Artikel vom 24.09.2004

Druckversion

Theater

Nichts als Fussangeln

Saisonbeginn im Theater Basel mit einer Bühnenbearbeitung von Max Frischs Roman «Stiller»

Von Reinhardt Stumm



Schepps ist immer künstlerisch, und mit einem schwarzen Rand drumherum sowieso: Proben-Aufnahmen von Sebastian Hoppe, Theater Basel, aus der Roman-Umsetzung von Frischs «Stiller»: (Darsteller v.l.n.r.) Christoph Müller, Martin Hug, Michael Neuenschwander, Hans-Rudolf Twerenbold, Susanne Abelein

Sie sitzen an verschiedenen Enden derselben Schwierigkeiten, die das Theater bietet: Frisch und Dürrenmatt.

Dürrenmatt sieht den Einzelnen verstrickt in gesellschaftliche Beziehungsnetze, die er nicht beherrscht, er wird ihr Opfer. Oft genug ihr belachtes Opfer.

Frisch schreibt Parabeln. Das Unverwechselbare verschwindet in Schnittmustern, nach denen sich vielleicht eine Menschengesellschaft schneidern liesse, aber kein Individuum. Frisch scheiterte auf der Bühne, weil er aus dem Parabelmodell nicht ausbrechen konnte - sein Theater war Lehramt, moralische Verpflichtung. Es setzte Regeln. Und erzwang so, wegzulassen, was ihn am meisten beschäftigte, er selber. Diese Stücke will niemand mehr.

Frisch begriff, dass er kein Dramatiker ist

Aber man will wissen, wie ein Mensch sich zur Gesellschaft verhält. Und je grösser die Reibeflächen zwischen Individuum und Gesellschaft werden, desto wissbegieriger werden die Betroffenen. Wir sind mit guten Gründen wieder ziemlich wissbegierig. Und genau davon weiss Max Frisch viel, der irgendwann begriff, dass er kein Dramatiker ist. In seinen Romanen - Stiller, Homo Faber, Mein Name sei Gantenbein (der Titel ist ja schon Programm!) - finden wir jene psychologische Differenziertheit, die den Stücken fehlt. Hier werden die seelischen Energien erkennbar, die Frisch einzusetzen hatte, und die - letztenendes - alle dieselbe Antwort fördern sollten: Wer bin ich? Wer soll ich sein?



Sägt am eigenen Ast: Michael Neuenschwander alias ««Stiller».

Hier bremst nichts den Erlebnisfluss, hier darf sein, was fasziniert, Fülle, erzählerischer Reichtum, Beweglichkeit, Phantasie, der Wechsel der Erzählebenen. Hier ist Humor und Leichtigkeit. Hier ist «neurotische Sehnsucht nach einem anderen Ich, nach einem erfüllteren Leben», und diese Sehnsucht «bestimmt im Zusammenhang mit dem Identitätsproblem das gesamte Werk Frischs», heissts in Kindlers Literatur Lexikon.

Stiller in der Badewanne

In Basel wilderten Lars-Ole Walburg und seine Dramaturgin Andrea Schwieter in Stiller, ohne der Germanistik in die Quere zu kommen. Also auch ohne Fragen und ohne Antworten. Was ist Identität? Keine Antwort. Spielt Stiller Stiller oder ist er Stiller, und - sozusagen - warum eigentlich nicht? Der Preis dafür, dass er schliesslich doch noch zu sich kommt, ist ein einsames Leben. Mit dem Theater zu reden: Eine tragische Konstellation. Das wird hier aber nicht gespielt, das wird - am Ende - vorgetragen. Wozu braucht man Theater, wenn ein Lesepult genügt?

Manchmal brüllt Stiller - das ist ziemlich laut und dumm. Stiller ist Autist - wohin mit den Händen? Stiller planscht - mit Julika in der Badewanne. Stiller wütet - die Bühne ein Trümmerhaufen. Stiller raucht - Zigarren machen kontemplativ. Stiller ist schwierig - keiner erfährt warum. Er ist Mann und Schweizer, die unumgänglichen Witzchen sind sehr abgestanden.

Bearbeitung verhedderte sich in der Epik

Stillers Schlussarbeit: er sägt ein Schweizerkreuz aus dem Bühnenboden. «Nachtigall, ick hör dir trapsen», sagt der Berliner. Von neurotischer Sehnsucht keine Spur, dafür sein Kummer, nicht zu sein, als was er geboren wurde. Also Schweizer. Er hätte scharfe Konkurrenz gehabt. Die Schweiz war Hauptdarstellerin.

Dass unser Theater in den Parabelstücken Frischs nicht finden kann, was die Sehnsucht nach glaubwürdiger Darstellung von Menschen erfüllt, haben wir begriffen. Die Dramatisierungen lassen allerdings nicht ganz unbegründet befürchten, dass die Romane auch noch verlieren, was sie zu grossen Romanen machte, weil sich die Theaterleute in ihren Bastelstuben in der Epik noch mehr verheddern als Frisch in seiner Dramatik.

(Lead, Zwischentitel und Bild-Legenden von J.-P. Lienhard)

Von Reinhardt Stumm


Klicken Sie hier, wenn Sie fortan bei neuen Artikeln dieses Autors benachrichtigt werden wollen!


Anzeige:

PlagScan



Nach oben


Copyright © 2003 by webjournal.ch

 

Die Funktion Newsletter ist wegen Spam blockiert. Schreiben Sie eine Mail an info(ad)webjournal.ch mit dem Betreff: «Bitte newsletter zusenden» Besten Dank für Ihr Verständnis.