Artikel vom 22.11.2004

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Begegnung

Maden und Mäuse schlucken gegen Genitalverstümmelung

«Survival-Professor» und Menschenrechtsaktivist Rüdiger Nehberg sprach vor ausverkauftem Saal im Basler Volkshaus

Von Jürg-Peter Lienhard



Rüdiger Nehberg sprach im ausverkauften grossen Saal des Basler Volkshauses. Um die «Zukurzgekommmenen» nicht zu enttäuschen, hat er anschliessend seinen Vortrag gleich nochmals wiederholt und erntete natürlich tosenden Applaus. Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2004


BASEL.- Das Schlimmste gleich vorweg: Es sind nicht Maden, sie schmecken ohnehin wie Pudding oder gekochte Makkaroni, die dem ehemaligen Konditor aus Hamburg auf dem Magen liegen. Rüdiger Nehberg deutete es an seinem Vortrag im Basler Volkshaus vom Sonntag, 21. November 2004, lediglich an, ja deckte die grauslichsten Stellen auf den Dias ab: Der entsetzlichste Irrglaube, den religiöse Eiferer sich ausdenken konnten - nämlich die Verstümmelung der Genitalien von Mädchen und Frauen.

Nehberg überliess nach dem Vortrag den «Hartgesottenen» einen Fotoordner - den aber kaum jemand durchblätterte - waren doch seine mündlichen Schilderungen im Diavortrag abscheulich genug: Man spricht immer nur von «Beschneidung» bei Mädchen und meint damit das «Coupieren» der Klitoris. Doch in Tat und Wahrheit wird eine viel entsetzlichere Verstümmelung praktiziert:

Im Kindesalter - vom Bébé bis zur Halbwüchsigen - werden den Mädchen ohne jegliche Narkose mit einer Rasierklinge, einem rostigen Messerstumpf, einem Büchsendeckel oder gar einer Glasscherbe nicht nur die Klitoris abgeschnitten, sondern auch die Schamlippen. Schliesslich wird die so schwer verletzte und daher stark blutende Vagina mit - mangels Nadel - einem Akazienstachel vollständig «zugenäht».

Vierzehn Tage Menstruationsbeschwerden

Danach werden dem Mädchen die Oberschenkel während Tagen fest zusammengebunden, um die Blutung zu unterbinden. Ein Drittel aller derart «behandelten» Mädchen stirbt an den Folgen dieser Tortur, sei es wegen der Abwesenheit sämtlicher Hygiene, wegen des Blutverlusts oder anderer Komplikationen.

Mit der Verheilung der Wunde ist die Qual aber noch lange nicht zu Ende: Durch das Vernähen der Vagina bleibt dem Mädchen zum Urinieren lediglich eine stecknadelgrosse Öffnung, was dieses Geschäft jeweils zu einer schmerzhaften halbstündigen Prozedur macht. Noch schlimmer ist die Menstruation, während der die gestauten Blutungen meist vierzehn Tage bis zum vollständigen Ausfluss anhalten.



Das wäre Nehbergs Wunsch: Diesen Banner mit der islamischen Ächtung der Genitalverstümmelung zwischen die Minarette von Mekka hängen zu dürfen.



Das Allerschlimmste steht den jungen Frauen aber bevor, wenn Sie verheiratet werden: In unseren Breitengraden wird die «Hochzeitsnacht» als beidseitig als «Nacht des Glücks» erlebt oder geschildert. Bei den genitalverstümmelnden Gesellschaften ist die Hochzeitsnacht jedoch die «Nacht des absoluten Horrors»: Dem Mann gelingt es nicht, die zugenähte Vagina mit dem Penis aufzureissen; er nimmt stets ein Messer zur Hand und sticht erneut in den verstümmelten Körper.

Frauen Verstümmeln Frauen

Noch unverständlicher erscheint die Abscheulichkeit der Genitalverstümmelung, weil sie vor allem von Frauen für Frauen praktiziert wird: Mutter und Tanten halten das Opfer schraubstockartig fest, derweil es unter den unmenschlichen Schmerzen oft das Bewusstsein verliert. Nach dieser scheusslichen Prozedur wird zum Fest gebeten - einer Art Initiationsritus, womit das malträtierte Kind nun in den «Kreis der Beschnittenen» - sprich Verstümmelten - aufgenommen wird.

