Artikel vom 01.05.2005

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Gesellschaft

Begegnung im Schulgarten

Reinhardt Stumm las am Mai-Fest der Rudolf-Steiner-Schule Birseck einen Essay zur Begegnung von Natur und Kunst

Von Redaktion



Reinhardt Stumm liest seinen Essay, der hier nachfolgend publiziert ist. Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2005



AESCH. jpl/rst.- Wenn die Anthroposophen feiern, lacht der Himmel - und wie! Das alljährliche «Fest der Kulturen» der Rudolf-Steiner-Schule Birseck am 1. Mai widmet jeweils einem Land das Fest-Thema. Spanien, war es dieses Jahr, und gleichzeitig gab es eine Kunst-Ausstellung im Schulgarten.

Der Feuilletonist und Mitarbeiter von webjournal.ch, Reinhardt Stumm, wurde von der Schulleitung eingeladen, eine Ansprache zur Eröffnung der Kunstausstellung über das Thema Kunst und Natur zu halten - schliesslich ist er von Hause aus Gärtner. Sein Essay können Sie hier anschliessend lesen.

Es war ein kunterbuntes Fest auf dem Schulgelände gleich hinter dem Bahnhof Aesch und eine wahrhaft angenehme Stimmung voller Freude, Kinderlachen und anregenden Gerüchen. Die Steinerschulen sind bekannt dafür, dass hier viel Gewicht auf musische Fächer und ganzheitliche Wissensvermittlung gelegt wird. Darum der Schulgarten, wo der Lebenszyklus der Pflanzen und Blumen erlebt werden kann, aber wo die Kinder durch viel Arbeit auch den Sinn und den Verstand zur Natur lernen.

Keine Graffiti an den Wänden…

Das sieht man dem Schulhaus auch an: keine mit Graffiti verschmierten Wände, keine Halbstarken in FCB-Deppenkappen… Und irgendwie war aufgrund des Programms dieses Schulfestleins und wegen der vielen Darbietungen spürbar, dass diese Schule deshalb so angenehm funktioniert, weil sie ausserordentlich engagierte Lehrer beschäftigt, die hier höchst motiviert zu Werke gehen.

Ein kleiner Auszug aus dem mehrseitigen Faltprospekt des Festprogramms belegt das ganz hübsch: Flamenco mit Kastagnetten und ein Workshop, um Kastagnetten klappern zu lernen; Volkstänze und Märchen von der 5. bis 11. Klasse; spanisches Gitarrenkonzert, spanisches Dudelsackkonzert; katalanische Tänze, Eurythmie und Konzert mit der Jugendmusikschule Dornach sowie eine Abendveranstaltung mit einem Theater, Alkestiade von Thornton Wilder.

Allerlei Leckeres aus allerlei Herren Länder

Dazu gabs rund um das Schulgebäude einen Markt mit Verkaufsständen, Flohmarkt, und es wurden Wildpflanzen und -Setzlinge verkauft. Kulinarisch konnte man sich spanisch verpflegen - Spanien war ja dieses Jahr Begegnungs-Thema - aber auch italienische, südamerikanische und hiesige Köstlichkeiten sowie ein Glacestand boten ihre Leckereien an.

Treue Leserinnen und Leser hat Reinhardt Stumm schon lange; sie waren denn auch sehr zahlreich in den Schulgarten gekommen, um seinen Essay von ihm persönlich vorgelesen zu bekommen. Er schaffte es, die fast im ganzen Garten verteilten «Neugierigen» dazuzubringen, nahe an sein Podest zu rücken. Und weil seine treuen Leserinnen und Leser ihm diesen Gefallen taten, wurden Bänke, Stühle und andere Sitzgelegenheiten im Nu zu einem Halbkreis um den Gärtner-Autor gerückt. Hier also sein Essay:


Begegnung


-- Von Reinhardt Stumm --


Letztes Jahr fuhr ich an einem schönen Sommernachmittag nach Wesserling in die Vogesen. Im Parc de Wesserling kann man in einer alten Textilfabrik das Musée du Textile et des Costumes besuchen. Das alte Herrenhaus steht noch, der ehemalige Sitz der Industriebarone, die von hier aus das Tal beherrschten. Das vor dem Palast sanft abfallende Gelände ist nach dem klassischen französischen Gartenschema des Parterre angelegt.

Viele Kieswege und zahllose, von Buchsbaum gerahmte, streng geometrische Beete, die sich dem Blick diesesmal auf besondere Weise darboten. Französische Gartenbaustudenten hatten Beet um Beet mit Blumen und Gemüse bepflanzt – und zwar so, dass Beet um Beet farbgetreu alte Stoffmusterentwürfe mit all ihren Streifen und Karos und Kringeln abbildete. Ein hohes Vergnügen, eine Begegnung von Anregung und Ausführung, von Theorie und Praxis, von Textiltechnik und Gartenkunst.

