Artikel vom 07.04.2005

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Mit Stumm unterwegs

Leben aus Sprache

Fülle des Wohllauts: Zur Abwechslung wieder einmal Od-Theater. Ein kleiner, feiner Abend, eine Erinnerung an Thomas Manns «Zauberberg»

Von Reinhardt Stumm



Hans-Dieter Jendreykos Auftritt könnte jedem Hollywoodfilm angemessen sein. Fotos: Peter Schnetz, Basel © 2005



BASEL.- In der Eingangshalle des Wildt’schen Hauses am Petersplatz – die schönste Eingangshalle Basels – wird der zentrale Platz unter der Treppe von einem flachen Podium gerade so weit angehoben, dass sich eine optische Ausgrenzung vor den Stühlen für die Zuschauer ergibt. Andreas Schulz, der diesen Thomas Mann-Abend mit dem Titel «Fülle des Wohllauts» inszenierte, verschaffte H.-Dieter Jendreyko, der früher noch einen ganzen Vorvornamen hatte, einen Auftritt, der jedem Hollywoodfilm angemessen wäre. Schon mit Text kommt der Schauspieler gutgelaunt und vergnügt die Treppe herunter, der Hausherr begrüsst die Gäste und setzt das Mass – sozusagen.

Sein Thema: Gewissermassen am Ende der Welt, das eben auch ein Ende des Lebens ist, entdeckt ein Mensch die Musik. Möglich wird das dank eines wundervollen Geräts, über das andere (Karl Valentin) sich gern lustig machten: das Grammophon. Es heisst (Fabrikmarke) Polyhymnia, und es steht unübersehbar, eine schwarz gebeizte Eichenholzkiste, auf einem Tischchen. Auf der Spielfläche auch noch ein leichter Ohrensessel, und das war es schon, wenn man von der Technikanlage absieht, die sich diskret in die Ecke zurückzieht.

Der Geschichte, die erzählt wird, liegen zwei Kapitel (Fülle des Wohllauts und Donnerschlag) aus dem «Zauberberg» von Thomas Mann zugrunde, die Jendreyko für seine Bedürfnisse – was wohl heissen darf, mehr Gewicht auf vermittelbarer Handlung als auf philosophischem Exkurs - eingerichtet hat. Ein Roman, der in Davos spielt, achtzig Jahre alt ist, und uns zunächst vor allem an die schwer und oft gar nicht zu heilende Tuberkoluse erinnert. Hans Castorp verbringt sieben Jahre im Sanatorium Berghof. Noch einmal ein Bildungsroman – wir denken an Wilhelm Meister, an den Grünen Heinrich, an Stifters Nachsommer -, noch einmal der (grandios gelungene) Versuch, zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält.



«Hausherr» im April im Wildtschen Haus: Hans-Dieter Jendreyko.



Castorp grenzt sich aus, liebt die Nachtstunden, in denen er ungestört Opernmusik hören kann, selbst Laien wie ich erkennen Orpheus in der Unterwelt, Aida, Carmen. Jendreyko erzählt das Wie und Was und Warum. Das Ende ist auch das Ende der lebensgefährlichen Idylle. Eben noch und hochromantisch «Am Brunnen vor dem Tore», jetzt fahles Sterbelicht auf dem Erzähler, immer noch dieselbe Musik zum schieren Entsetzen über den Einbruch der verdammenswerten Wirklichkeit.

Ein Genuss, zur Abwechslung wieder mal einem Schauspieler zuzuhören, der auch Gedankenstriche verständlich zu sprechen vermag.

Nächste Vorstellungen am 7., 8., 13., 14., 15., 16., 20., 21., 23., 24., 26. und 27. April jeweils um 20.00 Uhr (am 24. April um 18.00 Uhr).

Zwei Vorträge von Marcus Schneider (am selben Ort). Am 7. April, 18.30 Uhr: «Die Musik im Werk von Thoams Mann».

Am 24. April, 16.30 Uhr: Das Werk von Thomas Mann und die Musik.

Von Reinhardt Stumm


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