Artikel vom 23.08.2005

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Nebenbei bemerkt

Verbale Gewalt ist der erste Schritt…

Regierungsrat Guy Morin will verbieten, was auf Zelluloid gebannt ist; gegen Brutalität im Alltag, im Weltgheschehen zumal, hat er aber kein Rezept

Von Reinhardt Stumm

«Das Neue Kino» lud zu einer Samstagnacht-Vorstellung von «Rio Bravo», Howard Hawks, 1959 glaube ich. Natürlich John Wayne. Das Wundervolle an solchen Filmen (deshalb hat man immer wieder Lust, sie zu sehen, während das Theater ja – behauptet es – unentwegt gegen die Ermüdung des Immergleichen zu kämpfen hat), das Wundervolle an solchen Filmen ist, dass die Menschen, die auftreten, so glatt und widerspruchsfrei sind wie Kartonfiguren. Dreh sie wie du willst, es sind immer dieselben – einmal John Wayne, immer John Wayne. Tapfer, edel, gutmütig, keusch, moralisch. Von morgens bis abends ohne Unterbrechung.

Okay, das ist aber nicht die Geschichte! «Das Neue Kino» gibt als Adresse Klybeckstrasse 247 bekannt. Das ist irgendwo in Kleinhüningen, hinter der Novartis am Hafen. Da war am Samstag abend gerade ein Strassenfest. Deswegen fand das Kino nicht in dem kleinen Hinterhof statt. Sondern unter der Dreirosenbrücke. Aha, jetzt, dort im Hof, verstand ich es, deshalb hiess es «Kino unter der Dreirosenbrücke»! Also zurück, marsch, marsch!

Unter dem Brückenkopf, Kleinbasler Seite, Licht, Zäune, abgesperrtes Gelände, ein Durchlass, ein Tischchen, zwei Leute an der Abendkasse, zehn Franken Eintritt. Ich reichte den Geldschein rüber, und schon war ich auf dem Handgelenk gestempelt (statt Billett! Da können Sie jederzeit raus und wieder rein!), es ging so schnell, ich merkte es gar nicht richtig.

Nun habe ich was gegen das Stempeln von Menschen. Als Student arbeitete ich bei der Metzgerei Grauwiler und war oft im Schlachthof, halbe Kälber holen. Die waren schwer, hingen an Laufkatzen und waren gestempelt. Der Veterinär stempelte auch halbe Schweine. Keine Trichinen etc., gut zum Fressen. Für mich hat das Stempeln einen unangenehmen Beigeschmack von KZ – da wurden Menschen gestempelt.

Ich mag das nicht, ich bin kein Schwein, reklamierte ich an der Kasse. Beruhigende Worte, ach was, kein Problem, verstehen sie ganz falsch, ist doch praktisch, weder das Mädchen noch der Knabe verstanden mein Problem.

Aber ein Nachkömmling verstand es. Der stand hinter mir, sein Nasenring glänzte und seine Anmerkung zum Sachverhalt war nobelpreiswürdig: «Hau doch ab, du Arschloch, wenn‘s dir nit passt!» Erinnerte mich an Goethe. Faust lächelt gutmütig einem Studenten zu, der grossmäulig daherredet: «Mein Freund, du weißt wohl nicht, wie grob du bist?» Und was sagt der? «Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist». Das war ungefähr 1810 oder so.

Ich blieb trotzdem, weil ich den Film wirklich gern sehen wollte. Ich hatte Zeit, über einen Text nachzudenken (insbesondere, weil die Vorführung, auf halbelf angesagt, irgendwann kurz vor elf anfing), den ich erst am übernächsten Morgen in der «baz» lesen konnte: Guy Morin, unser Regierungsrat, über die Brutalität im Kino. Er hat Probleme mit «Sin City«: «Gestochen, gehauen, geschossen, Glieder amputiert, Köpfe abgesäbelt – und alles wird drastisch und expressiv dargestellt. Pausenlos.»

Ich bin froh, dass er Probleme damit hat. Ich habe sie auch. Es wäre freilich sehr gut, wenn der Regierungsrat wüsste, woher sie kommen, und nicht etwa (so scheint es) meint, man könne dem noch durch Sanktionen entgegenwirken. Man kann nicht. Es ist völlig gleichgültig, Verbote sind nicht mal mehr Scheingefechte, sie sind einfach lächerlich – leider! Man kann nicht regulierende Wertesysteme beseitigen, Barrieren niederreissen und die grenzenlose Freiheit des Individuums propagieren, wenn das Individuum darunter nichts anderes versteht als die Einladung zum Gasgeben.

Wenn einer an der Kinokasse hinter mir zu mir sagen darf «hau doch ab, du Arschloch!», dann darf er es, weil ich nicht stark genug bin, ihm dafür eins in die Fresse zu hauen, wie er es verdient hätte. Das heisst, mit anderen Worten, auf der Strasse kommt es darauf an, wieviel PS du unter der Haube hast und freimachen kannst – auf dem Trottoir kommt es darauf an, dass du mit der linken Hand umlegst, wer dir nicht passt.

Alles andere ist frommes Geseire von Kultur, über das sogar die Werbung nur noch lacht.

Von Reinhardt Stumm


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