Artikel vom 28.09.2005

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Bücher

Ein Pfarrer war Kultbuch-Schöpfer

«Mein Name ist Eugen» ist kein Jugendbuch, obwohl es in der Sprache der Jugend verfasst worden war - jetzt auch noch verfilmt im Kino in Basel

Von Jürg-Peter Lienhard



Pfarrer Klaus Schädelin, unsterblicher Schöpfer des eben so unsterblichen «Eugen». Bild aus dem Klappentext.



Das Kultbuch «Mein Name ist Eugen» ist auf bestem Wege, missverstanden zu werden: Die Verfilmung des Klassikers schweizerischer Literatur legt das Schwergewicht auf die Streiche des Buben-Kleeblattes um Eugen, Wrigley, Eduard und Bäschteli. Was kein Film zu bewältigen vermag, ist die Sprache und der quere Einfallsreichtum seines Schöpfers, des verstorbenen Berner Pfarrers und Lokalpolitikers Klaus Schädelin.

Wer unter den Eidgenossen Humor hat, den wollen Behörden und Moralisten bestrafen. So war es im Jahr 1955, als der angehende Pfarrer Klaus Schädelin sein Büchlein «Mein Name ist Eugen» veröffentlichen liess. Das «pädagogische Viertel» denunzierte ihn umgehend, ein «Handbuch für unverantwortliche Jugendstreiche» verfasst zu haben, mit der Begründung: «Es ist eine unumstössliche Tatsache, dass Bücher in der Art des „Eugen“ mitgeholfen haben an der Untergrabung der Autorität von Eltern und Erwachsenen gegenüber der Jugend…».

1955 war weit von 1968 entfernt

Nun ja, 1955 war noch weit von 1968 entfernt, als dann die «Autoritäten» von den erwachsen gewordenen «Eugens» wirklich gehauen wurden. Und seit 1968 sind wieder ein paar Jahrzehnte vergangen, die damalige Jugend ist wieder erwachsen geworden und hat auch wieder Jugend produziert. Doch diese Jugend ist vornehmlich «frustriert», hat wenig Berufsperspektiven, ist konsumverwöhnt und secklet den Massensport-Veranstaltungen nach, wo geschlägert und geschmiert und vandaliert wird.

Eugen und Co. haben für ihre Heldentaten das Wissen, besser gesagt Halbwissen, sich noch aus Büchern der grossen Abendteurer und nicht aus amerikanischen Schrott- und Gewaltfilmen via TV besorgt. Ihre Freizeit musste ausgefüllt werden, womit man damals eben Freizeit ausfüllen konnte: Im Gerümpel des Estrichs, auf einer Ausreisserfahrt per Rücktritt-Velo oder eben beim Unfung im Museum.

Sartre las auch lieber Spannendes

In meiner Bibliothek reihen sich viele schwergewichtige Bücher mit schwergewichtigem Inhalt von Autoren, die ich hoch verehre, die ich nun trotz beschränktem Platz beim Zügeln mitnehme, statt zu entsorgen. Doch der «Eugen» hat seinen ganz persönlichen Ehrenplatz. Er ist - ich sags ganz offen - mein «Kleinod» der Literatur. Jawohl, der Literatur - der schweizerischen zumal! Mut zu diesem «Bekenntnis» machte mir Jean-Paul Sartre in seinen «Wörtern», wo er, der grosse französische Philosoph, freimütig bekennt: «Noch heute lese ich lieber Kriminalromane als Wittgenstein.»

Schädelins «Eugen» ist für mich ein Meisterwerk, weil es mit der hintergründig gespickten Sprache, dem in Understatement gepackten Humor und der genauen Beobachtung Spannung erzielt, die vom ersten bis zum letzten Satz aus Lebenslust besteht. Schädelins Dramaturgie baut auf die intime Teilnahme des Lesers an den Tagebuch-Eintragungen des Protagonisten Eugen, der seine «schwere Jugend» beschreibt, jedoch unbekümmert in die Welt hinausschreitet - nicht mürrisch, sondern übermütig und originell. Und: Schädelin hat ein untrügliches Gespür für falsche Moral. Seine Romanhelden versuchen denn unermüdlich den «rechten Weg» zu beschreiten, stets vergeblich, weil hypokrite Moral dem gesunden Lebensdrang entgegensteht.

Autor Schädelin kannte die Nöte der Jugend

Schädelin kannte offenbar sehr gut die Nöte Pubertierender. Geschickt lässt er den Leser am Aufbau der Dramatik teilhaben, beschreibt, wieviel Schul- und Familiennöte sich aufstauen, bis wieder einmal eine Kompensation in Form einer Eselei fällig ist. «Es fing harmlos an», schreibt Eugen denn in sein Tagebuch, das er mit den beiden bedeutungsschwangeren Sätzen beginnt: «Mein Name ist Eugen. Das sagt genug, denn eine solche Jugend ist schwer.»

Die Meisterschaft Schädelins besteht darin, dass er diese Jugendnöte statt in psychologisch begründbaren Handlungen in bizarre Streiche, grossmauligem Halbwissen, empfindlicher Kindlichkeit und leise aufkeimender Erotik einbringt in eine Geschichte, die an vielen Stellen geradezu zum Brüllen komisch ist, aber für jeden junggebliebenen Erwachsenen derart einsehbar bar ist, weil der sich in vielen Erlebnissen des Kleeblattes Eugen, Wrigley, Eduard und Bäschteli wiedererkennt.

Garantiert unvergessliches Geschenk

Den «Eugen» habe ich viele Male verschenkt, und es war jedesmal eine Überraschung für mich, wie er bei den Beschenkten «wirkte»: Eine etwas spröde Freundin verschmähte zwar die Lektüre; das Buch geriet dann aber in die Hände ihrer Mutter, die sich «plötzlich und aus heiterem Himmel rücklings aufs Sofa warf, alle Viere von sich streckte und von einem nie erlebten Lachanfall geschüttelt wurde». Das war, oder ist: Eugen!

