Artikel vom 28.10.2005

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J.-P. Lienhards Lupe

Glosse

Vogel-Virus bei der Migros…

…und bei über 2000 Migros-Konsumenten noch dazu!

Von Jürg-Peter Lienhard



Wackere Mannen und Frauen von der SP-Sektion Bottmingen beim Weichkneten der «Grättimänner» kurz vor dem «Niggi-Näggi» am 6. Dezember. In Basel machen anstatt Emanzen die Migros dem «Grättimaa» den Garaus, indem sie ihn schon im Sommer verkauft…



Da soll mir doch einer sagen, bei den Migros-Oberen sei noch alles gesund im Oberstübchen: Am Mittwoch, 26. Oktober 2005, sind im Migros-Supermarkt «Paradies» in Allschwil Hunderte von Grättimännern verkauft worden! Noch vor der «Herbschtmäss», dem traditionellen Basler Herbstanlass mit so leckeren Confiserie-Prododukten wie «Maagebrot», «Mässmogge» oder «Rosekiechli».

Doch dieses Vergnügen torpedieren die Migros-Oberen mit dem «Grättimaa», einem Gebäck zum noch lange nicht vor der Türe stehenden Sankt-Nikolaus-Tag, dem in Basel «Niggi-Näggi» geheissenen 6. Dezember. Der Sankt Nikoaus ist der Freund der Kinder: Er beschenkt die Braven - was immer «brav» auch heissen mag - mit Aepfeln, Nüssen und Birnen und steckt die «bösen Buben und Maitli» in seinen Sack, um sie im Schwarzwald während eines Jahres «Riebli» rüsten zu lassen. Auf dass sie bis zum nächsten «Niggi-Näggi-Daag» eben so brav werden, wie die beschenkten Langweiler.

Der «Niggi-Näggi-Daag» am 6. Dezember beginnt traditionellerweise (Betonung auf traditionellerweise) mit dem Schlachten des «Grättimaa», den man danach in heissen «Gaggo» tunkt und genüsslich mampft, weil ja abends dann die Abrechnung droht: Vom «Niggi-Näggi» mit dem dicken Buch, wo alle Schandtaten des Jahres vermerkt sind.

Der «Grättimaa» ist ein Süssgebäck, nachgeahmt einem «Männela», wie er im Elsass, das ebenfalls zur alemannischen Traditionsregion gehört, auch heisst.

Der Butterteig, aus dem die «Männela» oder «Grättimannen» gebacken werden, ist das ganze Jahr über in Form von «siesse Weggli» in den Bäckereien erhältlich. Geschäftstüchtige Bäcker formen neuerdings, damit die Gebäcke den Konsumenten ja nicht langweilig werden, daraus zum Beispiel das Osterlamm oder in der Adventszeit einen Tannenbaum. Doch der «Grättimaa» war zuerst da, und wenn er ein paar Tage vor dem «Niggi-Näggi» in den Bäckerei-Auslagen auftaucht, ist klar, was vor der Türe steht: die Weihnachtszeit.

Ein «Grättimaa» war vor dem Klimawandel ein untrügliches Zeichen dafür - und besonders dafür, dass der Winter eingezogen ist. Dieses Jahr (2005), nun bald Ende Oktober, ist kein Häuchlein und kein Lüftlein dabei, das Winterhalbjahr anzukündigen. Schliesslich war am Donnerstag, 27. Oktober 2005, in Basel tagsüber bis 21 Grad (Wärme!) gemessen worden.

Und was hat dann ein «Grättimaa» in dieser «Sommers»-Zeit in der Migros zu suchen? Und wann ist denn «Niggi-Näggi»? Die Antwort konnte man im Migros-Supermarkt «Paradies» in Allschwil am Mittwoch, 26. Oktober 2005, bei 21 Grad (!) sehen und riechen: «Niggi-Näggi» ist in der Migros dann, bevor die traditionelle «Herbschtmäss» in Basel mit dem (traditionellen) Einläuten durch das Martinskirchlein-Glöckelin beginnt. Oder dann, wenn die Migros vor lauter Schiss vor der Konkurrenz, den Jahreskalender um Monate zurückdreht.

Die Migros streckt an diesen Tagen allen Kindern die Zunge heraus und zeigt ihnen erst noch den blutten Arsch (von hinten!): Ihr blöden Kinderlein, ihr, ihr heisst ja sowieso «Kids» heutzutage, trägt den Tschäpper verkehrt herum und kauft im Sommer einen «Grättimaa», weil das, «oh Mann», eben «so cool» ist und das Mami so blöd!

Immerhin sind die Migros-Oberen nicht blöd, sondern ganz gerissen, «geil» auf Geld, und als solches eben ohne Rücksicht weder auf den Charme einer kinderfreundlichen Tradition noch auf ihr eigenes Image. Oder sind sie eben doch blöd, weil sie quasi ihr eigenes Unternehmen kannibalisieren, indem sie in diesem Stil weitermachen, bis sie im Frühling «Wiehnachtsgutzi» verkaufen, an Weihnachten Osterhasen und im Sommer «Mässmögge», und zwar so lange, bis dies den Konsumenten zum Halse heraushängt und kein Saison-«Hipe» einen Umsatzschub mehr zu geben vermag?

Das alte Image der Migros als ein verlässlicher Partner des Konsumenten verblasst rasant zugunsten eines «modernen» Images eines rücksichts- und traditionslosen Konsumgiganten, dem sogar das winzige Geschäftlein der «Grättimaa»-Tage zu Beginn des Monats Dezember nicht zu billig ist, um es auch schon im Frühherbst auszupressen, wie eine seiner unreifen Zitronen, die Migros eben logischerweise aus logistischen statt konsumentenfreundlichen Gründen auch verkauft.

Die Diagnose, die man den Migros-Oberen stellen muss, heisst: die haben einen Vogel, ein Virus, das auch für die Konsumenten ansteckend ist! Das Vogel-Virus der Migros-Oberen hat schon fast 2000 Sommer-«Grättimaa»-Konsumeten angesteckt - denn so viele «Männela» dürften es gewesen sein, die nun schon Monate vor dem «Niggi-Näggi» bei der Migros verkauft worden waren. Wenns weniger gewesen sind, dann warens halt zwar weniger, dafür aber mindestens zum Gegenwert von 2000 blöden Konsumenten…

Arme «Kids», pardon: arme Kinder!

Von Jürg-Peter Lienhard


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