Artikel vom 23.06.2005

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Strom-GAU

Kurzschluss löste Kettenreaktion aus

Ursprung ist die Neat-Baustelle Erstfeld, wo eine Leitung ausser Betrieb genommen werden musste

Von Redaktion



Das grösste Bauwerk aller Zeiten der schweizerischen Bahnen löste die grösste Strom-Panne aller Zeiten bei den schweizerischen Bahnen aus: Hochstromleitung bei der Neat-Baustelle bei Erstfeld.



BERN. sbb.- Ein simpler Kurzschluss im Gotthard-Kanton Uri hat eine folgenschwere Kettenreaktion ausgelöst, wie am Donnerstag, 23. Juni 2005, Hansjörg Hess, Chef Infrastruktur SBB, an einer Medienkonferenz in Bern bekanntgab. Der Strom-Gau ist zwar eine Lachnummer, doch muss den SBB grösstes Lob bei der Bewältigung dieses Vorfalles gezollt werden: Es war eine höchst beachtenswerte logistische und technische Leistung, wie da der Notstand gemanagt wurde!

Ein Kurzschluss an einer SBB-Übertragungsleitung in der Zentralschweiz hat zum Abschalten mehrerer SBB-Kraftwerke geführt und damit eine fatale Kettenreaktion ausgelöst. Die Stromversorgung des Bahnnetzes wurde in zwei Teilnetze getrennt, im Süden stand zuviel, im Norden zuwenig Energie zur Verfügung. Dies führte bis 17.47 Uhr zum kompletten Zusammenbruch der Bahnstromversorgung. Auf dem Schweizer Normalspurnetz blieben rund 1500 Züge vorübergehend stehen.

Der Kurzschluss an der SBB-Übertragungsleitung von Amsteg nach Rotkreuz war um 17.08 Uhr Auslöser eines knapp vierstündigen Unterbruchs der Energieversorgung auf dem Netz der Schweizer Normalspurbahnen (SBB, BLS, RM, SOB und TPF). Die zur ausgefallenen Leitung parallel verlaufende Gemeinschaftsleitung SBB/EWA/CKW, welche den Energietransport aus den SBB-Kraftwerkanlagen in Amsteg, Göschenen und Ritom Richtung Norden sicherstellen, waren zum Zeitpunkt des Kurzschlusses wegen Bauarbeiten direkt unter der Leitung ausgeschaltet.

Ritom und Giubiasco schalteten automatisch ab

Da die Kraftwerke am Gotthard nach dem Kurzschluss nur noch das Tessin mit Energie versorgen konnten, traten im Stromnetz der Bahn im Süden wegen Überlastung Schutzabschaltungen auf. Dies führte zum automatischen Abschalten der Kraftwerke Göschenen und Ritom sowie des Umformerwerks Giubiasco.

Wegen der fehlenden Leistung der Urner und Tessiner Kraftwerke kam es in den folgenden Minuten zunehmend zu Energieversorgungsengpässen auf dem übrigen Schweizer Bahnnetz. Die unstabile Versorgungslage führte um 17.47 Uhr zu einem kompletten Zusammenbruch der Stromversorgung für die Schweizer Bahnen, wie Hansjörg Hess, Leiter Infrastruktur SBB, am Donnersta, 23. Juni 2005, in Bern an einer Medienkonferenz bekannt gab.



Wo gehobelt wird, da fallen Späne, heisst ein Sprichwort - und je grösser das Objekt, desto grösser die Späne, dh. der Strom-GAU…



Die Energiespezialisten der SBB haben unmittelbar nach dem Stromversorgungszusammenbruch mit dem Hochfahren des Bahnnetzes begonnen. In einem ersten Schritt wurde in den Räumen Zürich/Ostschweiz, Wallis/Westschweiz und Tessin übergreifend Inselnetze aufgebaut, die anschliessend synchronisiert und dann gekoppelt wurden. Anschliessend wurde die Fahrleitung Sektor für Sektor zugeschaltet und die Züge konnten gestaffelt wieder anfahren. Der heikle Aufbau des Stromversorgungsnetzes war um 21.30 Uhr abgeschlossen.

Der Energieausfall hat keine grösseren Schäden an den Anlagen verursacht. Es kam vereinzelnd zu Folgeschäden an Unterwerken sowie an Spannungswandlern, welche Signale und Achszähler mit Strom versorgen. Die Energieversorgung für diese Systeme wurde zwischenzeitlich auf das Ortnetz umgeschaltet.

Rund 200'000 Reisende waren betroffen

Betroffen vom Zusammenbruch der Stromversorgung waren rund 200'000 Reisende in Bahnhöfen und in 1500 Zügen. Insgesamt sieben Züge blieben in Tunnelabschnitten stecken und konnten innerhalb von maximal 90 Minuten ins Freie gezogen werden. 15 Züge, primär im Raum Zentralschweiz, wurden mit Diesellokomotiven weiterbefördert. Der letzte Reisezug erreichte seinen Bestimmungsbahnhof um 03.43 Uhr. Als Bahnersatzverkehr standen rund 250 Reisbusse im Einsatz.

Güterverkehr ebenfalls stark beeinträchtigt

Massiv beeinträchtigt von der grossen Störung war auch der Güterverkehr. Erste Priorität genoss der CargoExpress-Verkehr, der in den Nachtstunden gut abgewickelt werden konnte. In zweiter Priorität wurde der von Chauffeuren begeleitete Huckepackverkehr der Rollenden Landstrasse in Fahrt gesetzt. In den frühen Morgenstunden warteten noch rund 20 Transitgüterzüge auf die Weiterfahrt. Der Binnen-Wagenladungsverkehr musste diese Nacht komplett eingestellt werden.

Der Bahnbetrieb ist am Donnerstag, 23. Juni 2005, gut angelaufen. Es kam nur vereinzelnd zu Zugsausfällen, so z.B. auf den Strecken Luzern–Bern und Zürich–Chur. Die SBB rechnet für diesen Tag «danach» mit einem grossen Verkehrsaufkommen; Plätze reserviert haben über 1100 Gruppen mit rund 17'000 Schülerinnen und Schülern.

Über 1'000 Kundenbetreuer im Einsatz

Der Stromausfall in der Abendspitze hatte grosse Auswirkungen auf Pendler. Die SBB haben alle personellen Ressourcen aufgeboten, damit die Reisenden so gut wie nur möglich über die aktuelle Lage informiert werden konnten. Die SBB hatten dazu gestern und heute über 1'000 zusätzliche Kundenbetreuer im Einsatz.

Grosszügige Kulanzlösungen – rund 3 Mio. Franken für die Kunden

Die SBB haben im Verlauf der Störung rund 200'000 RailCheck «Sorry» im Wert von rund drei Mio. Franken abgeben. Zusätzlich wurden individuelle Kulanzlösungen realisiert. So hat die SBB über 300 Fahrgäste in Hotels untergebracht und mit Taxis und Bussen die Weiterreise zum Beispiel an den Flughafen ermöglicht.

Kunden mit weitergehenden Ansprüchen sollten sich beim Kundendienst an den Bahnhöfen oder im Internet über das Kontaktfomular «Kundendienst» im melden. Weiterhin steht den Kunden unter der Nummer 0800 99 66 33 noch bis am Abend des Donnerstags, 23. Juni 2005, um 22 Uhr eine Info-Linie zur Verfügung.

Von Redaktion

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Der Verlauf des Strom-GAUs im PDF-Format zum herunterladen

• PDF-Präsentation «Stromausfall SBB» an der Medienkonferenz vom 23. Juni 2005, 10:15 Uhr


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