Artikel vom 16.11.2005

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Schmidt präsentiert

Integration mit Vorbehalten

Die explosive Lage in Frankreich betrifft ganz Europa, denn zu lange wurden die aufgestauten Probleme schöngeredet: Jetzt wird es höchste Zeit, offen über sie zu sprechen!

Von Aurel Schmidt



«Liberté» und «Egalité» bedeuten in der französisch-muslimischen Auffassung nicht dasselbe, wie es die Aufklärer gemeint haben.



Bassam Tibi, in Damaskus geborener Professor für internationale Beziehungen in Göttingen *), ist in einem Artikel in der «Financial Times Deutschland» auf das Problem der Unruhen in Frankreich eingegangen. Verantwortlich macht er die fehlenden Zukunftsperspektiven der Jugendlichen, die gar keine Eingewanderten sind, sondern in Frankreich von eingewanderten Eltern geboren wurden. Genau so besassen die Attentäter des Anschlags in London vom 7. Juli 2005 die britische Staatszugehörigkeit. Nationalität und Beherrschung der Landessprache haben ihnen bei der Integration nicht geholfen.

Gleiche Unruhen wie in Frankreich werden sich auch in Deutschland wiederholen, prophezeit Tibi. Sie haben sich bereits auf Brüssel, Athen und andere europäische Städte ausgebreitet. Für Zündstoff ist gesorgt! Europa hat ein unausgesprochenes Problem. Tibi spricht von «Europas Lebenslüge».




Bassam Tibi *)



Es ist aber eine offene Frage, ob die Integration versagt. Also die Frage, ob es tatsächlich ein echtes Verlangen nach Integration gibt. Ein Bericht über die Verhältnisse in der Schweiz ist kürzlich zum Ergebnis gekommen, dass sich die «offiziellen» Vertreter der muslimischen Körperschaften gut aufgenommen fühlen. Gut zu wissen. Wie es jedoch um die diesbezügliche Befindlichkeit des Grossteils der muslimischen Bevölkerung steht, wurde repräsentativ nicht untersucht

Immigration und Armut in Europa

Das Problem, mit dem Europa konfrontiert ist, ist das Problem der Armut, die sich trotz regelmässig wiederholten Beteuerungen über zunehmenden Wohlstand ausbreitet. Nicht nur die Nachkommen der Eingewanderten sind davon betroffen. Die Ursache liegt also vielleicht eher in der «Ethnisierung» der Armut.

Tibi spricht im Zusammenhang mit den Folgen der Einwanderung ziemlich direkt von einem «Armutsimport». Doch für die Secondos, die Nachfahren der italienischen und spanischen Einwanderer, hat sich die Lage nie so gestellt wie heute für die Einwanderer-Nachkommen aus dem arabisch-afrikanischen Raum. Das muss zu denken geben. Im Basler Grossen Rat gibt es indes verschiedene Grossräte türkisch-kurdischer Herkunft.

Das Problem muss dringend aufgegriffen werden, «ohne eine Zensur der Political Correctness», wie Bassam Tibi sagt. Das ist vielleicht der springende Punkt. In der Schweiz haben wir viel zu lange versucht, von Integration, multikultureller Toleranz, der Schweiz als Asylland beziehungsweise, je nach Opportunität, als Einwanderungsland und so weiter zu sprechen und im Grunde genommen nichts getan, als die Probleme unterdrückt beziehungsweise schöngeredet. Wir sind alles «Liebe und Gute und wollen nur das Beste». Wer kritische Einwände machte, wurde sofort als Fremdenfeind oder Rassist bezeichnet. Jetzt bekommen wir die Folgen zu spüren.

Es sind eigentlich zwei Probleme, die eng miteinander verbunden sind: die Integration und die Immigration.

Die Entstehung von Parallelgesellschaften ablehnen

Die Integration ist eine Willensbekundung, die von Eingewanderten kommen muss. Sie sind es, die sich an die hiesigen Verhältnisse anpassen müssen, wenn sie sich hier niederlassen wollen – sagen wir mal: So, wie ich mich an die Umstände anzupassen habe, wenn ich in ein anderes Land reise, zum Beispiel nur schon als Tourist. Was nicht gegen eine gewisse Internationalisierung der Gesellschaft spricht, gegen die nichts einzuwenden und auszurichten ist. (Um keine Fragen aufkommen zu lassen: Ich bin selber nur ein halber Schweizer. Ich weiss also, wovon ich spreche.)