Nehberg belegte mit seinen Dias, dass die Anhängerinnen der weiblichen Selbstzerfleischung nicht etwa allein bei den muslimischen Afrikavölkern vertreten sind: Nein, auch christliche Stämme praktizieren solche Grausamkeiten - wenngleich öfters die «mildere» Form des Klitoris-Coupierens anstelle der Entfernung der Schamlippen und des Zunähens der Vagina.



Ein bewegtes Leben genossen, viele Bücher veröffentlicht und immer noch topfit…



Warum beschreibe ich diese «Prozedur» so ausführlich? Aus Freude am «Horror»? Nein, denn bis zum Vortrag von Rüdiger Nehberg im Volkshaus Basel vom 21. November 2004, verstand ich unter «Genitalverstümmelung» bei Afrikavölkern lediglich das «Coupieren» der Klitoris, ähnlich dem «Beschneiden» der Vorhaut bei Juden oder Phimotikern. Und den Protest gegen «Genitalverstümmelung» hielt ich eher für einen «kulturmoralischen».

Vom «Sir Vival» zum Menschenrechtsaktivist

In seinem Vortrag hat Nehberg ohne Schaumschlägerei und eher knapp das Prozedere der Genitalverstümmelung richtig benamst und damit eigentlich so gezeigt, wie man es verstehen muss: Genitalverstümmelung heisst Schamlippen abschneiden, Klitoris abschneiden, Vagina zunähen!

Wenngleich diese Botschaft am Vortrag von Rüdiger Nehberg nur ein Kapitel ausmachte und wohl die überwiegende Zahl der Zuhörer nur aus Lust an Abenteuergeschichten teilnahmen, ist es Nehbergs eigentliches Engagement: Seine Popularität als «Sir Vival» und Buchautor nutzt er nun, um sich als Menschenrechtsaktivist in Sachen Genitalverstümmelung und Regenwald zu betätigen.



Ein Prost mit Kaffee und ein ernst zu nehemnder Tip Nehbergs: Auch auf einem Flug in die Ferien keinen Alkohol - man kann nie wissen…



Rüdiger Nehberg machte in den sechziger Jahren auf sich aufmerksam, als er als «Überlebenssportler» spektakuläre Wanderungen ohne Ausrüstung und Proviant durch Deutschland unternahm und sich dabei nur davon ernährte, was die Natur hergab: Würmer, Maden, Mäuse…

Beinahe orientalischer Erzählkünstler

Sein Leben als Konditor in Hamburg war ihm einfach zu eintönig, weshalb er eben einen «Kick» suchte und ihn in der «Survival»-Sportart fand. Zunächst wars nur «Sport», aber der intelligente Bäckermeister entdeckte bald darauf, dass die Herausforderung, der er sich freiwillig in Urwald und auf hoher See stellte, ihn eben auch zu einer anderen Sicht der Dinge, des Lebens und der Natur zwang. Es folgten zahlreiche Bücher, die derart spannend berichteten, dass «Stubenhocker» hinterm Ofen die kühnsten Abenteuer erleben durften, die sie selbst nie unternehmen konnten.

Schliesslich sind seine Bücher - darunter eigentliche Handbücher, Lexika der Überlebenskunst - vollgespickt mit intelligentem Humor, einem tüchtigen Schuss trockenem Realitätssinn und einem nie versiegenden Optimismus. Diese Mischung und seine fast orientalische Erzählkunst, machen alle seine Bücher zu einem Abenteuergenuss wie selten.

Zudem ist der Hamburger auch ausgestattet mit einer intuitiven Offenheit fremden Menschen gegenüber, die ihm wohl mehr als einmal das Leben gerettet hat: In brenzligen Situationen bei Überfällen, unter feindlich gesinnten Stämmen in Urwald und Wüste oder gegenüber korrupten Beamten… Im «zivilisierten» Umfeld eines Vortragsabends hingegen macht ihn diese Eigenschaft zu einem angenehmen Botschafter einer Sache, wofür man gerne spendet.

