Artikel vom 05.03.2005

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Mit Stumm unterwegs

Sanft am Thema entlanggeschrammt

Uraufführung von «Alices Reise in die Schweiz: Szenen aus dem Leben des Sterbehelfers Gustav Strom» im Schauspielhaus Basel - Eine Auftragsarbeit für das Theater Basel von Lukas Bärfuss

Von Reinhardt Stumm



Szenenbilder fotografiert von Sebastian Hoppe, Theater Basel © 2005



Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Es gibt allerdings gar keinen Vorhang. Gespielt wird auf einer weiten Bühne, rechtwinklige, einfache Holzmöbel (die Bühne von Bernhard Hammer), eine Arztpraxis im Kliniklook, die auch als Wohnung dient. In der Wohnung mühen sich – ziemlich hoffnungslos – die älter werdende Mutter Lotte (Iris Erdmann) und ihre erwachsene Tochter Alice (Susanne-Marie Wrage) um Offenheit für ihre Gefühle, aber da ist ziemlich viel verschüttet, nur der äusserste Druck vermag die Sperren wegzuräumen. Alice ist krank, so sehr, dass sie sich nach dem Tod sehnt – was genau die Hamburgerin hat, weiss nur der Zürcher Gustav Strom, Sterbehelfer.

Es ist auch nicht so wichtig. Was verhandelt wird, sind Fragen der Autonomie. Wer hat Verfügungsrecht worüber? Wieweit darf ein Arzt sich einmischen? Gustav Strom weiss scharf zu trennen zwischen Theorie und Praxis. Aber er redet wie ein Buch, predigt Klugheit und Umsicht, ohne auch nur eine Sekunde an seiner Kompetenz oder an seiner Handlungsberechtigung zu zweifeln.

Ob Sterbehilfe – in der Schweiz nicht grundsätzlich bestritten und verboten - überhaupt und mit welchen Gründen zulässig ist, wie die Gegenargumente aussähen, erklärt der gepriesene Autor Lukas Bärfuss («Die sexuellen Neurosen unserer Eltern») nicht. Moral ist nicht sein Thema. Dabei wäre dem Thema überhaupt nur mit altmodischer Moral beizukommen.





Irgendwann mittendrin kommt der Schweizer Sterbehelfer aus der U-Haft zurück. Warum, wollten die von ihm wissen. Warum leistet er Depressiven (Depressiven steht hier) Sterbehilfe? Er leidet mit ihnen, er weiss, wie Leben unter dem zunehmendem Bewusstsein seiner Sinnlosigkeit in Schmerzen sich auflöst, bis nichts übrig ist ausser Röcheln. Dieses Wissen schafft Emotion, Affekt, Mitleid und den Wunsch, den Betroffenen davonzuhelfen, buchstäblich.

…nicht fürs Theater

Mehr erfahren wir nicht über ihn. Dr. Strom ist kein Mensch, er ist ein Belegstück des Autors Lukas Bärfuss. Belegstücke sind was für Aktenablagen, aber nicht fürs Theater. Bärfuss bastelt Rollenträger, die auftragsgemäss funktionieren müssen. Querköpfe, Grübler, Philosophen, Spinner, Menschen, die an der Wirklichkeit verzweifeln, weil sie nicht sein dürfte und doch nicht anders sein kann – kommen bei ihm nicht vor. Er spielt, wenn man so will, mit gezinkten Karten.

Schade. Hier oder da hätte dieses Stück Härte, Schärfe, Streit zwischen Widersachern vertragen. Bärfuss muss das Problem ja nicht lösen, dazu ist Theater nicht da. Es genügte, an seine Tragweite zu erinnern, noch besser wäre, sie erkennbar zu machen.

Englisch-Passagen als Zumutung für Zuschauer

Und das hätte die kleinen Frivolitäten entschuldigt, die leise Heiterkeit bewirkten (der Gustav von Edmund Telgenkämper ist ja auch ein hübscher Junge, da vergehen Alice schon mal Sterbewünsche). Das hätte aber auch – ein schlichter «comic relief» - die auf Englisch verbreiteten Anekdoten erträglicher gemacht. Nur weil offenbar Graham Valentine (der verdiente und oft belachte Marthaler-Solist), beschäftigt werden sollte. Er kann einfach nicht Deutsch. Da müssen wir halt Englisch können. So wurde aus Argument Artistik. Hübsch, ja, aber deswegen sind wir nicht da hingegangen!





Unterm Strich? Ein Thema ausgebeutet? Ein bisschen schon. Noch einmal: Was fehlt, ist Härte, Kälte – nicht den Menschen gegenüber, der Sache gegenüber! Mit kleinen Pointen um den heissen Brei geschlichen. Ein Thema mit Eifer, aber ohne Kunst ausgebeutet. Dass ein Talent zum Szenenschreiben da ist, reicht gewiss fürs Fernsehen, fürs Theater ist es ein bisschen zu wenig. Wie sowas aussehen kann oder muss, kann man (um Gottes willen ja!!) zum Beispiel bei Yasmina Reza studieren. Meine Herren, die kann das!

Ach ja, Stephan Müller führte Regie. Das hiess wohl hier vor allem, er liess auftreten und abtreten. Durchaus wirkungsvoll, von Zeit zu Zeit. Er arbeitete auch am Text mit. Wie Judith Gerstenberg. Steht ausdrücklich im Programmheft. In dem auch noch Johanna Bantzer genannt wird. Sie spielt die Eva, Praxishilfe bei Dr. Strom. Sie findet manchmal ein weisses Haar in der Suppe. Das Falsche leider. Na und?

Von Reinhardt Stumm


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