Artikel vom 11.07.2005

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Mit Stumm unterwegs

Abend mit schmalem Goldrand

Keine Kritik hier, nur Eindrücke von einem Theaterabend, den der Berichterstatter krankheitshalber nach einer Stunde verlassen musste.

Von Reinhardt Stumm



Stimmungsvoller Auftakt zum Freilichtspiel des in Basel lebenden Aargauer Schriftstellers Hansjörg Schneider in Tribschen bei Luzern: Die Wagner'sche Villa, die von den deutschen Autoritätsgläubigen kurzum zum «Schloss Tribschen» umgetauft worden war, ist heute das Wagner-Museum, in dessen Garten-Park die Aufführung stattfindet. (Bilder: Freilichtspiel. Bildredaktion: jpl)



«Wagners Tribschen – seine Jahre in Luzern», heisst das von Hansjörg Schneider auf den Spielort zugeschriebene Stück, das bis 20. August 2005 vor der hinreissend schönen klassizistischen Villa in Tribschen am See gespielt wird, wo Wagner samt Familie und Anhang von 1866 bis 1872 wohnte.

Wenn sie gehen, sollten sie wissen, wohin. Mein Busfahrer wusste nichts von Wagner, hatte keine Ahnung, wo in Tribschen man aussteigen müsste, um zum Wagner-Museum zu kommen, das er auch nicht kannte, von Freilichtspielen wusste er auch nichts. Gelebte Kultur! Und weder im noch vor noch neben dem Bahnhof Luzern Plakate oder Hinweise auf das Unternehmen «Wagners Tribschen», das doch immerhin von einem Patronatskomitee gestützt wird, zu dem vom Stadtpräsidenten abwärts so ziemlich alles zählt, was in Luzern Rang und Namen hat.

Die Bushaltestelle für die Linien 6/7/8 Richtung Tribschen ist vorn links neben dem Hauptbahnhof Luzern. Ticketautomaten an der Haltstelle. Fahrpreis (Kurzstrecke) 2 Franken. An der Haltestelle Wartegg aussteigen, auf der anderen Seite der Strasse beginnt der Weg zum Richard-Wagner-Museum (ausgeschildert), zehn Minuten bei gemächlichem Schritt.

Eifriges Empfangs-Komitee als Vorspiel

Man sieht schon von weitem auf der abfallenden Wiese die gedeckte Zuschauertribüne, dahinter den See, links oben, beherrschend, das Haus. Die ersten Bewegungen das Abends heiter, leicht, vergnügt. Viele Fenster öffnen sich in der Villa, Zimmermädchen schütteln die Betten aus, putzen die Fenster, das ganze Haus in Betrieb.



Eintreffen des Meisters im Obstgarten seiner Villa Tribschen, umringt von Notabeln und Gesinde.



Unterhalb des Hauses gruppiert sich ein Empfangskomitee, Girlanden werden aufgehängt, eine Musik gruppiert sich, der unermüdliche Betriebmacher vom Dienst sorgt für Durcheinander und Aufregung, der Gemeindepräsident übt seine Rede, und wir erfahren, wer erwartet wird: Wagner selber, König Ludwig von Bayern (der in Wirklichkeit nie in Tribschen war), Cosima und Hans von Bülow, und da kommen sie auch schon, ein langer Tross, auch Kinder sind dabei, und mit allen Vieren sind wir mitten in der Geschichte, die – Hansjörg Schneider resümiert sie im Programmheft – ziemlich genau der Geschichte folgt.

Die fünf Hauptfiguren sind im Kirchenbuch beglaubigt und bekannt – Nietzsche gehört dazu. Viele andere Figuren, die Entourage, das Dienstpersonal, das Volk, haben wirklich gelebt oder sind erfunden. Schön, wie am Anfang vom Seeufer unten, wo das Schiff anlegte, Kisten und Kasten und Koffer zum Haus hinaufgeschleppt werden, sogar ein Flügel muss mit viel Fluchen und Schreien und Vorsicht den Berg hinauf. Das kann die Regisseurin Liliana Heimberg, und wer die Erinnerung noch hat, erinnert sich mit Vergnügen an die grossen Jahre des Innerschweizer Volkstheaters, an Theaterleute wie Josef Elias, die es verstanden haben, Erzählungen zu lebendigen Bildergeschichten zu machen, in denen Laienschauspieler auf verblüffende Weise zu sich selber und zu ihren Rollen fanden.



