Artikel vom 16.08.2005

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Satire darf alles?

Ein Motz nach links, ein Motz nach rechts und ein Motz mittendarein

Von Jürg-Peter Lienhard



«Also blus das Alphorn heut: Hoch auf'm Berg, tief im Tal, grüss ich dich viel tausendmal!» Wo ist denn das Alphorn in der Brahms'schen Notenstenografie versteckt? Hier eine der Fassungen von Johannes Brahms 1. Symphonie, 4. Satz, das Adagio mit dem Alphorn. Und: «Was jeder Esel hört», nämlich die Ähnlichkeit des hymnischen Themas mit Beethovens Freudenmelodie. Hat alles mit den nachfolgenden Zeilen zu tun. (Original-Manuskript aus der «Library of Congress», Washington USA)



Darf Satire alles? Ja, wenn es darum geht, Anmassendes, Überhebliches, Zementiertes aus Politik, Gesellschaft und Institutionen auf die Schippe zu nehmen. Satire ist eine wirksame Waffe, eine scharfe Klinge, die gewetzt werden muss, wenn entsprechende Überheblichkeit ansteht. So ist der Gebrauch der Satire des Bürgers Pflicht, wenn sich Dummheit zu Frechheit gesellt - zumal nach Abstimmungen und Wahlen, wenn «der Mist geführt ist».

Nicht erlaubt ist Satire, um auszugrenzen oder zu diskriminieren - seien es Einheimische oder Zugewanderte, sei es eine schwache Organisation, die sich (chancenlos) für die Verbesserung von Gesellschaft, Umwelt und Natur einsetzt und sich erst recht nicht gegen diskriminierende Anwürfe wehren kann.

Die Satire braucht Verknappung, eine Pointe meist, damit die Kritik ankommt - leise oder polternd, scharf und gescheit. Das «Aha» ist das Salz in der Suppe der Satire und nicht allein das, gleichwohl anvisierte, Lachen. Denn das «Aha» ist es, was auf dem Lachen reitet, das die Grossen und Mächtigen so fürchten wie der Scheïtan das Kruzifix. Weil ihre Parolen nicht ankommen, weil sie verballhorniert werden können/müssen, weil sie eben hohl, gelogen und trotz raffinierter Kaschierung halt durchsichtig sind.

Satire hat nichts mit Comedy zu tun, der banalen Form von kritischer Reflektion, meist nur auf Lacher getrimmt, was häufig unter das Goldzack-Gummiband der Unterhose zielt, also blosse und daher meist auch zweifelhafte Unterhaltung (für Geld) ist.

Satire braucht einen kräftigen Schuss Intelligenz, ein scharfes linkes Auge, eine sattelfeste Sprache und einiges mehr als eine Grundschulbildung sowie einen Hang zum Anarchismus, ist also weder gross- noch kleinbürgerlich. Und scheisst sich sowieso nicht sofort in die Hose, wenn «Publikums»-Reaktionen beim Verleger, beim Radio- oder Fernseh-Direktor die Wiedereinführung der Todesstrafe für Satire fordern.

Die Satire braucht also hellwachen Geist und scharfe Beobachtungsgabe, eigentlich aber Liebe. Denn die Liebe sieht der Satiriker verraten: Die Liebe zum Leben und zu den Menschen, weshalb er die Absenz der Liebe oft mit zornigem Spott und ätzender Satire geisselt, geisseln muss! Wäre nicht dies das Motiv, müsste man von Zynismus reden, und das ist die Satire beileibe nicht.

Indes: Satire wird immer öfters von «Satirikern» gemacht. Und einige davon haben vielleicht nicht immer das Zeug dazu - vielleicht, weil solche Waschlappen eher von den öffentlich-rechtlichen Medien gefördert werden, als die «Schlagfesten»? Da wäre eigentlich die Todesstrafe angebracht! Aber lassen wir das!

Schlappe und angepasste «Satire» hören wir immer wieder unfreiwillig am Radio, zum Beispiel auf Radio DRS I am Samstagmittag in «Zweierleier». Dort hörten wir am Samstag, 13. August 2005, in einer «Satire» über die bevorstehende «Street Parade» in Zürich zwar einen guten Text mit dem höchst erstaunlich treffsicheren Dialekt-Imitator Walter Andreas Müller und der hervorragenden Kabarettistin Birgit Steinegger. Einen Dialog, wie er weiland von «Guschti und Luise Ehrsam» alias Ruedi Walter und Margrit Rainer in «Basel, Spalebärg 77a» bestritten wurde: Eine Kontroverse zwischen Altvorderem und Mutterwitz, zwischen Moral und Realität oder auch zwischen jung und alt, mitunter auch zwischen Reaktionärem und Autoritärem (Ruedi Walter).

In der erwähnten «Satire» ging es um die Teilnahme des kabarettistisch verheirateten Paares Müller/Steinegger an der eben anlaufenden «Street Parade 2005». Der «Guschti» rüstete sich mit Wanderschuhen, Spazierstock, roten Socken und Rucksack auf «Umtata»-Musik; die «Luise» eben auf schrillen Techno. Der Gegensatz war «bildlich» gemeint für den traditionellen Schweizer und eben die «moderne» Schweizerin. Natürlich erschien der «traditionelle» Schweizer als Volldepp; die Raverin als mainstreamkonform.