Joachim Ringelnatz, der deutsche Dichter, der von 1883 bis 1934 lebte, war einer von vielen, die sich den Kopf darüber zerbrachen, was Kunst denn nun eigentlich sei. Er beantwortete die Frage für sich auf die einzig mögliche Weise, nämlich gar nicht:


Was ist Kunst? Verwegen ging die Frage

Durch Jahrhunderte und bis in meine Tage.

Doch in mein Haar griff eines Windes Wehen.

Und Strassensänger sangen mir von fern:

«Weißt du wieviel Sternlein stehen?» –

Am Himmel hoch erlosch ein Stern.






Das Thema Kunst im Garten ist so alt wie der Garten. Die ältesten Gartenpläne, die wir kennen – es sind ägyptische – stammen aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus. Und wenn wir in alten Parkanlagen spazierengehen – im Herrenhäuser Schlossgarten in Hannover, in Herrenchiemsee, in Salzburg oder Wien, in Versailles, in den Gärten der Loireschlösser, in englischen Schlossgärten, in Florenz oder Rom – begegnen wir den überall gleichgearteten Bemühungen, Kunst und Natur zu verschmelzen. Es gibt ein schönes Sonett von Goethe (der ja in seinen Wahlverwandtschaften als durchaus sachverständiger Landschaftsgestalter auftritt), das unser Thema streift:


Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen

Und haben sich, eh‘ man es denkt, gefunden;

Der Widerwille ist auch mir verschwunden,

Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.



Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!

Und wenn wir erst in abgemessnen Stunden

Mit Geist und Fleiss uns an die Kunst gebunden,

Mag frei Natur im Herzen wieder glühen.



Der Kommentator würde uns erklären, dass die Kunst zunächst unter strenger Bindung zu leiden scheint, dass sie aber erst durch Bindung wirklich frei wird. Denn

In der Beschränkung erst zeigt sich der Meister,

Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.



heisst es am Schluss dieses Sonetts, in dem sich der scheinbare Widerspruch auflöst: Gesetz ist Bindung, ist Natur.





Nun ist es eine Sache, ein Problem durch Nachdenken zu erkennen und theoretisch zu lösen, eine andere Sache ist es, Einsichten in die Praxis umzusetzen. Denken wir noch einmal an jene Parkanlagen vom Ende des siebzehnten bis ins neunzehnte Jahrhundert, an den Wandel vom französischen Kunstgarten zum englischen Landschaftsgarten. Wie gingen die Gartengestalter – von Lenotre (1613-1700) in Versailles bis Lenné (1789-1866) im Berliner Tiergarten – ganz praktisch in ihren Anlagen mit Kunst um? Wem begegneten und begegnen bis heute die Besucher dieser Gärten?

Sie begegnen Statuen und Statuetten. Auf kunstvoll gestalteten Sockeln stehen ihnen überlebensgross versteinert Zeus und Ariadne, Amor und Venus, Herkules und Hermes gegenüber, lückenlos und porträtgetreu (das sollten wir jedenfalls denken) die ganze griechische und römische Mythologie, alles, was der Olymp und Rom an Göttinnen und Heroen zu bieten haben. Begegnungen. Bald kommen die Helden der Gegenwart dazu, hier ist es Mozart und Johann Strauss, dort Beethoven oder Lessing, vor dessen Denkmal im Berliner Tiergarten der in deutscher Klassik nicht so Geübte respektvoll sagte


Ick kenn dir, oller Joethe,

festjemauert in der Erden!






Begegnungen, die ich, ich bitte um Nachsicht, bis auf den Tag ziemlich langweilig gefunden habe. Was wir bewundern, ist Handwerk, ist Kunstfertigkeit, ist Kenntnisreichtum des Details, das Schöne selbst im Grausamen und Hässlichen, was wir sehen, ist die Diktatur höfischer Ästhetik, die der jeweiligen Etikette gehorchende Erotik, ist Herrenstolz und Prunksucht.

Ich mache einen Sprung und erinnere die, die dabei waren, an zwei Ausstellungen in Basel. 1981 in Riehen im Wenkenpark – von Rodin bis Serra - und 1984 im Merianpark - von Bourdelle bis Beuys. Ausstellungen, die wir, wir wollen es nicht vergessen, der Initiative von Ernst Beyeler zu verdanken haben.





Ich will Sie nicht mit Theorie langweilen, ich bitte Sie nur, jene Gärten-, jene Schlossgartenkunst auf der einen Seite zu denken, und auf der anderen Seite das, was im Wenkenpark zu sehen war. Worauf will ich hinaus? Ich will auf Begegnung hinaus. Das ist ja das Thema dieser Ausstellung hier. Der Angriff auf das Wahrnehmungsvermögen war fast unermesslich. Warum?

