Artikel vom 28.09.2004

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Mit Stumm unterwegs

Heiliger Zorn, vergnügte Gelassenheit

Die Uraufführung der Bühnenfassung von Max Frischs Roman «Stiller» am Theater Basel gibt Gelegenheit zu Gedanken über Frisch und Dürrenmatt als Theater-Autoren

Von Reinhardt Stumm



Friedrich Dürrenmatt (links) wurde in der Basler «Rio Bar» vom Beizer Felix Bigliel «lebenslänglich» aus dem Lokal gewiesen, weil der Dramatiker den Zapfengeruch eines überteuerten miesen Burgunders reklamierte. Max Frisch (rechts) als Schweiz-Kritiker brillierte in einem denkwürdigen Fernsehduell gegen Bundesrat Kurt Furgler, der hinter jedem Baum einen «Kommunisten» wähnte. (Legende und Combo: jpl)

In Basel hatte eine Bearbeitung von Max Frischs Roman «Stiller» Premiere, in Zürich wird es demnächst sein «Homo faber» sein. Warum die Romane? Sind denn Max Frischs Stücke nur noch fürs Schultheater? Sind Dürrenmatts Stücke brauchbarer und wenn ja, warum? Immer dieselbe Frage: Was unterscheidet die beiden? Machte der Zorn Frisch unbeweglich? War Dürrenmatt besser, weil ihn kalt liess, was Frisch schmerzte? Das Theater will es wissen. Jetzt sind also Frischs Romane dran. Und natürlich ein paar Fragen dazu.

Kein Theaterdirektor mit Verstand machte in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre seinen Spielplan ohne mindestens einen der beiden Schweizer, die jeder kannte. Sie waren Mode. Frischs Biedermann und die Brandstifter (1958) und Andorra (1961) hatten ihn berühmt gemacht, Dürrenmatts Besuch der alten Dame (1956) und seine Physiker (1962) gehörten zum Standardrepertoire, nicht etwa nur deutschsprachiger Bühnen! Trotzdem – Peter Rüedi erinnert daran in seinem Kommentar zum Briefwechsel zwischen Frisch und Dürrenmatt*) – zweifelten beide zunehmend an ihrer theatralischen Sendung.

Frisch entwickelte zunehmendes Unbehagen: «Die Parabel geht meistens auf. Hang zum Sinn. Sie täuscht Erklärbarkeit vor, zumindest Zwangsläufigkeit. Sie gibt sich gültig, indem sie vage bleibt.» Da hat Frisch das Problem. Die Parabel geht auf das Kollektiv, wie das Lehrstück.

«Frischs Stücke sind mehr gebaut als geschrieben»

Wir lächeln nachsichtig und finden, dass Frischs Problem vielleicht war, seine Stücke mehr gebaut als geschrieben zu haben. Sie sind Konstrukte, Montagen, schwer, an jedem Fuss hängt ein Etikett, auf dem eine ewige Menschheitsfrage steht – egal ob Andorra, Graf Oederland, Biedermann. Frisch wusste es und konnte doch nicht anders. Er hatte Theater bei Brecht (1898-1956) gelernt, kennengelernt. Brecht war der grosse Erfinder von Parabeln, war aber auch das grössere Theatertalent als Frisch (und ganz nebenbei und trotzdem: wer spielt heute noch Brecht?).

Frisch blockierte sich selber. Theater war ihm Auftrag. Wenn Dürrenmatt lachte, weil er keine Lust mehr hatte, das Idiotenspiel Welt ernstzunehmen, war Frisch bitter, bissig und böse. Und Dürrenmatt hatte neben allem Spott, aller Ironie, aller Satire etwas, was Frisch nicht hatte: Charme.

«Dürrenmatt, witzig und doppelbödig»

Frisch schrieb Reden, unbequem, scharf, unwiderlegbar. Man mochte sie nicht besonders, aber man hörte zu. Dürrenmatt, witzig und doppelbödig, beherrschte die Kunst, seine Hörer, seine Leser in ihren Schlingen zu fangen. Man mochte sie, auch wenn man nicht immer zuhörte. Frisch tat weh, was Dürrenmatt belachte.

Frisch war verbissen, sein Humor eisig. Das machte ihn oft unsympathisch. Aber seine Freunde rechneten auf ihn, und sie konnten auf ihn rechnen, auf Hilfe, Erklärung, Perspektive, auf Aussicht, auf brauchbare Haltung, auf moralische Stütze - oder doch, zuallermindest, auf Solidarität.