Finnen und Schweizer und Brasilianer kommen meistens gut miteinander aus. Die einen laufen Ski, die zweiten jodeln, die dritten tanzen Samba und alle sind guter Laune. Aber wenn die Mentalitätsunterschiede zu gross werden, wird es schwieriger, miteinander auszukommen. Das klassische Beispiel ist der türkische Vater, der seiner Tochter untersagt, am Turnunterricht teilzunehmen. Ein anderes sind die Türkinnen, die fünf Meter hinter dem Mann herlatschen. Oder es ist die Tatsache von Zwangsheiraten, von der Rettung von Familienehren und so weiter. Hier drücken sich Auffassungen aus, die den unseren total widersprechen.

Diese Differenzen haben sich zunehmend verstärkt, und wir schauen beinahe fassungslos zu, wie sich in bestimmten Quartieren in unseren Städten Parallelgesellschaften entwickeln, in denen die Verhältnisse bereits soweit fortgeschritten sind, dass es heute fraglich ist, ob überhaupt ein Integrationswunsch vorhanden ist. Es bilden sich exterritoriale Gebiete heraus.

Ob es weitsichtig ist, aus multikulturellem Verständnis diese Entwicklung zu tolerieren, ist fraglich. Aber bei 20 Millionen Moslems in Europa ist das doch ein beträchtliches Konfliktpotential.

Überforderte Sozialsysteme

Der zweite Punkt: die Einwanderung. Sogar der kritische Tibi kommt nicht um die Feststellung herum, dass im Gegensatz zu den traditionellen Einwanderungsgesellschaftem (USA, Kanada, ferner Australien, wo aber die ethnischen Konflikte an Virulenz ebenfalls zunehmen) sich bei uns immer deutlicher «das Fehlen einer Politik zur Steuerung der Zuwanderung» bemerkbar macht.


Europa braucht wegen seines Bevölkerungsschwunds Migranten, auch die Schweiz, «aber es braucht», so Tibi, «keine Armutsflüchtlinge, die in das Sozialsystem einwandern». Und es an die Grenzen seiner Tragfähigkeit führen, wie man hinzufügen muss. Das kommt einer Selbstüberforderng gleich, die nichts Gutes verspricht.

Das ist eine deutliche Sprache. Sie wurde lange unterlassen. Die sogenannten Unruhen in Frankreich, die es immer wieder gegeben hat, haben die Ruhe gewaltsam gestört. Der Entwicklung wie bisher freien Lauf zu lassen, mit einigen Alibi-Korrekturen, das wird nicht mehr gehen.

Vier Vorschläge, was zu tun ist

Es wird also einiges zu tun geben. Politik heisst im Idealfall, die Lebensumstände und die Zukunft bewusst gestalten. Dazu gehört, dass wir, die hier leben, uns mit den veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen auseinander setzen und aufhören, in geilen Parties und Events für die einen und raffinierten Börsenoperationen für die anderen die Erfüllung unserer Wünsche zu sehen. Es könnte sonst ein böses Aufwachen geben.

Dazu gehört sodann der Wille, in Zukunft die Dinge deutlich beim Namen zu nennen. Ihnen freien Lauf zu lassen und hinterher mit einer falschen Rhetorik zu begiessen wie bisher, kann nicht der richtige Weg sein. Das ist schon zu lange geschehen.

Dazu gehört ferner, den Eingewanderten integrative Angebote zu machen, aber auch zu erwarten, dass sie sie annehmen. Das schliesst mit ein, dass das Prinzip der Laizität sowie die kritische Diskussion, auch in Belangen der Religion, akzeptiert wird. Dass sich die Zugewanderten hier gut einleben, ist eine Voraussetzung, damit es ihnen auch wirtschaftlich gut geht.

Und dazu gehört schliesslich, dass die Wirtschaft nicht nur ihre unmittelbaren Interessen verfolgt, sondern sich auch auf ihre Verantwortung für die Allgemeinheit besinnt. Sie könnte in dieser Hinsicht noch etwas zulegen.

*) Bassam Tibi ist Professor für Internationale Beziehungen in Göttingen. Er ist Autor des Buches «Islamische Zuwanderung. Die gescheiterte Integration».




«Brennt Paris?», fragte ein Menschheitsverbrecher im Zweiten Weltkrieg. «Paris brennt», meldeten im Oktober 2005 die Medien der Welt. Die Zeichen dieses Fanals wider die abendländische Toleranz liessen vorübergehend aufhorchen.




Umschlag zu Bassam Tibis Buch «Fundamentalismus im Islamd». Link zum Verlag siehe unten.

Von Aurel Schmidt

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Tibis Artikel in «Financial Times Deutschland»

• Tibis «FTD»-Artikel zum downloaden im PDF-Format

• Tibis Buch: «Fundamentalismus im Islam» - Link zum Verlag

• Tibis Biografie auf wikipedia.org


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