Nur: Eine Million Volldeppen, die bei ohrenbetäubendem Technolärm einen ganzen Tag und wohl auch die ganze Nacht nichts anderes tun, als mitzulaufen, zu Konservenmusik wackeln und zucken, sind eben eine ganze Million Volldeppen - das sagte die «Satire» natürlich nicht; das Thema blieb unangetastet. Diese «Satire» getraute sich nicht an dieses Sujet: «Mitläufer eines Riesengeschäftes und eines Gaga-Events unter dem Schafspelz von Toleranz und Solidarität». Ein einziger Aufmarsch von blinden Ratten des Verführers Hamelns und Konsorten. 90 Tonnen Abfall danach sagen eigentlich schon alles!

Aber lassen wir das! Mir geht es um etwas anderes: Um die wohlgesteuerte, perfekt organisierte Überflutung von zudröhnender, bewusstseinsverschleiernder allzeitpräsenter Musikwalze. Sie dominiert nicht nur in der Migros, im Coop, beim Coiffeur, und wo sie schon gar nicht hingehört - nämlich im «Stillen Örtlein», dem bislang so erholsam ruhigen Scheisshaus - sondern auch die Landesnachrichten und die Sidelines von Käsblättern bis zum Mitternachts-Club auf DRS I. Inbegriffen die iPod-Welle, MPeg-3,-4,-5-oder-wieviel-Formaten: eine kapitalgesteuerte Kulturverdrängung, die offenbar nicht mehr aufzuhalten ist, die nicht mal vor dem Baby-Zimmer haltmacht! Dazu gehört das Ausspielen von dominierender «Populärmusik» gegen solche, die Zuhören statt Wackeln verlangt. Auch das «satirisch» als «Altvordere» Verunglimpflichen von ganz traditioneller, schweizerischer Volksmusik!

Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen: Kürzlich weilte ich auf Einladung der bildhübschen Doly Müller auf der «Schwendi», einem abgelegenen Hof bei Krinau SG, nahe dem Toggenburg. Es gab ein kleines Festlein; wir hörten Musik neben dem Kachelofen - Pink Martini: «Je ne veux pas travailler» -, Jazz und Pop. Am anderen Morgen bestiegen wir den Berg auf der anderen Seite des Tales zu einer Wirtschaft ohne Namen, die aber alle «‘s Älpli» nannten. Weil es Sonntag war, war das «Älpli» bumsvoll mit Bauersame, Sennen und Waldarbeitern aus der nahen Bergregion.

Beim Eintreten sagte ich laut und wohl etwas frivol: «Sali zämme!». Ein mehrstimmiges «Grüezi!» in allen Stimmlagen war die überraschende Antwort. Ich hatte das richtige getan und gesagt und war sofort mitten unter diesen Leuten. Unsere Gruppe bestellte; es gab mächtige Koteletts vom Grill, so grosse habe ich sonst nirgends gesehen, und wir unterhielten uns gut mit dem Nachbarn links auf der Bank (an den Wänden gabs nur Bänke) und der Nachbarin rechts am langen, rohgezimmerten Tisch. Auf einmal hub ein Trio von drei stämmigen jungen Frauen mit gesunden roten Backen und mächtig viel Holz vor dem Haus einen Jodel an. Einfach so, ohne Grund; die waren nicht «engagiert».

Es berührte mich, der Jodel tönte warmherzig, ein wenig melancholisch, und als die drei Alpenfrauen fertig waren und meinen neugierigen Blick erhaschten, senkten sie beschämt den Blick. Michi klärte mich auf: Ihm war das beschämte Niederschlagen der Augenlider nach so einem Jodel nicht fremd. Wenngleich die einfachen Jung-Frauen wunderschön jodelten - bei Anwesenheit eines Fremden in ihrer vertrauten Umgebung, fühlten sie sich unbehaglich, entblösst. Irgendwie kam mir die Vermutung auf, und Michi bestätigte dies, das Gift der Mainstream-Musik war auch auf die Berge hochgestiegen: Wer Jodelt, gilt in den Augen der städtischen Touristen als kurioses Gaff-Objekt, das fotografiert werden und man zuhause im Fotoalbum als Beisiel von Altvorder, Landpomeranze und Bauerntöpel herumzeigen kann…

Es war mir zum Heulen zumute - meine spendierte Runde Kaffi-fertig konnte mein schlechtes Gewissen bis heute nicht beruhigen: Die drei jungen, behäbigen, landwirtschaftlich gekleideten Frauen mit ihrem schamhaft niedergeschlagenen Blick erscheinen immer wieder wie leibhaftig vor meinem geistigen Auge, wenn ich an diese Episode zurückdenke: So weit haben wir es mit der Kulturzerstörung in der Schweiz gebracht! Vielleicht tönte ihr Jodel deswegen auch so melancholisch? Vielleicht sind es die Berge, die mystische Kraft der Bergwelt, die jeden Jodel etwas melancholisch tönen lässt und zum betörenden Mithören zwingt?

Ob die Volldeppen an der «Street Parade» so was überhaupt bemerken würden? Wohl eher nicht, weil sie mit ihren vollgedröhnten Ohren und dem vielen Extasy in ihrem Kleinhirn jede Mystik «überhören», jeden Moment, der vielleicht so verschieden ist von ihrem Mainstream-Mitläufertum, dass sie überhaupt von vielen Wundern des Lebens verschont bleiben…

PS: FCB-Volldeppen, Auto-Schwule, Berufsbasler, Militärköpfe und alli Glatte Sieche inbegriffen!

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Was Tucholsky der Satire zugesteht


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