Artikel vom 18.12.2004

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Literatur

Paul Nizon ist 75

Der Feuilletonist und Autor Aurel Schmidt besuchte den «Exil-Schweizer» in Paris und verfasst für webjournal.ch die Geburtstags-Laudatio

Von Gast



Der «Paris-Flanierer» mit seinem wie in Stein gehauenen Löwenhaupt in voller Blüte vor seinem 75. Geburtstag


In seinem berühmten «Diskurs in der Enge» hat Paul Nizon, auch wenn er heute nicht mehr gern daran erinnert wird, die Kulturbedingungen in der Schweiz untersucht und einen Mangel an Welthaltigkeit im Land festgestellt. Die Schweiz hat sich nicht erneuert, höchstens konsolidiert. Schon früh hat Nizon sie deshalb verlassen und sich nach Aufenthalten in verschiedenen europäischen Metropolen in Paris niedergelassen, wo er heute lebt. «Ich will in die Welt», schrieb er damals. Ein Hilfe- und Lustschrei und eine Agenda.

Kein Stoff, wie soll man da schreiben können, erst recht, wenn man ein Schreibbedürftiger wie Nizon ist? Ein Sucher nach Leben, ein Süchtiger nach Lebensgeschichte?

Leben und Werk sind bei ihm, der am 19. Dezember 2004 75 Jahre alt wird, ein und die selbe Sache. Das Leben alimentiert das Werk, im Werk hat das Leben einen künstlerischen Ausdruck und eine bildhauerhafte Form gefunden. Das Lebenskunstwerk ist ein weit verbreiteter Topos. Er besagt, dass das Schreiben als Prozess der Selbstherstellung aufzufassen ist.

Weil er mit einer abgeschlossenen kunsthistorischen Ausbildung in der engen, stoffarmen Schweiz keine angemessene Anregung für seine Vorstellungen fand und daher das Leben in der Schweiz nicht aushielt, brach er aus der Enge aus. Eine Tante hatte ihm eine kleine Wohnung an der rue Simart vererbt, das Schachtelzimmer aus dem Roman «Das Jahr der Liebe».

Die Weltstadt als Mutter der Künste

Die Weltstadt als «künstlerische Maternité» mit ihrer «Entbindungsmacht» führte ihn an den Punkt, wo er sich befreien konnte. Das hatte nicht nur mit seiner Lebenssituation zu tun, in der er sich zur jener Zeit befand, sondern mit dem viel weitergehenden Wunsch, «aufs Ganze zu gehen»: «Auf das Ganze des Sich-Aussetzens, der Lebensmutprobe, der existentiellen Erfahrung.»



Nizon an einer Lesung im Grazer Literaturhaus - Fotografiert für dessen «Ahnengalerie»




In dieser Verfassung, so schrieb er später, trat für ihn das Wunder der eigenen Wiedergeburt ein, der Entstehung des Ichs. Schreiben war für ihn eine Möglichkeit, sein Leben zu retten. Im Roman «Das Jahr der Liebe», seinem sprachgeschmeidigsten, berührendsten Buch, hat Nizon diesen Prozess in literarischer Form verarbeitet, in seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die unter dem Titel «Am Schreiben gehen» erschienen sind, das Thema in essayistischer Form behandelt.

Schreiben als Halt im Leben

Am Schreiben zu gehen, hiess für ihn, seinen «Schreibfanatismus» als Krückstock zu verwenden. Schreiben, um einen Halt im Leben zu finden, um nicht krank zu werden, um nicht zu «vertaumeln». Am Ende kroch Nizon aus seinen Büchern hervor, ans Licht, in die Welt.

Um mit der Tatsache fertig zu werden, dass er nichts zu erzählen hatte, kein Programm, keine Geschichte, keine Fabel, keinen «erreichbaren Stoff», sondern nur von einem unbändigen Schreibverlangen ergriffen und erfüllt war, verlegte er sich auf die Sprache. Er errichtete aus Sprache als Werkbaumaterial eine eigene Wirklichkeit, und schrieb, was ihm in den Sinn kam.

