Artikel vom 17.12.2005

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Elsass - Wirtschaft

150 Ecomusée-Leute demonstrierten

Der oberelsässische Generalrat in Colmar hatte kein Gehör für den unüberhörbar laut, bunt, kreativ, friedlich, aber ernst durchgeführten Protestzug für ihre Arbeitsplätze

Von Jürg-Peter Lienhard



Die Demo-Banderole war fast so lange, wie der repräsentative Platz vor dem Generalrats-Gebäude. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2005 (Grosse Fotoreportage am Schluss diese Artikels.)


COLMAR (F).- Wäre die Angelegenheit nicht so traurig, man hätte lachen müssen ob des so witzig und pfiffig inszenierten Demonstrationszuges: Die 150 Angestellten des Ecomusée d‘Alsace von Ungersheim bei Mulhouse, machten sich am Freitagnachmittag, 16. Dezember 2005, mit Ochsen, Eseln, Oldtimer-Traktoren auf nach Colmar, um die 37 500 Unterschriften einer in Rekordzeit gesammelten Petition gegen die Defavorisierung des grössten französischen Freilichtmuseums beim oberelsässischen Parlament zu deponieren. (Siehe Artikel «Ecomusée d‘Alsace: SOS» vom 13.12.2005 auf webjournal.ch - Link am Schluss.)

Von weitem hörte man Trommeln, Trompeten (es fehlten nur noch die Pfeifer) und ein ohrenbetäubender Lärm von «leicht veränderten» Weihnachtsliedern, die aus Lautsprechern von einem von Ochsen unter dem Joch gezogenen Karren schmetterten. Es war, als ob ein schräger Zirkus in die weltberühmte Hauptstadt des elsässischen Weines eingefallen wäre: Die 150 Angestellten des Ecomusée d‘Alsace kamen alle in ihren «Arbeitskleidern» zur Demo, und wer nicht Schmied, Ochsentreiber oder Gärtner war, trug ein Kostüm aus der historischen Jahrmarktsabteilung oder war eine der Figuren, womit das Museum für gewöhnlich Jahreszeiten- und volksbräuchliche Animationen dem Publikum darbietet.

Der skurril-farbenprächtige Zug hielt vor dem neuen, repräsentativen oberelsässischen Parlament, dem Generalrats-Gebäude, und stellte sich in einem riesigen Kreis auf. Dahinter ein gut 20 Meter langes Transparent mit der Aufschrift «Notre Ecomusée on y tient!», versehen mit dem elsässischen Wappentier, dem Storch. Dazwischen drei mächtige Oldtimer-Traktoren. Bei einem handelte es sich um diese weltberühmte Marke Lanz-Buldogg; die Zugmaschine hustete gewaltig und stiess dicken blauen Rauch in den Himmel vor dem Parlament.

Ochs und Esel demonstrierten mit

Ebenso eindrücklich war das Ochsengespann unter dem Joch, das einen Wagen mit Lautsprechern und Flugblättern zog. Die im Ecomusée gehaltenen Ochsen sind höchst sensible Tiere; ihr Betreuer dirigiert sie allein mit leisen Zurufen. Und dann war auch auf Platz der «Nachfolger» Benjamins, dem ersten richtigen Esel im Ecomusée. Er wurde betreut vom Biologen François Kiefer. Das Urgestein Kiefer ist seit den Anfängen des Ecomusée vor 21 Jahren dabei und hat äusserst effizient Projekt um Projekt um Haustierhaltung, Mustergärten und -Felder sowie das immense Apfel-Museum mit seinen über vierhundert Bäumen, verwirklicht. Schliesslich anzutreffen war auch Guy Macchi, Gründer-Vize, wohl der beste Baumeister im Elsass und unerreichter Feldforscher elsässischer Volkskunde. Dann sah man auch den «Handörgeler», der auch schon seit Urzeiten dabei ist, etliche Frauen, die mit grosser Sachkenntnis Führungen abhalten und dadurch den Ruf des Ecomusée als charmantestes Museums-Dorf in die Welt hinaustragen helfen.

Wen man nicht sah, muss auch noch erwähnt werden: Kein einziger Abgeordneter des oberelsässischen Generalrates liess sich zeigen. Fernster hat der Prunkbau eh nicht, aus denen sie verstohlen hätten hinausäugen können. Und es ist fraglich, ob der Riesenlärm der Ecomusée-Leute überhaupt durch die schalldämpfende Glasfassade gedrungen ist.