Wie Humboldt zur Wasserscheide des Amazonas

Ein «Reisebüro-Globetrotter», den ich zum Vortrag mitnehmen wollte, lehnte dankend ab mit der Begründung, dass Nehberg «eben doch nur Extremsportler» sei. Doch was heisst: «Extremsportler»? Alexander von Humboldt ist vor Nehberg um 1800 den Amazonas hinauf bis zur «Wasserscheide» gereist, hat den südamerikanischen Kontinent gewissermassen «entdeckt» und hat akribische Messungen und Beschreibungen nach Hause gebracht. Sein Entdecker-Naturell war unstillbar und liess ihn unvorstellbare Strapazen eingehen und überstehen. Humboldt hatte grösste Hochachtung vor den Einheimischen, mit denen er sich jeweils glänzend verstand und stets auch ihre Sprache lernte.

Als der Konditor Nehberg von Hamburg aus zu Fuss in den Süden Deutschlands unterwegs war, war er vielleicht der «Extremsportler» der «Survival» um seiner Selbstbestätigung willen betrieb. Doch im Regenwald von Brasilien musste der kluge Kopf früher oder später auf Dinge stossen, die aus dem «Sportler» einen Menschenrechtler machten: Das war die Begegnung mit den Yanomami-Indianern, denen die brasilianische Regierung ein «Reservat» in der Grösse der Schweiz zusprach und den Zutritt für alle «Weissen» untersagte - wenigstens auf dem Papier.

Gold, der Fluch Amerikas

Dann wurde in diesem Reservat Gold gefunden - den Rest können Sie sich denken: über 120 illegale Flugpisten wurden in den Urwald des Reservates geschlagen. Mit Hochdruckpumpen wurde die dünne Humusschicht des Urwaldes weggespült, um ans Gold zu kommen. Standen irgendwo indianische Dörfer im Weg, wurde von den Goldgräbern «Affen grillieren» gespielt: die Hütten mitsamt den Ureinwohnern verbrannt.

Das hat Nehberg mit eigenen Augen gesehen und fotografisch dokumentiert. Als er damit an die brasilianische Öffentlichkeit gelangte, wurden seine Berichte als unwahre Behauptungen negiert. Doch in Brasiliens Hauptstadt Brasilia hatte man nicht mit dem «Überlebenskünstler» und seinem Hang zu spektakulären Aktionen gerechnet: Nehberg überquerte den Atlantik mit einer alten Tanne aus dem Emmental und einem Segel, auf dem er die Rechte der Yanomami in Erinnerung rief: Der Rest ist Geschichte, und die brasilianischen Goldgräberräuber vertrieben - wenigstens vorläufig…

Bermudas statt natürliche Nacktheit

Ein Detail fiel bei Nehbergs Diavortrag zum Thema Yanomami auf: Auf den ersten Dias waren die Indianer nackt, und die Männer banden sich den Penis mit einer an der vordersten Vorhaut angebrachten Schnur zum Bauchnabel hinauf. Nicht aus «Eitelkeit», wie Nehberg zunächst vermutete, sondern aus einem ganz klugen Grund: Beim Jagen hätte das Geräusch des hin und her klatschenden Penis die Beute verscheucht… Spätere Dias zeigten die gleichen Indianer, die durch die Goldgräberräuber mit der «Zivilisation» in Kontakt kamen, in kunterbunten Bermuda-Shorts - bar jeden Charme der überlebenstüchtigen Urwaldbewohner - aber jetzt mit den scheusslichsten Folgen der von den Weissen eingeschleppten Krankheiten gezeichnet.



Rüdiger Nehberg mit seiner Lebenspartnerin Annette Weber, die wichtige «Hintergrundarbeiten» für ihr gemeinsames Werk «Target» leistet - hier ihre gemeinsame Visitenkarte.



