Artikel vom 11.11.2004

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Am Radio/Fernsehen

«Auch im Himmel steht mein Pimmel»

Schüttelverse von der Mauer oder: Die grösste Wandzeitung der Welt - gehört ein Hörspiel von Ronald Steckel auf DRS II

Von Jürg-Peter Lienhard



Aufmerksamer Leser der grössten Wandzeitung der Welt: Knittelversesammler und Hörspielautor Ronald Steckel.

Wer am Mittwoch, 10. November 2004, abends, einfach so ins Programm von Radio DRS II geswitcht hat, der muss wohl gedacht haben: Das soll ein «Hörspiel» sein? Wer jedoch von Anfang an dabei war und wusste, worum es ging, hat eines der vergnüglichsten Hörspiele seit langem erlebt.

Bis zum 9. November 1989 war Berlin eine geteilte Stadt. Die berühmt-berüchtigte Mauer trennte den Westen vom Osten. Eine riesige, vorerst leere Fläche zog sich durch die Stadt. Von der Westseite aus war sie frei zugänglich. Und leere Flächen reizen bekanntlich zur Gestaltung.

Schrift begann auf dem Beton zu blühen. Erste Sprüche tauchten auf: Politisches, Spontanes, Aphoristisches, Obszönes. Übertüncht wurde nichts: vom Westen nicht, weil die Zuständigkeit fehlte, vom Osten nicht, weil man nichts sah. So wurde die Mauer eine besondere Art Wandzeitung. Eine Projektionsfläche seelischer und geistiger Zustände, die, anonym und ungefiltert ausgestossen, für sich selber sprechen.

Zeitdokument von besonderem Wert

Als Ronald Steckel 1984 die Berliner Mauer als Wandzeitung gelesen und von ihr abgeschrieben hat, was Punks und Anarchos, Kleinbürger, Liebespaare und Alltagsdichter auf ihr hinterlassen hatten, hätte keiner damit gerechnet, dass sie nur noch fünf Jahre lang stehen würde. Seine Sammlung von Mauersprüchen ist ein Zeitdokument von ganz besonderem Wert.

Und aus dieser schier unendlichen Sprüchesammlung hat Ronald Steckel ein Hörspiel gestaltet, das 1984 vom Sender Freies Berlin (SFB) unter seiner Regie und mit nur einem Sprecher, Wolfgang Neuss, produziert wurde.

DDR-Ideologie hatte keine moralische Basis

Schade eigentlich, dass dieses Hörspiel erst 20 Jahre nach dessen Produktion in den Äther von Radio DRS eingespeist wurde. Das Gedächtnis der Welt ist nämlich kurz, und die Ohnmacht, die diesem scheusslichen, menschenverachtenden Bauwerk gegenüber bestand, ist für viele junge Hörer nicht mehr nachzuvollziehen.

Hingegen wurde mit diesem sarkastisch von einem leicht zungenanstössigen Sprecher rasant vorgetragenen Zitatenschwall klar, dass die DDR-Ideologie keine moralische Basis hatte: Die Mauer als ideologisches Manifest wurde als solches nicht ernst genommen. Als sie dann fiel, war das DDR-System längst ausgehöhlt, weil es von seinen «Untertanen» nie im Herzen getragen wurde.

Auch der israelischen Mauer sollte ein solches Schicksal blühen!

Möglich, dass dies auch der israelischen Mauer in Palästina dereinst so ergehen dürfte - auch wenn man nicht hofft, dass dann das israelische Volk untergeht. Zumindest der Traum von Gross-Israel, wie er von rassistischen und fanatischen Orthodoxen geträumt wird, möchte durch die starke Kraft der Kreativität von friedliebenden Menschen dies- und jenseits des Jordans ebenso der Lächerlichkeit preisgegeben werden, wie den der Ultra-Othodoxen von Pankow.

So hiess es auf der Mauer von Berlin ultimativ: «Die Mauer muss weg!» Was einen Spassvogel zum Kommentar reizte: «Ja, aber wohin?», und mahnte damit, dass leere Forderungen eben leere Forderungen und keine Handlungen sind. Auch dem Obszönling mit seinem Peniskomplex erging es ähnlich, der da übertrieben selbstbewusst behauptete: «Auch im Himmel steht mein Pimmel!» Denn ein gesunder Skeptiker kritzelte darunter seine Einschätzung: «Wohl nur um des Reimes Willen»… Ein anderer punktete mit dem Spruch «Deutsche raus!» gleich zweifach für den Doppelsinn, und wieder andere malten: «Ich liebe Dich!», wobei sie aber nicht die Mauer meinten, sondern den oder die sie voranstellten oder folgen liessen…

53 Minuten laut Schmunzeln - und viele Grüsse an G. Bush!

Es waren teils vergnügliche, zum laut Schmunzeln reizende 53 Minuten, die das Sammelwerk von Ronald Steckel am Radio hörbar machten. Es waren aber insgesamt erstaunlich wenige politische Parolen oder Gegen-Parolen, die an die Mauer gesprayt, gekritzelt oder gemalt wurden. Die gesammelten Sprüche belegen somit, dass ein System unterlaufen werden kann, wenn man «nicht hingeht». Zumindest Udo Lindenbergh machte es mit seinem «Sonderzug nach Pankow» vor. Und man darf aus diesem hinterlistig-frechen Song schliessen: Je besser die Witze über George W. Bush sind, desto weniger Zulauf dürfte er haben…


Ronald Steckel, 1945 auf Sylt geboren, lebt seit 1968 als Schriftsteller und Komponist in Berlin. Er hat zahlreiche Features, Klangwerke und Bühnenmusiken realisiert, aber auch einige viel beachtete Hörspiele geschaffen: "Der Prozess der Erinnerung" (1965), "Wie es ist" (1997), "Stimmen aus dem Feuer" (1998).

Von Jürg-Peter Lienhard


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