Von wegen Eindringen: Der Eingang zum Parlament war nicht etwa von der Gemeindepolizei oder von der Gendarmerie bewacht, sondern von den «CRS», der gefürchteten Nationalgarde, und wohl hockten noch Mannschaften in einem Untergeschoss in ihrer martialischen Rüstung in Panzerfahrzeugen und warteten (vergeblich) auf einen rabiaten Einsatz. Die Leute vom Ecomusée d‘Alsace empfanden die Bewachung des Eingangs durch die immerhin nicht behelmten Spezialkräfte als demütigend, zumal sie die Demo als «friedlich, im weihnächtlichen Sinne der Liebe» schriftlich angekündigt hatten.

Zehn unbeantwortete Fragen

Der Gründer des Ecomusée d‘Alsace, Marc Grodwohl, ironisch als «Hanswurst» verkleidet, rief in einem äusserst heftig vorgebrachten Statement die Herren und Damen Generalräte zur Wahrnehmung ihrer Verantwortung auf. Er bezog sich auf die zehn Fragen, die er zur Zukunft seiner 150 Mitarbeiter dem den beiden ober- und unterelsässischen Generalräten übergeordneten Conseil Régional d‘Alsace zukommen liess. Resultat: pas de réponse, will heissen: «Gugguuseli!»… Grodwohl stieg der Zorn während seiner kurzen Flammenrede sichtbar tiefrot ins Gesicht (Wortlauf des Fragenkataloges siehe Schluss via Link).

Daraufhin wurde dem Präsidenten der «Freunde des Ecomusée d‘Alsace» (AEA), François Capber, erlaubt, die 37 500 Unterschriften der Petition einem Beamten des Parlamentes am Empfang abzugeben. Capber war als Sankt Nikolaus in roter Kutte und weissem Bart verkleidet und transportierte die zwei «Klausen-Säcke» voller Unterschriften in einem historischen Buschiwagen über die schmale Brücke des Zier- und Schutzweihers ins Parlamentsgebäude. Die Übergabe an den armen Parlaments-Diener verlief ziemlich unspektakulär und völlig unverbindlich - wohl, weil der Beamte nicht wusste, was er mit den Säcken anfangen sollte…

Eine Spuk-Stunde…

Der Aufmarsch vor dem Parlament, die enttäuschte Rede Grodwohls und die Petitions-Übergabe dauerten etwas mehr als eine Stunde, in der viele der Kostümierten zu den entfremdeten Pop-Weihnachtsklängen tanzten. Dann gabs heissen, mit Zimt und Zitrone angereicherten Apfelsaft, und ab ging die Karawane mit zwei Autobussen von Martinken Bollwiller und den huckepack aufgeladenen Traktoren zurück ins Ecomusée d‘Alsace bei Ungersheim, wo ausnahmsweise nur Hotel- und Restaurationsbetriebe fürs Publikum zugänglich waren.

Wie bereits auf webjournal.ch beschrieben (siehe Artikel «Ecomusée d‘Alsace: SOS» vom 13.12.2005, Link hier am Schluss), steht das Ecomusée d‘Alsace im Clinch mit der Politik, die das höchst umstrittene Projekt «Bioscope» vor der Türe des Freilichtmuseums favorisiert und es deswegen gewissermassen finanziell aushungert. So ist der Generalrat weder vollumfänglich seinen bereits gesprochenen Verpflichtungen zur Mitfinanzierung infrastruktureller Aufgaben des Ecomusée nachgekommen, noch macht er Anstalten, seine ebenfalls gesprochenen Subventionen für das Jahr 2006 zu ratifizieren.

Seit Oktober warten auf 350 000 Euro…

Das hat dazu geführt, dass gegenwärtig in der Ecomusée-Kasse ein Loch von 350 000 Euro klafft, wodurch die Lohn-Verpflichtungen gegenüber den 150 Angestellten akut gefährdet sind. Die 350 000 Euro hätten Anfang Oktober gezahlt werden sollen - stehen aber bis jetzt aus zwielichtigen Gründen aus.

Hintergrund ist das verworrene Projekt «Bioscope», das bereits drei Mal redimensioniert wurde und mehrere Dutzend Millionen (!) Euro geschluckt hat. Um das «Fass ohne Boden Bioscope» zu stopfen, will die Lobby des Initanten und unterleässischen Politikers Adrien Zeller das Ecomusée zur «Fusion» mit dem «Bioscope» zwingen, was sich aber Ecomusée-Gründer Marc Grodwohl nur über seine Leiche gefallen lassen würde. Indessen scheinen die Zahlungsprobleme des Generalrates darauf hinzudeuten, dass man das erfolgreiche Freilichtmuseum gewissermassen aushungern lassen will.

«Schrumpf»-Projekt Bioscope

Die Politiker-Rankünen sind selbst für ortsansässige Journalisten undurchsichtig. Zumal seit Jahren nun nur negativ über das Projekt des technischen Vergnügungspark «Bioscope» in den Medien berichtet wird. Anfänglich für 120 Arbeitsplätze ausgegeben, dürften es bis zu seiner bevorstehenden Eröffnung im Juni 2006 weniger als 30 sein. Andere Quellen sprechen gar von nur gerade 15.

