Artikel vom 08.09.2005

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Mit Stumm unterwegs

Reise in die Finsternis

Treffpunkt: Gefängnistor der Strafanstalt «Schällemätteli» an der Spitalstrasse 41, Basel, im St.Johann

Von Reinhardt Stumm



«Strassentheater», nur mit Eintritt und Kopfhörer: Szene im St.-Johann in Basel in «Freie Sicht aufs Mittelmeer». Der Titel stammt von einer Graffiti aus der Zeit der ehemaligen «Stadtgärtnerei» und fordert - eben selbstironisch - die freie Sicht aufs Mittelmeer. Fotos: Theater Basel, Sebastian Hoppe



BASEL.- Dani Levys «Freie Sicht aufs Mittelmeer» ist das Vergnügen an einer gut gebauten Geschichte, die auf jeden Tiefgang verzichtet. Die Ereignisse treiben sie voran, ausgelöst werden sie von einer brisanten Mischung aus blinder Aggressivität und moralischer Dickfelligkeit, die für kein Argument zugänglich ist. Die gefährlichen Momente in diesem von Dani Levy nach allen Regeln des Drehbuchs geschriebenen Text sind deshalb auch ganz logisch, wie die wenigen Begegnungen, die Aktion nicht zulassen.

Die Szene am Familientisch, an dem Carlo mit seinem Bruder und dem Rest der Familie in Streit gerät und sich als unfähig erweist, auch nur ein einziges mal zuzuhören, gerät da ganz schnell ins Trudeln, weil Aktion fehlt und die Rede nicht hält. Es ist Action-Kino. Es lebt (ein hübscher Widerspruch, den Dani Levy meistert) von der Atemlosigkeit, ohne zu ersticken. Und zeigt auf sehr schöne Weise den Unterschied zwischen Kino (nicht Film!) und Theater deutlich. Kino breitet sich in der Fläche aus, da reisst es die Furchen auf, in die der Zuschauer seine Emotionen einbringen kann. Kommt dazu, dass ein beinahe dokumentarisches Stück seine Krallen ausstreckt und – ohne Widerspruch zu dulden - alles an sich reisst, was ihm in die Nàhe kommt.

Theater (wenn es den Namen verdient) meidet die Fläche und geht in die Tiefe. Wenn es imstande ist, spirituelle Energien im Zuschauer freizusetzen, gehen die Zuschauer mit. Wenn nicht, ist es langweilig. Im Kino ist es die vorantreibende Dynamik der Kettenreaktion, im Theater die Bewegung nach Innen, die bis zum Stillstand führen kann. Und hier wie dort gibt es die ganz Grossen, die das eine mit dem anderen zu verbinden verstehen.

Faszinierender Illusionsraum

Diese Geschichte hier ist fabelhaft gemacht. Was gleich von Anfang fasziniert, ist der Illusionsraum, den die Technik aufbaut – so dass ich zwischendurch die Kopfhörer abnehme, um mich der Wirklichkeit zu vergewissern. Absolut trickreich ist die emotionale Steuerung durch den Einsatz von Musik, gekonnt das Vorantreiben nicht etwa nur der Handlung, sondern auch der Zuschauer, die souverän und temporeich geführt werden, eingeschmiegt in die öffentliche Szene, wobei gerade die Älteren besonders folgsam mitspielen, weil ihre Erinnerung reich besetzt ist (alte Stadtgärtnerei).

Es verrät ein sicheres Verständnis für Zuschauerverhalten, wenn man die Leute erst durchs Gelände treibt, um sie zum Showdown im St.Johann-Badhysli verharren zu lassen – die Szenerie ist so fabelhaft, dass ich mich wiederum hinterher erst versichern musste, nein, es ist kein Restaurant, es ist normalerweise wirklich nur eine Badeanstalt. Der Abgang der Hauptfiguren über die Johanniterbrücke bekommt dann auch noch diesen romantischen Der-Zukunft-entgegen-Schimmer, dass man am liebsten gleich mitginge. Die Schauspieler sind gut, hart, direkt, ohne Sentimentalität, die liefert der Zuschauer.




Noch zwei Wiederholungen – unbedingt Tickets bestellen, weil die Anzahl der Kopfhörer endlich ist, und ohne geht es nicht!

Freie Sicht aufs Mittelmeer. Strassenstück von Dani Levy. Produktion des Theaters Basel.

Vorläufig letzte Vorstellungen, jeweils um 20.30 Uhr: Dauer: zirka 105 Minuten

• Mittwoch, 7. September 2005
• Sonntag, 11. September 2005
• Mittwoch, 5. Oktober .2005
• Donnerstag, 6. Oktober 2005
• Montag, 10. Oktober 2005
• Dienstag, 11. Oktober .2005
• Mittwoch, 19. Oktober 2005


• Treffpunkt: Gefängnistor der Strafanstalt «Schällemätteli» an der Spitalstrasse 41, Basel, im St.Johann
Vorverkauf: Theaterkasse


Regie: Dani Levy; Kostüme: Eva Butzkies, Martin Müller; Musik: Niki Reiser; Video: Andi A. Müller; Ton Robert Hermann; Licht: Urs Reusser; Video Live-Cam-Operator: Samy Kramer; Dramaturgie: Julia Lochte; Regieassistenz: Isabel Dorn; Kostümassistenz: Martin Müller; Bühnenbildassistenz: Daniel Schulz; Inpizienz: Marco Ercolani

Besetzung: Johanna Bantzer, Klaus Brömmelmeier, Rahel Hubacher, Tiziana Sarro, Katja Jung, Barbara Lotzmann, Marcus Mislin, Aljoscha Stadelmann, Martin Rapold


Von Reinhardt Stumm


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