Artikel vom 16.12.2004

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Kommentar

Millionenstrafe

Der Nationalrat bestätigt die vom Ständerat verhängte Budgetkürzung für die Pro Helvetia - und ein paar Gedanken dazu

Von Jürg-Peter Lienhard

Zuerst die Fakten: Die Pariser Ausstellung von Thomas Hirschhorn kommt der Kulturstiftung Pro Helvetia teuer zu stehen: Sie muss nächstes Jahr definitiv auf eine Million Franken verzichten. Denn der Einigungsvorschlag zum Bundesbudget 2005 ist gescheitert. Dieser sah eine Kürzung von lediglich 180 000 Franken vor - derselbe Betrag, den Pro Helvetia an den Künstler bezahlt hat.

Zunächst hatte der Nationalrat den Einigungsantrag noch mit 98 zu 82 Stimmen gutgeheissen. Auf Antrag von Filippo Lombardi (CVP/TI) legte dann aber der Ständerat mit 25 zu 18 Stimmen sein Veto ein. Damit gelten in den strittigen Budgetpositionen die jeweils tieferen Summen der letzten Beratung. Für Pro Helvetia bedeutet dies, dass die volle ständerätliche «Strafkürzung» um eine auf 33 Millionen wirksam wird.

Und der Kommentar dazu:

Wer in die Hand beisst, die ihn füttert, muss sich nicht wundern, wenn er einen Tritt bekommt. Dies ist die oberflächliche Erkenntnis aus dem Entscheid des eidgenössischen Parlamentes zur Budgetkürzung der Pro Helvetia.

Die Aktion des Künstlers Thomas Hirschhhorn in Paris kam ins Gerede, weil er ein menschliches Tabu brach: Weil er einem politischen Gegner dessen Menschenwürde absprach, indem er ihn - wenngleich symbolisch - wie einen Hunziker anpinkeln liess… Das ist eine Symbolik, die für unser demokratisches und menschenwürdiges Verständnis untolerierbar ist!

Ebenso, wenn der Künstler Christoph Blocher in die Nähe von Hitler stellt - da sind die Bögen, die Hirschhorn macht, ebenfalls untolerierbar. Lächerlich ist zudem die Aussage Hirschhorns, so lange nicht mehr in der Schweiz ausstellen zu wollen, so lange Christoph Blocher Bundesrat ist.

Als Pablo Picasso nach Guernica erklärte, so lange nicht mehr nach Spanien zurückzukehren, so lange Diktator Franco an der Macht ist, hatte dies eine ganz andere Bedeutung - zumal Franco ein Faschist und Guernica ein Kriegsverbrechen war.

Immerhin hat der so beleidigte Bundesrat Blocher die Sache so genommen, wie sie ist: «Blödsinn bleibt Blödsinn!» und weitere Kommentare grossherzig unterlassen…

Hirschhorn, der sich in seiner Symbolik vergriff, jedoch als «Charakterlumpen» zu bezeichnen, wie dies der Hinterwäldler und Hinterbänkler Nationalrat Christian Miesch tat, ist eben so verwerflich und zielt auf die Herabwürdigung der Menschenwürde eines missliebigen Mitmenschen.

Eine ganz andere Sache ist jedoch die peinliche Posse, die sich unser nationales Parlament in Zusammenhang mit der Abstrafung der - zugegebenermassen - geschmacklosen Künstleraktion leistete: eine kleingeistige, kleinbürgerliche Abrechnung mit der Kultur - jawohl mit der Kultur und der Meinungsäusserungsfreiheit: Was da in den Köpfen, den Hohl- und Holzköpfen etlicher Politiker herumgeistert oder fehlt, ist Seldwyla. Also peinlich. Und aufschlussreich über den geistigen, demokratischen und aufgeklärten Zustand unseres Landes!

Hirschhorn ist nicht Pro Helvetia, und Hirschhorn ist nur ein Vertreter der Kulturschaffenden in der Schweiz. Mit der Strafaktion wird nicht Hirschhorn, sondern viele andere Kulturschaffende bestraft, die nun für ihre Arbeiten vergeblich auf Zuschüsse warten müssen. Und es ist absehbar, dass nun diese hartherzige und kurzsichtige Aktion des Parlamentes Künstler auf den Plan ruft, die nicht mit leicht verurteilbarer geschmackloser Kritik, sondern mit um so ätzender und subversiver aufwarten werden. Und darauf freue ich mich…

Von Jürg-Peter Lienhard


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