Artikel vom 15.12.2005

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Motz

Begriffssalat à discrétion

Was ist ein Direktor, was ein Vorsteher, und warum ist nun bald ein jeder Minister?

Von Jürg-Peter Lienhard



Wollt ihr einen Ministerpräsidenten? Dann sollt ihr einen haben: So einen!



In den Schweizer Medien breitet sich eine Begriffs-Kontamination aus, von der sich Journalisten so leicht anstecken lassen, wie jedermann von einer hundskommunen Grippe.

In der Basler Zeitung (baz), im Regionaljournal Basel und im qualitativ so hochstehenden «Echo der Zeit» auf Schweizer Radio wird munter zusammengewürfelt, was nicht zusammen gehört.

Da wird in der baz und im lokalen Sendegefäss Regionaljournal Basel aus einem Vorsteher des baselstädtischen Erziehungs- oder Polizeidepartementes, pardon Sicherheits-Departementes, kurzum ein «Direktor», als sei er ein Baselbieter Regierungsrat.

Nur im Baselbiet gibt es Direktoren, und nur die stehen einer Direktion vor, aber ihr Amt ist gleichwohl dasjenige eines Regierungsrates. Die Baselbieter Direktoren tagen nämlich als Regierungsrat und nicht als Direktoren-Konferenz.

Es kommt aber noch besser: Regierungsrat Ralph Lewin ist Vorsteher des Wirtschafts- und Sozialdepartementes Basel-Stadt - das ist, zugegebenermassen ein langer Titel, weshalb faule Kollegen am Radio ihn kurzerhand zum Minister erküren, ungefragt selbstverständlich.

Damit nicht genug: Die Mitglieder des Exekutiv-Rates in der schweizerischen Eidgenossenschaft heissen Bundesräte. Sie sind, gemäss offizieller Nomenklatur, Vorsteher eines Departementes.

Der ehemalige Spiegel-Korrespondent in der Schweiz und Radiomann, Ludwig A. Minelli, hatte als kritischer Zeitgenosse gerne einzelne Mitglieder des Bundesrates als «Minister» verhöhnt - ja wirklich, er hat diesen Ausdruck im ironischen Sinne erfunden. Seither plapperns seine Nachfolger in vollem Ernst nach - wie Papageien. Wenn Minelli hässig wurde, sprach er von «unseren Angestellten», weil hierzulande «das Volk der Chef ist!»…

Eben wurde also dieser Tage der «Minister» Moritz Leuenberger, Vorsteher des Verkehrs- und Energiewirtschafts-Departementes der schweizerischen Eidgenossenschaft, zum Bundespräsidenten für das Amtsjahr 2006 gewählt.

Nun warte ich sehnsüchtig darauf, dass ein Jungtürke aus unserer Zunft am Radio oder Fernsehen Leuenberger demnächst als «Ministerpräsidenten» ankündigt, zitiert oder hofiert…

Als «Amts-Kollege» Blochers hat er es bereits ins «Echo der Zeit» geschafft, obwohl Kollege genügte, weil Kollege… Amtsgenosse heisst.

Na, das sollte man in unserer Zunft doch wissen, aber es brauchte noch einige Übung, bis auch das «bräuchte» aus Radio, TV und Gazetten verschwindet…

Nämlich so lange, bis es Sinn macht, dass es keinen mehr hat…




Der Tag liegt nicht mehr fern, an dem saloppes Medienschweizerdeutsch aus dem Bundespräsidenten einen Ministerpräsidenten oder gar einen Premier-Minister macht. Dann stellt sich aber die Frage, wie denn die verursachenden Kollegen von Radio und TV Herrn Leuenberger ansprechen wollen: Exzellenz? Hoheit? Majestät?… Foto gefälscht von J.-P. Lienhard




Hoppla, da ist mir die NZZ vom Sonntag», 11. Dezember 2005, zuvorgekommen, obwohl meine Motz-Glosse schon ein paar Tage auf Gelegenheit zur Publikation wartete: Die Einführung des «Premierministers» in der Schweiz ist also nur noch eine Frage der Zeit…

Von Jürg-Peter Lienhard


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