Kenner der Materie - ausserhalb des Ecomusée - warnen vor übertriebenen Erwartungen in Zusammenhang mit dem «Bioscope»: Ein anhaltender Zulauf sei unwahrscheinlich, da die Leute ja alle diese Medien schon kennten, womit das «Bioscope» lockt: Grossleinwände in Kuppelbauten, elektronisches Spielzeuge (das sie selbst besitzen) usw. Und weiter sind andere, grössere ähnliche Projekte in Frankreich entweder konkurs gegangen oder stehen davor…

Synergien unwahrscheinlich

Synergien in der Zusammenarbeit mit dem Ecomusée sind nicht zu erwarten, da das «Bioscope» quasi einen Alleinbesitzanspruch geltend macht, der bereits von den Entscheidungsträgern im Oberlesass durch die ungeheure Investition von inzwischen wohl über 100 Millionen Euro auch abgesegnet worden war. Klar, dass da Grodwohl und seine Equipe sich schmählich von der Politik im Stich gelassen fühlen, zumal seine Ansprüche im Vergleich zum «Bioscope» eher ein Klacks sind und erst noch hautpsächlich für die Infrastruktur vorgesehen sind. Eine Aufgabe für das Gemeinwesen, das Grodwohl mit Bezug auf seine 150 Arbeitsplätze und jährlich im Schnitt 300 000 Besucher reklamiert, und mit diesen Tatsachen auch einen wirtschaftlichen Trumpf in der Hand hält.

Aber die Entscheidungsträger im Generalrat haben nicht mit der Hartnäckigkeit von Marc Grodwohl gerechnet, der sicher nicht klein beigibt, wie die Demo gezeigt hat. Doch die Politiker haben noch andere als finanzielle Waffen: Der Rufmord, die Ignoranz und das politische System. Rufmord vewendete der Generalratspräsident Charles Buttner, als er vom Ecomusée d‘Alsace als «Fass ohne Boden» im gleichen Atemzug in die Welt hinausposaunte, als weitere Millionen für das «Bioscope» anstanden. Ignoranz ist die Taktik von General und Regionalrat, die Demarchen des Ecomusée d‘Alsace ignorieren. Und das System: Frankreich ist keine direkte Demokratie…


Fotoreportage von J.-P. Lienhard, Basel © 2005





Bénédicte Nyyssonen (links), trägt den Namen ihres finnischen Gatten und ist als Sekretärin die rechte Hand des Ecomusée-d'Alsace-Gründers - seit 25 Jahren…








François Kiesler mit Esel: Das Ecomusée d'Alsace ist auch ein Tierpark. Ein Tierpark für Haustiere, die sonst bald nur noch in Tierfabriken leben und so aus dem Bewusstsein der städtischen Bevölkerung entschwinden..




















Kontrast: alte «Modernität» im Fokus «neuer»…





Marc Grodwohl im Gespräch mit einer Journalistin.





Marc Grodwohl bei seiner «Flammenrede» - «Flammeküecha» ist übrigens eine kulinarische Spezialität, die besonders gut im Restaurant des Ecomusée d'Alsace schmeckt, wo diese Traditionsspeise im Holzofen gebacken wird.









Auch ehemalige Kumpels aus den elsässischen Kaliminen waren dabei. Sie haben in Fronarbeit am Kaliminen-Museum des Ecomusée d'Alsace mitgearbeitet.









Der Präsident des Freundevereins Ecomusée d'Alsace, François Capber, bringt allein und unter strenger CRS-Bewachung die 37 500 Unterschriften der Petition für die 150 Arbeitsplätze ins Parlamentsgebäude.

























Guckt belämmert darein: Der Parlaments-Diener, der nicht weiss, was man mit 37 500 Unterschriften gegen gefährdete 150 Arbeitsplätze machen soll…













«Lanz-Bulldogg», der sagenhafte Traktor aus den 30er-Jahren läuft und läuft. Und das Schöne daran: er ist, wie alles im Ecomusée d'Alsace, nicht zu Tode restauriert worden. Selbst die Reifen stammen aus seiner gloriosen aktiven Zeit…










QUO VADIS ECOMUSEE D'ALSACE?



Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Zehn Fragen Grodwohls an den Regionalrat

• Artikel vom 13.12.2005 «Ecomusée d'Alsace SOS»

• «Bioscope» ruft «Europapark in Rust auf den Plan

• Lesen Sie den Kommentar von J.-P. Lienhard: Ein Mann kämpft um sein Werk und für seine Leute


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