Frisch redete (Das Zürcher Debakel, am 20.12.68) im Volkshaus über Provokation durch Kunst, Dürrenmatt redete mit Anwälten und Verwaltungsräten über Ehrenhändel – hier wie dort war das Schauspielhaus der Anlass.

«Frisch will den Täter»

Sie sitzen an verschiedenen Enden derselben Schwierigkeiten. Dürrenmatt sieht den Einzelnen verstrickt in gesellschaftliche Beziehungsnetze, die er nicht beherrscht, er wird ihr Opfer. Oft genug ihr belachtes Opfer. Frisch will den Täter, er fordert Handeln.

Ein Witz, dass ausgerechnet der Mann, der sein Leben lang darum gerungen hat, sich zu begreifen, zu begreifen, was ihn unverwechselbar macht – dass Frisch Parabeln schreibt, in denen Individualität aufgegeben wird zugunsten von Schnittmustern, nach denen sich vielleicht einmal eine Menschengesellschaft zuschneiden liesse.

«Frisch scheiterte auf der Bühne»

Die Zweitfassung (!) von Biografie. Ein Spiel (1968) war Frischs letzter ernsthafter Versuch, diese Hindernisse beim Stückeschreiben zu meistern. Vielleicht hat das was damit zu tun, wie Kultur vor fünfzig Jahren noch verstanden wurde – besondere Begabungen erzwangen die Erfüllung besonderer Pflichten. Nicht zu meinem Vergnügen schreibe ich, ich baue mit an einer besseren Gesellschaft – das ist mein Auftrag! Alle versuchten es, Peter Weiss, Heinar Kipphardt, Tankred Dorst, Heiner Müller, Fassbinder, Achternbusch, Kroetz, Hochhuth – auch Hochhuth! Wo sind sie? (Man könnte freilich auch denken, dass wir über den Regisseuren die Autoren vergessen haben).

Dürrenmatt hatte damit kein Problem, er gehörte zu den Begabungen, die in allen Sätteln gleichermassen gut reiten. Er spielte souverän mit den Modellen, die das Theater bereithielt, änderte sie nach Lust und Laune. Frisch scheiterte auf der Bühne, weil er aus dem Parabelmodell nicht ausbrechen konnte - das Theater war Lehramt, moralische Verpflichtung. Es setzte Regeln. Und erzwang, wegzulassen, was ihn am meisten beschäftigte, er selber. Diese Stücke will niemand mehr.

«Frisch begriff, dass er kein Dramatiker ist»

Aber man will wissen, wie ein Mensch sich zur Gesellschaft verhält. Und je grösser die Reibeflächen zwischen Individuum und Gesellschaft werden, desto wissbegieriger werden die Betroffenen. Wir sind mit guten Gründen wieder ziemlich wissbegierig. Genau davon weiss aber der Epiker Max Frisch viel, der irgendwann begriff, dass er kein Dramatiker ist. In seinen Romanen - Stiller, Homo Faber, Mein Name sei Gantenbein (der Titel ist ja schon Programm!) – finden wir jene psychologische Differenziertheit, die den Stücken fehlen musste. Hier werden die seelischen Energien erkennbar, die Frisch einzusetzen hatte, und die – letztenendes – alle dieselbe Antwort fördern sollten: Wer bin ich?

Hier bremst nichts den Erlebnisfluss, hier darf sein, was fasziniert, Fülle, erzählerischer Reichtum, Beweglichkeit, Phantasie, der Wechel der Erzählebenen. Hier ist Humor und Leichtigkeit. Hier ist «neurotische Sehnsucht nach einem anderen Ich, nach einem erfüllteren Leben», und diese Sehnsucht «bestimmt im Zusammenhang mit dem Identitätsproblem das gesamte Werk Frischs», fasst Kindlers Literatur Lexikon zusammen.

«Aufgezwungene Rollen verunmöglichen Leben»

Hier ist auch das erkennbare Bewusstsein, dass zwar aufgezwungene Rollen Leben unmöglich machen, dass aber die endlich als eigene erkannte und angenommene Rolle ein einsames Leben, das Ende des Lebens bedeutet. Früher nannte man diese Einsicht tragisch.

Hier darf das Theater jene analytischen Qualitäten vermuten, die es in den Parabelstücken Frischs nicht finden kann. Ob es damit freilich nicht genau jene Fussangeln neu auslegt, in denen sich einst der Dramatiker Frisch verhedderte, wird sich zeigen.

*) Max Frisch / Friedrich Dürrenmatt: Briefwechsel.
Hgg. v. Peter Rüedi. Diogenes Verlag, 1998

Von Reinhardt Stumm


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