Artikel vom 16.01.2004

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J.-P. Lienhards Lupe

Eine Premiere, die keine war…

Da höre man und staune: Wer beim Radio arbeitet, hört kein Radio…

Von Jürg-Peter Lienhard

Im internationalen Journal von Schweizer Radio DRS, «Echo der Zeit» vom 16. Januar 2004, wurde ein Beitrag von Martin Alioth aus England gesendet, worin von einer «Premiere in der Radiogeschichte» die Rede war: «Zum ersten Mal in der Rundfunkgeschichte» werde das «Werk» von John Cage, «4:33'» im Radio «ausgestrahlt» - auf dem dritten Programm von BBC: Vier Minuten und dreiunddressig Sekunden «Stille».

Nun glaube ich zu wissen, dass Radio DRS 2 dieses (ironisch gemeinte) «Stück» (eine uralte Sache aus Anfang der fünfziger!) schon mehrmals ausgestrahlt hat - zuletzt (da bin ich mir ziemlich sicher) im vergangenen Sommer. Auch Sigfried Schibli von der BaZ kroch der Agenturmeldung von der «Erstmaligkeit» auf den Leim: Das «Stück» sei noch nie gesendet worden, weil «Stille am Radio» einen sogenannten «Modulationsalarm» auslöse, der «in Kraft tritt, wenn die Lautstärke von 40 Dezibel während 60 Sekunden unterschritten wird, was beim Stille-Stück von Cage klar der Fall» sei.

Nun war die erwähnte, auf Radio DRS 2 gesendete «Aufzeichnung» mitnichten etwa «tonlos», und es wurde auch kein «Stille-Alarm» ausgelöst - sondern man hörte die Geräusche eines «stillen» Konzertsaales: Etwa Scharren, Schritte, eine Türe, die auf- oder zu gemacht wurde etc.

Cage wollte ja mit seinem Stück darauf aufmerksam machen, dass es keine «Stille» gibt, wo es Ohren hat… Insofern ist dieses Stück kein Stück eines Scharlatans, sondern dasjenige eines «Sinnbewussten» oder meinetwegen eines Menschen, dessen Horcher er eben dazu verwendet, wofür sie da sind: zum Hören!

Von Jürg-Peter Lienhard

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Buchbesprechung zum Briefwechsel Pierre Boulez/John Cage


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