Artikel vom 24.01.2005

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Theater

Wär doch mal was Besonderes:

Mit Büchner aufs Land

Ein lohnender Theater-Ausflug ins reizende Kanderntal - leider nur noch bis Dienstag, 25. Januar 2005, 20 Uhr

Von Reinhardt Stumm



Jan Thümer als flügellahmer «Rabe» macht das derart bestüzend gut, dass es den Zuschauern während der kurzen Freiluftstunde kaum kalt wird.



KANDERN-RIEDLINGEN (D).- Zum ersten Mal spielt das «Theater im Hof» im Winter, wie immer draußen, wie immer unter dem Kastanienbaum, wie immer bei jedem Wetter: «Den 20. ging Lenz durchs Gebirg» nach Büchner. Fürs Durchhalten bei fünf minus gibts in Kandern eine Reihe guter und preiswerter Gastwirtschaften, die den exklusiven Theaterabend auch als gastronomische Reise lohnen - vor oder nach der Vorstellung. (Titel und Legenden: red.)

Bei Georg Büchner (1813-1837) heisst der Text einfach Lenz. Er schrieb ihn, wie sozusagen alles, was er schrieb – Dantons Tod, Woyzeck, Leonce und Lena fallen zuerst ein - kurz vor seinem Tod - er war ja gerade erst 23 Jahre alt, als er starb. In Zürich. An Typhus.

Lenz, postum 1839 erschienen, ist kein Theaterstück, sondern eine Erzählung, keine dreissig Seiten lang. Gebündelte Energiestränge, kein Satz zu viel, von hoher, aber vollkommen beherrschter Gemütsbewegung, über die Erzählung hinaus eine Streitschrift für Literatur, wie sie nach Büchners Verständnis zu sein hatte – nicht Schiller, nicht Idealismus, nicht das Unmögliche, stattdessen die Einsicht in die von der Natur verhängte Brüchigkeit des Menschen, die Verletzlichkeit seiner Seele, die Hoffnungslosigkeit seines Strebens bei allen Künsten des Selbstbetrugs.



Stefan Hanushevsky bietet als Büchner eine unglaubliche Gedächtnisleistung, während Harald Kimmigs Violine «die Geschichte wie eine zarte, leidende Waffe kommentiert».



Der Lenz, um den es geht, ist der Dichter und Schriftsteller Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792), der bedeutendste Dramatiker des Sturm und Drang (Die Soldaten). Ein unglücklicher Mensch, der mit 26/27 Jahren geisteskrank wurde. Für Büchner lag das Jahrzehnte zurück – und war doch, nach seinem Verständnis, das denkbar Modernste überhaupt: Charakteristisch waren die Stationentechnik und die epische Szenenfolge (Brecht entdeckte sie dann wieder neu).

Es sind wohl gerade diese Eigenschaften, die es reizvoll machen, Büchners mit unglaublicher Energie vorwärtsdrängende Erzählung als Vorlage für einen Theaterabend zu nützen. Erzählt wird, wie der stadtflüchtige Lenz beim Pfarrer Oberlin lebt, das Gebirge durchschweift, die zunehmende Vermischung von Phantastischem mit Konkretem verarbeitet und Schritt für Schritt einer Art von Wahnsinn verfällt, die ebenso Schritt um Schritt und immer drängender die Frage stellt, was denn und ob dies überhaupt Wahnsinn ist.

Die Theaterleute geben den Text so gut wie ganz (neben allem anderen eine unglaubliche Gedächtnisleistung), Stefko Hanushevsky spricht ihn - als Büchner, wir sind also gewissermasssen Zeugen des Schöpfungsaktes. Er steht unter dem riesigen Kastanienbaum mitten im Hof dieses ganz und gar bäuerlichen Gehöfts, nimmt die umstehenden Zuschauer mit in die Scheune, in einen Gewölbekeller, wieder in den Hof, verlässt sich dabei völlig und mit vollem Recht auf die imaginative Kraft der Sprache, die in den Köpfen der Zuschauer Szene um Szene ins Bild setzt.



«Den 20. ging Lenz ins Gebirg» - ein Dreipersonen-Stück mit Kastanienbaum..



Zu preisen ist Hanushevskys im Laufe einer langen Stunde nie erlahmende Kraft einer fabelhaft strukturierten Diktion (leider ist das längst nicht mehr selbstverständliche Sprechkultur), die weder Leidenschaft noch Zartheit, auch nicht Atemlosigkeit und Brüchigkeit scheut. Keine Mühe, ohne Sinnverlust zuzuhören. Keine Mühe, den begleitenden musikalischen Kommentaren von Harald Kimmig zu folgen, dessen Violine die Geschichte wie eine zarte, leidende Waffe kommentiert.

Das Opfer ist Sinnbild. Ein flügellahmer Rabe (Jan Thümer macht das bestürzend gut, hängt schräg auf dem Boden, zieht flügellahm die Arme hinter sich her, krächzt erbarmenswürdig und beherrscht die Kunst des richtigen Masses bewundernswürdig). Einmal erinnert er uns an Richard II. – Shakespeares unglücklichen, dann gestürzten König, der ein genusssüchtiger Mörder war. Da ist Büchner ganz: «Ich verlange in allem – Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist’s gut.»

Stimmung und Ort sind ideal für Büchners Lenz

Und all das in Kandern, wo der Schweizer Dieter Bitterli zusammen mit Dorothea Koelbing seit fast zehn Jahren immer wieder mal das «Theater im Hof» betreibt. Und jetzt zum ersten Mal im Winter. Zum ersten Mal eine Premiere im Januar. Das Datum kein Zufall: «Den 20. ging Lenz durch‘s Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen, Tannen...»

Leider nur noch eine Vorstellung, am 25. Januar 2005, 20 Uhr. Karten (15 Euro, Ermässigungen) unter Telefon 0049-7626 208.

Warme Kleidung empfiehlt sich. Die Bar wird eine Stunde vor Vorstellungsbeginn geöffnet.

«Theater im Hof» - Ortsstrasse 15 (gegenüber dem Rathaus), D-79400 Kandern-Riedlingen.

Von Reinhardt Stumm

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