Während von Humboldt noch halbe Kontinente «entdecken», beschreiben und vermessen konnte - er wurde jedoch schon um 1800 mit der höchst brutalen Sklaverei an der Mündung des Amazonas und in den Goldbergwerksgebieten konfrontiert -, führten die extremsten Reisen Nehbergs in bereits «entdeckte» Gebiete. Auch Nehberg beschreibt seine Reisen und «Entdeckungen» - doch aus der Sicht der Gegenwart: der Beobachtung anhaltenden Raubbaus an der Natur, «neuer» Menschenrechtsverletzungen und Sklaverei, rasanter Kulturveränderungen und Zivilisationszerfall.

Ungebrochene islamische Gastfreundschschaft

Ein modisch-aktuelles Vorurteil will er jedoch ganz entschieden zurückweisen: Die Abschätzigkeit gegenüber islamischen Völkern: Nirgendwo habe er die Kultur der Gastfreundschaft derart tief verwurzelt erlebt, wie im islamischen Afrika. Diese garantierte ihm häufig überhaupt die unbehelligte Reise durch gefährliche Gebiete und schaffte faszinierende Momente der menschlichen Begegnung.

Die gemachten Erfahrungen im menschlichen Umgang auf seinen Extremreisen haben den «Extremsportler» verdrängt und Rüdiger Nehberg zum Botschafter für die aktive, gelebte Völkerverständigung gemacht. Da ist er mindestens so ernstzunehmen wie Humboldt als wissenschaftlicher Publizist.

Seine Vortragsreisen und die Publikationen seiner umfangreichen Reiseberichte und Lexika stellt er daher gewissermassen als «Dank» an die «wunderbaren Begegnungen und Erlebnisse von grossherziger Gastfreundschaft» in den Dienst seines höchst konkreten Projektes der gezielten Aktionen für Menschenrechte: «Target» heisst die Organisation, die er zusammen mit seinem Namen für den Kampf gegen die Genitalverstümmelung in Afrika und für allgemeine Menschenrechte gegründet hat.

Rüdiger Nehberg steht für «Target»

«Target» heisst «Ziel» und zielt auf projektbezogene Aktionen vor Ort: Bei den Yanomami hat seine Organisation mitgeholfen, eine Schule und ein Spital aufzubauen, und in Afrika ist eine fahrbahre Klinik mit zwei Ärztinnen unterwegs, um genitalverstümmelten Mädchen und Frauen zumindest körperlich wieder ihre Unversehrtheit zurückzugeben.

Apropos «körperliche Unversehrtheit»: die psychischen Schäden, die den Frauen angetan werden, sind nicht abzuschätzen und wohl schlimmer als die körperlichen: Nehberg zeigte ein Dia eines etwa zehnjährigen Mädchens nach ein paar Wochen ihres Erlebnisses der Verstümmelung: Das Mädchen hat aufgehört zu sprechen, und zeigt infolge des Vertrauensverlustes gegenüber den Angehörigen ein höchst psychotisches Verhalten - ein Bild, das mir lieber erspart geblieben wäre!

Wunschtraum: Transparent zwischen Minaretten

Die Menschenrechtsorganisation Nehbergs «Target» konnte übrigens in Sachen Genitalverstümmelung einige schöne und wichtige Erfolge verbuchen: Der Obermufti der Muselmanen in Kairo hat ihm schriftlich und auch auf Video versichert, dass die Genitalverstümmelung gegen den Koran und den Islam sind. Dass andere Auslegungen «Fälschungen» seien. Solchermassen «gerüstet» konnte Nehberg bei verschiedenen Stämmen und Völkern bereits eine Abkehr des allergrausamsten Macht- und Religionswahns bewirken.

Nehbergs Traum für die Zukunft: Ein Riesentransperant gegen die Genitialverstümmelung, aufgehängt zwischen den Minaretten in der Kabbala-Arena von Mekka. Damit Millionen von Islam-Gläubigen erfahren, dass die Genitalverstümmelung nicht korankonform ist. Nach allem, was wir über Nehberg wissen, wird er dies wohl schaffen - vorausgesetzt, er erhält auch genügend Unterstützung seiner Bewunderer. Beachten Sie deshalb seine nachfolgend vermerkte Internetseite und hier das Schweizer Postkonto: 40-622117-1 TARGET Rüdiger Nehberg

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

Die Seite von Rüdigers «Target»

Nehbergs persönliche Seite


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