gestossen

Von Jürg-Peter Lienhard



Wer kommt denn da geritten mit dem Vogelkäfig auf dem Kopf? Es ist der «alte» Nikolaus, wie er im 16. Jahrhundert am Oberrhein zuhause war und jetzt vom Ecomusée d'Alsace wieder entdeckt worden ist. Foto: Ecomusée d'Alsace, Ungersheim bei Mulhouse © 2005



Wie viele Legenden, hat auch der Sankt Nikolaus einen wahren Kern, einen Ursprung in den sozialen Umständen vergangener Zeiten. Der «Urvater» des «Niggi-Näggi», des «Santiglaus», des «Samichlaus» und wie er in den jeweiligen Dialekten auch immer genannt wird, ist eine andere Legendenfigur, die vor allem in Basel, zumal im Kleinbasel ebenso «berühmt» ist: nämlich der «Wilde Mann». Eine kleine Ausstellung über die Festtage im elsässischen Freilichtmuseum Ecomusée d‘Alsace, zeigt die Wurzeln des Sankt Nikolaus am Oberrhein und seine vielfältigen Verwandlungen in Gestalt und Kostüm während der Jahrhunderte.

Wenn man der Legende vom Nikolaus nachgeht, so erfährt man, dass sie ihren Ursprung im vierten Jahrhundert nach Christi Geburt in Myra in Vorderasien - in der heutigen Türkei - hat. Von da verbreitete sie sich in das ganze christliche Abendland, wo sie am Oberrhein Fuss fasste, weshalb man heute den Kindern erzählt, der Sankt Nikolaus sei im Schwarzwald zuhause.

Allerdings hat der oberrheinische Nikolaus viele «Wohnorte», nicht nur im Schwarzwald - denn zu einer Legende gehört eben, dass sie sich durch die Überlieferung verändert und gewissermassen auf «Reise» geht und sich eben dort «niederlässt», wo diese Legendengeschichte gepflegt wird. Und das war insbesondere am Oberrhein so, wo die Historiker des Ecomusée d‘Alsace jüngst das Bildnis des «Urvaters» der hierzulande gepflegten «Version» des Sankt Nikolaus entdeckten.

Wie immer er auch heute an seinem Namenstag oder rund um Weihnachten gekleidet ist - meist in roter Pilger-Kutte und weissem Bart -, hat doch auch sein Kostüm eine Geschichte, und die jetzt entdeckte älteste Abbildung dieser Bekleidung weicht komplett von derjenigen der «modernen» Nikolausen ab. Der Stich des elsässischen Graveurs Jost Amman ist mit dem Jahr 1550 datiert. Das sind fast 1200 Jahre später, als man der Legende ihren Ursprung zuschreibt.

Der «Vogelherd» auf dem Kopf des «Wilden Mannes»

Eine Legende ist eine religiöse Sage. Doch sein Kostüm hatte der «Urvater» des oberrheinischen Sankt Nikolaus nicht von «religiösen» Leuten, sondern eher von weniger «heiligen». Nämlich von den sogenannten «wilden Männern», Ausgestossene der Gesellschaft, Grund- und Besitzlose, die in den schwer zugänglichen Wäldern der Vogesen oder des Schwarzwaldes hausten. Sie kleideten sich, womit sie sich eben kleiden konnten: Mit Fellen von erlegten Tieren, mit Blätterwerk, Hörnern oder Geweihen, die sie auf ihem Kopf festmachten, womit sie sich bei ihren Schleichjagden auf flinkes Wild hervorragend tarnen konnten. Zur Jagd-Tarnung diente auch, dass sie ihr Gesicht und die Hände mit verkohltem Holz schwarz färbten. Da in ihrer Zeit der Rucksack noch gänzlich unbekannt war, machten sie ihren «Vogelherd» - die Vogelfalle - ebenfalls auf den Häuptern fest.

Voilà: Die Erklärung für den «Wilden Mann», nach dem in Mülhausen die «Wilde-Mann-Gasse» genannt wurde (heute in Verkennung des Ursprungs «begriffs-enthauptet» blasiert französisch geheissen «Rue Sauvage»). In Basel ist er eines der drei «Ehrenzeichen» der traditionsreichen Zünfte («Ehrengesellschaften»): «zum Wilden Mann», «zum Vogel Gryff» und «zum Leu» geworden.

Vom «Wilden Mann» mit seinem gehörnten Kopfputz, der Fellbekleidung und dem geschwärzten Gesicht, könnte man «entwicklungsgeschichtlich» annehmen, er sei zum «Begleiter» des Nikolaus geworden: Zum «Schmutzli» oder zu «Hans Trapp» oder zum «Knecht Ruprecht». Doch interessanterweise verkörpert er beide: Nikolaus und Hans Trapp.