Die Männer von der Kanalisation

Aber was ihm in den Sinn kam, war wieder nichts anderes, als was direkt mit ihm zu tun hatte, mit seinem Leben, seiner Verfassung, seiner Wahrnehmung, in höchster Aufmerksamkeit und Anspannung, von einem Augenblick zum nächsten, wie in einem Film, in dem die Bilder im Ablauf eine Bewegung ergeben.



Ttitelbild seiner Tagebuchnotizen 1961-1972: so wie man sich gemeinhin einen Schriftsteller in Paris vorstellt. Foto Suhrkamp-Verlag




«Neulich habe ich die Männer von der Kanalisation wiedergesehen, die Kloakenreiniger.» So fängt die Erzählung «Soldaten» im Band «Im Bauch des Wals» an. Danach scheint die Sprache sich selbst weiterzuschreiben, sie verkettet sich mit jedem Satz mehr, und es entsteht ein dichtes Gewebe von Spracherfindungen, Einfällen, biografischen Begebenheiten und Erinnerungen, ein langer, ruhig fliessender Bewusstseinsstrom. Vielleicht keine Welt, aber eine explosiv erfüllte Momentaufnahme.

Grosstadt-Nomade

Noch immer zieht Nizon in Paris von einem Arbeitsatelier zum anderen. Wohnen und Schreiben sind streng getrennt. Das ist für ihn die einzige Art, die Arbeit an seinem Werk radikal zu betreiben, wie er sagt. In fremden Mietshäusern, am liebsten in Mansarden, die er für eine bestimmte Zeit mietet, geht er gleichsam in Klausur. Neben dem Haus ist das Motiv des Zimmers ein häufiges Thema in seinen Büchern. Zimmer sind für ihn «Arbeitsfutterale». Er kann sich dort entfalten und seinen Gedanken, seinem Schreibfluss freien Lauf lassen, wie er nur möchte.

Das «Nomadisieren» und «Herumwohnen» gehört zu seiner Arbeitsmethode. Von sich sagt er: «Ich bin ein vorbeistationierender Autobiografie-Fiktionär.» Damit ist gezeigt, wie Nizon von sich abstrahiert und sich selbst in der Sprache und durch sie erfindet. Die angebliche Autobiografie stellt sich als Kunstvorwand heraus.

Die Krisenjahre, als Nizon 1973 in das Schachtelzimmer einzog, liegen lange zurück. Die Schreibheftigkeit als Heilungsvorgang ist überwunden und hat einer in der Schweizer Literatur seltenen Souveränität der formalen Gestaltung und künslerischen Produktion Platz gemacht. Nizon ist ein Weltschöpfer im Wort. Er schreibt in einer Sprache, die er wie weiches Wachs biegt und formt. Man liest seine Bücher, als wäre man in sie einbezogen. Weil er darin präsent ist, direkt oder indirekt, können es seine Leser und Leserinnen ebenfalls sein.

Aurel Schmidt





«Paul Nizons jüngster Roman "Das Jahr der Liebe" ist eine andere Recherche, die Suche nach der vielleicht zu gewinnenden Zeit, eine Erschöpfungs- und eine Schöpfungsgeschichte: Da fängt einer, in einem winzigen Hinterzimmer in Paris, nicht nur auf einem leeren Blatt, er fängt auch ganz bei Null an... Die Leibhaftigkeit und die Hautnähe des Draußen haben die Wirkung einer Reanimation, die Notizen verweben sich zur Textur, und der Text wird schließlich zum Roman einer Existenz, die neu beginnt. Das Wagnis des Lebens und das Wagnis des Schreibens - in Paul Nizons Werk werden sie sichtbar als ein und dasselbe Kunststück.» Aus der Erklärung des Verbands der deutschen Kritiker e. V. an der Verleihung des Kritikerpreises 1982 für Literatur




Von Gast

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Paul Nizons Biographie gemäss Suhrkamp-Verlag

Auswahl von Paul Nizons Werken

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