Mein grösster «Schenk-Erfolg» verursachte ein lieber Freund im Elsass. Ihm habe keine einzige Seite des «Eugens» Mühe beim Verstehen gemacht, obwohl er weder die Schweizer Geographie noch Bern kannte, aber «fast auf jeder Seite Tränen lachen musste». Er verblüffte mich kürzlich, als er Wrigleys Liebesgedicht noch Jahre nach der Lektüre «Eugens» auswendig zitierte, weil ihm das tragische Genie des «Dichters» nur zu bekannt vorkam: «Wenn ich an Deinem Fenster steh/In mondenheller Nacht,/Wüscht‘ ich, dass ich dich Holde seh,/Drum geb ich stark Obacht.»

Langweilige «Jugendbücher»

Es gibt nichts Langweiligeres für die Jugend, als «Bücher für die Jugend» - und das sage ich aus Erfahrung: Karl Mays «Durch die Wüste», war mein erstes Buch, das ich kurz vor meinem achten Geburtstag auf Weihnachten geschenkt bekam. Vieles habe ich damals zwar nicht oder nicht ganz verstanden, aber es war ein Buch der Abenteuer, genau nach meinem Gusto. «Zur intellektuellen Erholung» riet Buchhändler Waser an der Webergasse in Basel meinen Eltern für das dann fällig gewordene Geburtstagsgeschenk eine grossbuchstabige Kladde mit einer «herzigen» Geschichte, worin Vögel sprechen konnten. Es ist das einzige Buch, das Tränen der Wut erzeugte, und das ich je zerrissen habe…

Mit dem «Eugen» machte ich im Alter von etwa neun Jahren Bekanntschaft; er wurde mir «pädagogisch korrekt» und nur «auszugsweise» vorgelesen. Ich fands nicht lustig. Später mit dreizehn nochmals, und ich fands immer noch nicht besonders lustig. In der Rekrutenschule als Motorfahrer kam ich im «Kantonnement», wo er aus unerfindlichen Gründen herumlag, auf den Geschmack. Doch erst im «vertrauens-unwürdig» gewordenen dreissigsten Lebensjahr hat mich der «Eugen» auch von seiner fein ziselierten psychologischen und literarischen Seite gepackt: Ich wurde «Eugen»-Fan.

Vom Lausbuben-Autor zum Fürsorge-Direktor

Klaus Schädelin hat nie mehr einen solchen Wurf wie den «Eugen» fabriziert - sehr zu meinem Leidwesen - vielleicht aber zum Wohle des «Eugen». Schädelin hat indessen ein zweites Buch mit kurzen Pfarrer-Aufsätzen herausgegeben, das mich im Inhalt wie auch in der Schreibkunst sehr enttäuschte. Aus aktuellem Anlass suchte ich es in meiner Bibliothek, wo zum Glück wenigstens noch sein «Eugen» ruhte; Schädelins Aphorismen waren offenbar schon mal als Zügel-Sperrgut entsorgt worden…

So ist also der «Eugen»-Schöpfer in seinen späten Tagen ein besinnlicher Pfarrherr geworden. Er hat sich auch gut in die etablierte Gesellschaft integriert, war doch Klaus Schädelin neun Jahre Pfarrer an der Berner Petruskirche und wurde, wohl als Folge seines «Eugen», später mit Glanz und Gloria zum städtischen Fürsorgedirektor gewählt. Immerhin hat er damit die seinerzeitigen Moralisten abgestraft.

Der Film ist eben ein Film…

Der Film «Mein Name ist Eugen» läuft zurzeit in über 60 Kinos der Schweiz, selbstverständlich auch in Basel. Die Film-Story beschränkt sich jedoch rein auf die «Streiche» des Lausbuben-Quartetts. Der Film erfindet andere Handlungen und andere Schauplätze als im Buch beschrieben und ist dramatisch auf Pointen und Knalleffekte aus, wie es eben ein kommerzielles «massentaugliches» Produkt verlangt.

Dabei geht natürlich der intelligente, eigene Hintersinn des Autors Schädelin verloren, auch wenn öfters aus dem «off» aus «Eugens» Tagebuch zitiert wird. Das Buch ist immer besser als der Film - dies ist eine alte Weisheit. Was allerdings nicht heissen will, dass der «Eugen»-Film missraten ist. Nein, er ist einfach ein anderes Werk als das Buch. Aber der Stil des Autors Schädeli und sein «Subtext» kann man nicht verfilmen. Daher: das Buch «Eugen» unbedingt lesen - vor oder nach dem Film!



Als «Eugen» 1955 in den Druck ging, «riss man sich in der Setzerei die Manuskripte aus den Händen, und die Druckerei-Gewölbe erzitterten von dröhnendem Gelächter». So jedenfalls stehts im Klappentext des Flamberg-Verlags. Wer es auch heute zum ersten Mal lesen will, sollte zuvor einen Arzt oder einen Apotheker konsultieren, denn dies ist ein Heilmittel wider den tierischen Ernst… Bild: Umschlagsseite des «Eugen», der mit kongenialen Illustrationen von Rudolf Schnyder gespickt ist.

Das Buch: Klaus Schädelin/Rudolf Schnyder (Illustrationen): «Mein Name ist Eugen». 188 Seiten, gebunden. 26. Auflage 2003
Verlag: Theologischer Verlag/Flamberg Verlag
CHF 25.00 inkl. Mwst 2.4%
Bestell-Nr. 4367405

Von Jürg-Peter Lienhard

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