Unchristliche «Doppelrolle»des «alten» Nikolaus

Die Forscher haben aufgrund des Quellenstudiums herausgefunden, dass man der Figur des «Wilden Mannes» sowohl das «Gute», wie auch das «Böse» in derselben Gestalt sah. Das geschah wohl deswegen, weil Geschichten von diesen «Waldmännern» erzählten, dass sie insbesondere zu «verlaufenen» Kindern hilfreich waren, zu solchen, die sie neckten eben mit ihren «Ruten», also Geäst oder Stecken, rabiat dreinfahren konnten. Der Doppelsinn deutet auch darauf hin, dass die Sage den «Wilden Mann» als Symbol für den Mittler zwischen Tod und Leben hält.

Im 16. Jahrhundert wurde diese «heidnische» Doppelrolle von der Kirche bekämpft. Es waren dann vor allem die Jesuiten, die die fest im Volk verankerte Figur «umzubauen» begannen, weil sie sie sonst nicht ausrotten konnten: Aus der Doppelrolle des «Wilden Mannes» wurde der «gute» Nikolaus, der «böse» zum «Hans Trapp» (genannt nach dem Raubritter Hans von Trotha auf Burg Berwartstein, der sich mit den kirchlichen Behörden des Klosters Weissenburg gewalttätig anlegte). Im Volk aber lebte der «Wilde Mann» aber noch lange weiter, beispielsweise als «Pelz-Nickel». Im Elsass findet man die Figur des heiligen Jean-Baptiste immer noch mit Hörnern auf dem Kopf dargestellt.

Warum läutet der Nikolaus mit einer Glocke?

Noch leben im «modernen» Nikolaus alte Symbole weiter: Die Glocke, beispielsweise, war früher das obligatorische Utensil, womit sich Leprakranke vor Ansteckungsgefahr bemerkbar machen mussten oder womit Pilger um Aufmerksamkeit für Ihre Bettelei baten sowie Irre eben die Glöcklein an der «Narrenkappe» verpasst bekamen…

Es würde den Platz hier bei weitem sprengen, wenn alle Aspekte um die Sage des Nikolaus am Oberrhein beleuchtet werden sollten, so wie sie bis zum 2. Januar 2006 im elsässischen Freilichtmuseum Ecomusée d‘Alsace präsentiert werden. Gehen Sie doch selbst hin während der Weihnachtswoche, mit Ihrer Familie, mit Ihren Kindern, und entdecken Sie dort die teils absichtlich versteckten Elemente, mit denen Sie sich dann die Geschichte vom «Wilden Mann» von «Hans Trapp», vom «Schmutzli» und Co. erzählen lassen können. Viele Beschriftungen zu den Nikolaus-Elementen sind übrigens zweisprachig französisch-deutsch angeschrieben.




So kennen ihn die Basler, pardon, die Klein-Basler: das «Ehrenzeichen «Wild Maa» der «Ehrengesellschaft zum Wilden Mann». Foto: Seniorinnen im Netz


Nützliche Informationen zum Ecomusée

Restaurant-Reservationen

Tel. 0033 3 89 74 44 95 (von der Schweiz und von Deutschland aus)
oder 03 89 74 44 95 (in Frankreich)

Allgemeine Informationen und Hotel-Reservation

Tel. 0033 3 89 74 44 74 (von der Schweiz und von Deutschland aus)
Fax 03 89 74 44 65 (in Frankreich)

Eintrittspreise bis 2. Januar 2006

Erwachsene: 7,50 Euro
Kinder: (von 6 bis 16 Jahre): 3 Euro

Öffnungszeiten bis 2. Januar 2006

Museum und Animationen: 10 bis 17 Uhr

Restaurant: abends geöffnet, Zugang von ausserhalb des Museums

Hotel: Récéption rund um die Uhr

Das Museums-Dorf schliesst in der Winterperiode vom 3. Januar bis 17. März 2006 und eröffnet am Samstag, 17. März 2006, die kommende Saison 2006

Hotel und Restaurant schliessen ganz vom 3. Januar bis 27. Februar 2006




Wenn Sie Glück haben, schneit es doch noch bis zu Neujahr - dann ist es besonders romantisch im Ecomusée d'Alsace.




Festtags-Desserts zubereiten: Eine der Animationen während der Festtagswoche für Kinder.




«Bredla» heissen Weihnachtsgutzis im Elsass - eine spannende Sache, wenn man sie im Ecomusée d'Alsace selber machen darf!


Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Die Legende vom Nikolaus von Myra

• Hans Trapp - was die alemannische Wikipedia über ihn weiss

• Mehr über den «Wilden Mann» auf deutsch auf Wikipedia

• Deutsche Nikolaus-Forschung: Broschüre 55 S. zum Downloaden im PDF-Format


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