Warum ist eine Arbeit von Luginbühl, wie sie unten am Teich in der Grün 80 steht, Beschäftigung für einen Tag (wenn man Lust dazu hat), warum sind von Serra ausgelegte Eisenplatten auf einem Rasenstück um einiges – ich sammle – unterhaltender, anregender, herausfordernder, stimulierender, reizvoller, unvergesslicher als eine marmorne Pomona mit lüstern an die Hüfte geschmiegtem Früchtekorb?





Gerade weil sie vieldeutig sind – es ist der Sprung weg vom naturalistischen Abbild in die Abstraktion, vom Festgefügten ins Offene. Von der Last des Eindeutigen befreit, gewinnt die Kunst ihre Freiheit zurück.

Das Stichwort ist Begegnung. Steht mir etwas stumm, sprachlos, fertig und vollendet gegenüber, Bewunderung heischend, Zustimmung erzwingend, weil das, was da ist, ja in sich vollkommen ist, erlebe ich es als abweisend. Es will nichts von mir. Und ich nichts von ihm.





Oder ist da eine Herausforderung? Komm heraus aus dir – rede mit mir - frag mich was! Ich frage dich auch was. Wenn ich stumm bleibe, ist es nicht unbedingt meine Schuld. Der deutsche Philosoph Lichtenberg sagte einmal:


Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstossen

und es klingt hohl, ist es nicht immer das Buch!



Die Qualität einer Arbeit ist nach meiner Auffassung geradezu daran zu messen, wieviele Fragen sie zu stimulieren vermag. Setzt sie mich in Bewegung? Verführt sie zu diesem wundervollen Spiel «Wer bist du, wer bin ich?» Man könnte sagen,


Die richtige Frage zu stellen, ist Kunst

Die richtige Antwort zu geben, ist Kunst.



Was dieser Einsicht folgt, ist einfach und einsehbar: Da jeder Mensch anders ist, wird jeder andere Fragen haben. Und wenn jeder andere Antworten bekommt, ist das nicht etwa ein Zeichen der Schwäche des Werks, sondern ein Zeichen seiner Stärke. Ein Netz von Assoziationen öffnet sich, die Einbildungskraft – das Bild steckt drin – setzt die Energien frei, die das Beziehungsspiel zwischen Kunstwerk und Betrachter antreiben.





Das Kunstwerk, dem wechselnde Betrachter gegenüberstehen, ist immer dasselbe. Aber es ist polyvalent, es ist vielerlei auf einmal, es ist in seinem eigenen Sein nicht festzulegen, es spielt ein Frage- und Antwortspiel mit mir, und es spielt ernsthaft, wenn es was taugt. Und wann taugt es? Sie merken es an sich selber. Die Antworten, die sie bekommen, das sind die Energiestösse, die ihre Imagination beflügeln.

Da ist die Begegnung. Und da ist das Vergnügen an Begegnungen. Sie müssen suchen, das ist klar. Aber einmal gefunden, ist es ganz leicht. Und dann dürfen Sie nur den Mut zu sich selber nicht verlieren.


Zugabe: Joachim Ringelnatz, Sinnender Spatenstich (Ausschnitt)


Unter der Erde murkst ein Ding,

Irgendwas oder ein Engerling.

Zappelt es? Tickt es? Erbebt es? –

Aber eines Tages lebt es.

Als turmaufkletternde Ranke,

Als Autoöl, als Gedanke…

Fäule, Feuchtigkeit oder feiner Humor

Bringen immer wieder Leben hervor.



Reinhardt Stumm




Wir wissen es, treue Leserinnen und Leser hat Reinhardt Stumm schon lange. Und die hören ihm in so reizender Umgebung um so mehr zu…



Die Ausstellung «Begegnung» im Schulgarten der Rudolf-Steiner-Schule Birseck, Aesch, dauert vom 1. bis 22. Mai 2005.

Werke folgender Künstler sind zu sehen:

• Franziska Burkhardt
• Ernst Schneider
• Rüdiger Feind
• David de Caro
• Doris Lötscher
• Astrid Haueisen-Oelssner
• Johannes Sloendregt
• Stéphan Zwahlen


Weitere Veranstaltungen in Zusamemenhang mit der Ausstellung «Kunst im Schulgarten»:

Sonntag, 8. Mai 2005, um 11 Uhr: Parzival
Lesung: Urs Bihler, Perkussion (Klangraum): Barni Palm, Bilder: Franziska Burkhardt

• Sonntag, 22. Mai 2005, 11 Uhr:
Lyrik: Ruedi Bin und Irène Schnider. Musik: Solveigh Kossmann (Flöte), Nicolas Gadacz (Cello), Ruth Tüscher (Geige)

Oeffnungszeiten:
• samstags: 10 bis 17 Uhr
• sonntags: 10 bis 17 Uhr mit Café au Jardin

Von Redaktion


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