Artikel vom 07.06.2005

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Mit Stumm unterwegs

Thema «Zeit totschlagen»

Je ein Stück von Komiker René Schweizer mit Tiefgang und eines mit weniger von Claudia Federspiel am Wochenende vom 10. bis 12. Juni 2005 im «Unternehmen Mitte» in Basel

Von Redaktion



Er ist zwar Schweizer Mister Humor, doch in seinem Stück «Die Säuferin» kommt Tiefgang hervor, der ihn ins Ernste Fach verweist: René Schweizer hier als «Face-Builder»… Foto: humor.ch. Bildredaktion, Titel und Legenden: jpl



BASEL. red.- Wer hat noch nie von ihm gehört, von René Schweizer, dem Autor der schrägen «Schweizer-Bücher»? Er ist ein Hallodri und ein Liebhaber des extrem Absurden - aber wenn man ihn unter die Fittiche nimmt, kommt dabei heraus, was nun im Basler Unternehmen Mitte zu sehen ist: «Die Säuferin» - ein Thema, das René Schweizer nicht von ungefähr vertraut ist…

Die Theatergruppe XXXL hat mit zwei Autoren, eben René Schweizer, und dann Claudia Federspiel, zwei Theater-Monologe zu einem Theater-Abend zum Thema «Zeit totschlagen» unter der Regie von Claire Guerrier «gebaut». Die beiden Stücke wurden zuerst im Neuen Theater am Bahnhof in Dornach als Gastspiel uraufgeführt. Nun werden sie dieses Wochenende vom 10. bis 12. Juni 2005 in Basel im «Unternehmen Mitte» (bei der Hauptpost, Gerbergasse) wieder gespielt (Infos am Schluss dieses Artikels).

Unser Mit-Autor von webjournal.ch, Reinhardt Stumm, besuchte das kurze Gastspiel der Theatergruppe XXXL in Dornach und hat einen Bericht darüber verfasst. Den nehmen wir nun zum Anlass, auf die kommenden Vorstellungen in Basel hinzuweisen: Es lohnt sich der Besuch, denn die Vorstellung verspricht ein Erlebnis zweier gegensätzlicher Umsetzungen eines Themas und eine Gegenüberstellung zweier Autoren mit unterschiedlicher Begabung und Betrachtungsweise.

Hier der Text

von Reinhardt Stumm:

Das Neue Theater am Bahnhof in Dornach bleibt unternehmungslustig. Jetzt hat es sich mit der eben neu gegründeten Theatergruppe XXXL liiert. Gespielt werden zwei längere Monologe, einer heisst «Entlassen», die Autorin ist Claudia Federspiel, der andere heisst «Die Säuferin», Autor ist René Schweizer. Regie führte in beiden Fällen Claire Guerrier.

Claudia Federspiel, die Autorin, setzt sich gleich selber auf den Stuhl in der Mitte der leeren Bühne und erzählt die Geschichte einer Frau, die auf etwas merkwürdig abrupte Weise von zwei Herren (Bodyguards) an ihrem Arbeitsplatz abgeholt wird. Sie setzen sie vor die Tür der Firma, wo sie arbeitete, stellen ihr aber doch immerhin noch in Aussicht, dass sie ihre persönlichen Effekten in ein paar Tagen abholen kann.



Claudia Federspiel schrieb «Entlassen» und setzte sich in ihrem Stück gleich selbst in Szene. Foto Michael Ankenbrand



Das sind gewissermassen die Hard Facts der Geschichte, die vielen Leuten durchaus vertraut sein dürfte. Das Stück fängt freilich jetzt erst an. Die Entlassene sitzt zuhause, vor sich auf dem Boden ein Käfig, in dem eine Maus eifrig das Tretrad benützt, es gibt auch ein Telefon. Was resümiert wird, ist Hadern mit dem Schicksal. Warum ich? Warum überhaupt? Was soll ich jetzt machen? Wie geht es weiter? Lange Tiraden, Selbstmitleid, Ratlosigkeit, der Zorn auf den ehemaligen Arbeitgeber, Verständnislosigkeit.

Was Claudia Federspiel bringt, ist gefühlig, ist Beschreibung von Oberfläche, ist Werbung um Solidarität bei den Zuschauern, und ist ziemlich langweilig, weil jeder sich im gleichen Moment dasselbe denken würde. Wo sie in die Tiefe gehen müsste, breitet sie sich in der Fläche aus, wo sie analytisch denken müsste, denkt sie eigentlich überhaupt nicht, bleibt dafür in Emotionen hängen. Das passt auf die Frauenseiten entsprechender Illustrierten, da kann man sowas bis zum Überdruss lesen. Für das Theater freilich, das, von bekannten Zuständen ausgehend, Verständnis für die daraus entstehenden Konflikte und die folgenden Einsichten schaffen müsste, ist das zu wenig.



«Die Säuferin», von René Schweizer und gespielt von Katja Gaudard: «Das hat was zum Fürchen (Reinhard Stumm)». Foto Michael Ankenbrand



Wie man es machen muss, zeigt René Schweizer in einem dreiviertelstündigen Monolog mit dem Titel «Die Säuferin». Katja Gaudard spielt diese Rolle, und spielt sie übrigens auch verdammt gut. Auch hier ist das Bühnenbild denkbar einfach, ein hoher Stuhl, eine Art Barhocker, auf dem und um den herum sich diese Säuferin regt und räkelt, gelegentlich wird von weit weg leise Musik eingespielt, aber ganz dezent, und nicht als Gefühlsdrücker.

Die Frau steht kurz vor ihrer Entlassung aus einer Entzugsklinik. Sie hat das ganze Programm hinter sich, inklusive Psychoanalyse. Jetzt fragt sie sich, wie es weitergeht, ob sie es schaffen wird. Ganz offensichtlich glaubt sie nicht recht, was sie glauben sollte, sie hat Angst. Spürbar ist diese merkwürdige Ambivalenz, die Lust und die Panik, die Sehnsucht und der Abscheu.

Was Schweizer schafft (und das ist genau das, was Frau Federspiel nicht schafft), ist dieser Schnitt in die Tiefe, der alles aufdeckt, das vollkommen klare Verständnis für die Lebenssituation und die Angst vor sich selbst und vor der Zukunft.

Der Zuschauer wird mitgenommen in diese Lebensgeschichte der Säuferin, die Schritt um Schritt aufgedeckt wird, so dass jeder nachvollziehen kann, wie die Sackgasse aussieht, aus der es kein Zurück mehr gibt.

Das hat was zum Fürchten!



Reinhardt Stumm


Infos:

Wiederaufführungen der beiden Stücke im
«Unternehmen Mitte» bei der Hauptpost an der Gerbergasse in Basel am:


Freitag, 10. Juni 2005 - 19 Uhr
Samstag, 11. Juni 2005 - 19 Uhr
Sonntag 12. Juni 2005 - 17 Uhr

Reservationen unter Tel.: 061-701 24 46

Abendkasse jeweils eine halbe Stunde vor den Vorstellungen



Lesen Sie René Schweizers bemerkenswerte Predigt in der Offenen Kirche St.-Elisabethen in Basel vom 8. November 1998 unter nachfolgendem Link. (Foto: humor.ch)

Von Redaktion

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Homepage des theater-xxxl

• René Schweizers Predigt im Format PDF zum runtersaugen

• Link zum Neuen Theater am Bahnhof Dornach

• Schweizers Humor-Seite


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