Zu einem Musiker gehört selbstverständlich ein Klavier, das «hueregopferdecku souschwer» ist, und daher beim Transport von der Schifflände zur Villa viele urständische Flüche abverlangt.



Das habe ich noch gesehen. Hätte gern auch gesehen, ob mein Eindruck stimmte, dass Schneider manchmal Schwierigkeiten hat, sein galliges Temperament, seine sperrige, manchmal knöcherne Art der Menschendarstellung zu überwinden und ohne Spott zu so etwas wie höfischer Eleganz oder grossbürgerlicher Stilisierung zu finden.

Vermutlich nicht. Im Tages-Anzeiger (vom 8.Juli 2005) schreibt Konrad Rudolf Lienert, dass die Aufführung da schwieriger wird, «wo komplexe Themen wie Wagners Kunst- und Selbverständnis... szenisch greifbar werden sollen. Da entsteht eine Art Wagner-Comic, durchsetzt von Klischees, oft hohlem, gleichzeitig parodiertem Pathos...»

Ein Opfer wird Wagner selber. Wir kennen Pierre Siegenthaler aus der Zeit, als er noch Peter hiess (1975-1978 am Theater Basel), da konnte er schmiegsam und durchaus doppelbödig sein, hier erleben wir ihn als preussisch, klotzig und kindisch, ein bisschen einspurig.



Zeitgenössisches Gemälde mit Wagner, Cosima und Freunden im Salon der Villa Tribschen - im Wagner-Museum von Tribschen zu sehen.



Schneiders Schwäche, vermutlich. Sein geradezu militantes Misstrauen gegen jede Form von Pathos hindert ihn dann eben auch daran, Echtes von Hohlem zu unterscheiden. Das Ergebnis muss Parodie sein, die dann durchaus ihre eigenen Qualitäten entwickeln kann, den Kontext aber hinter sich lässt.

Am Ende läuft es auf eine alte Erfahrung hinaus: Wenn der Adel sich ein Vergnügen daraus macht, Kleinbürgerrollen zu spielen, ist das genauso komisch und falsch, wie wenn Kleinbürger Adlige spielen.

«Der Tribschener Hügel bietet eine wunderbare Kulisse für das halbdokumentarische, halb fantastische Spiel. Seine Wege und Wiesen, Abhänge und Aussichten sind ein stimmiger Natur-Widerpart zur Kunstbetriebsamkeit des Wagner-Clans», resümierte Sigfried Schibli in der Basler Zeitung. Und Lienert im Tages-Anzeiger: «Das alles läuft in einem über weite Strecken kurzweiligen, oft amüsanten, zuweilen sehr stimmungsvollen Bilderbogen ab.»

Neunzig Minuten. Der Zug nach Basel um 22.45 ist gut zu erwischen.


• Vorstellungen bis 20. August 2005.
• Spieldaten und Anfahrt gemäss untenstehendem Link.
• Nächste Vorstellung: Dienstag, 12. Juli 2005.
• Vorstellungsbeginn: 20.45 Uhr, Abendkasse ab 17 Uhr
• Verschiedene Preiskategorien und -Arrangements: z.B. mit Anfahrt per Dampfschiff
• Szenisch-kulinarische Einstimmung zu
Wagners Tribschen gegen Aufpreis im Hotel Schweizerhof in Luzern jeweils um 18.30 Uhr.
• Nach Spiel-Ende um 22.35 Uhr Shuttle-Bus zum Bahnhof Luzern
• Vorverkauf für Gruppenreisen/Firmen: 041-311 15 25

Von Reinhardt Stumm

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Informationen, Reservationen zum Freilichtspiel

• Homepage des Wagner-Museums in Tribschen


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