Artikel vom 17.09.2004

Druckversion

Medien am Oberrhein

«Solidarität» ist den Franzosen Begriff!

Der Zuständige der Regio basiliensis für die Oberrheinkonferenz, Manuel Frieseke, befragte Jürg-Peter Lienhard, Editor von webjournal.ch, im Vorfeld des 9. Dreiländerkongresses zu «Medien und Kommunikation am Oberrhein»

Von Redaktion



Die sogenannte Dreiländerregion Oberrhein geht weit über das Dreiländereck bei Basel hinaus, bis weit ins «Krumme Elsass» und ins Rheinland-pfälzische - den «Beexern», wie die Nord-Elsässer sagen, die hinwiederum aber selbst auch von den Süd-Elsässern so genannt werden…Foto: TeleBasel

Nach Beendigung des Dreiländerkongresses vom 16. September 2004, erlaubt sich das webjournal.ch den Frage/Antwortkomplex auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, um damit dem Publikum Gelegenheit zu bieten, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Manuel Frieseke: Welche nationalen Unterschiede in der Berichterstattung im Dreiländereck gibt es?

Jürg-Peter Lienhard: Es gibt enorme Unterschiede, besonders in der Wahrnehmung. Das habe ich im Besonderen mit Bezug zu Frankreich kennengelernt. Doch zunächst sei gesagt, dass diese immer wieder ändern, andere Schwerpunkte sich abzeichnen.

In erster Linie ist es die Sprachbarriere zwischen Frankreich und der Deutschschweiz, ja auch zwischen der Deutschschweiz und Deutschland. Dann sind es die grundverschiedenen politischen Systeme: Die Präsidial-Demokratie Frankreichs; die französische Geschichte ist für die Schweizer der jüngeren Generation praktisch unbekannt.

Schweizer in Gruppen haben unmögliche Umgangsformen

Und ferner verschieden sind die beiden Länder, weil in Frankreich alles Staatliche eine Ehrerbietung fordert, die in der Schweiz, wo Bundesräte im Tram zur Arbeit fahren, eher lächerlich wirkt. Kultivierter Umgang, mündlich wie schriftlich, Savoir vivre, Discrétion, hat eine tiefe Tradition in Frankreich; die Schweizer hingegen - zumal, wenn sie in Gruppen auftreten - haben in den Augen der Franzosen unmögliche Umgangsformen.

Als ich im Elsass arbeitete, erwartete ich, als Schweizer eher willkommen geheissen zu werden als die Deutschen - zumal diese ja in der Nazizeit an vielen Verbrechen beteiligt waren. Doch die Deutschen haben einen besseren Ruf in Frankreich, und ich weiss auch warum: Wenngleich da auch viel Propaganda im Spiel ist, welche die Schweizer in Frankreich als «gnomenhaft reich und geizig» darstellt, so ist es doch die Eigenart der Schweizer, die oft herzlos am Buchstaben von Verordnungen und Vorschriften kleben und Parksünder ein Leben lang verfolgen, die wenig Humor und keine Tafelkultur haben - schlicht so kleinkariert sind, wie ihr Land eben auch verschlossen wirkt.

Solidarität für ein geeintes Europa

Glauben Sie mir: Ich habe 1985 im Ecomusée d'Alsace zum ersten Male in meinem Leben gehört, dass «Solidarität» für Franzosen ein Begriff ist - nicht ein materieller wie bei Lohnstreiks - sondern mit diesem Begriff operierten die Leute, die für ein geeintes Europa einstanden; sie stellten die «Solidarität» unter den Völkern über die materiellen Interessen einzelner Wirtschaftszweige!


Manuel Frieseke: Besteht ein Interesse der Medienschaffenden zur Zusammenarbeit?

Jürg-Peter Lienhard: Es gibt immer wieder einzelne Journalisten, die daran Interesse zeigen oder sich engagieren wollen. Doch meist bleibt es bei einzelnen Berichten, sogenannte Schönseiten und Reportagen in Magazinen oder auf Sonderseiten. Denn zur Zusammenarbeit braucht es zwei: Nämlich den Journalisten und den Verleger - denn dem gehört ja der Laden, und der hätten es in der Hand, die Plattform zu finanzieren, damit eine kontinuierliche Berichterstattung über die Grenzen möglich wird. Doch der Verleger ist am Inseratenmarkt interessiert, an der Grenze, die sein Gärtlein beschützt.

Aber nicht nur Verleger sind da mitgefordert. Beispiel: Jacques Zimmermann, ein ausgezeichneter Reporter von Radio France - Alsace, hat vor ein paar Jahren den Vorschlag des Informationsaustauschs mit dem Regional-Journal Basel gemacht. Nicht einmal der damalige Radiodirektor Roger Blum, geschweige denn der Regionaljournal-Chef Jürg Stöckli wollten seine Vorschläge anhören, was typisch ist für diese Beamten einer öffentlich-rechtlichen Anstalt: das sind meist Schlafkappen und Sesselkleber, weil die weder Auflagenzahlen noch Marktvitalität zu innovativen Änderungen zwingen. Das ist eines der Hindernisse in der grenzüberschreitenden Kooperation: die Entscheidungsträger bei Radio und TV hocken und kleben in Zürich oder vielleicht in Bern, wo Randregionen nicht existieren, wo man das Leben an und mit der Grenze nicht kennt…


Manuel Frieseke: Welche Hindernisse der Medienkooperation sind vorrangig?

Jürg-Peter Lienhard: Vorrangig ist zuerst die Sprachgrenze zwischen dem Elsass und Basel. Dann sind zwischen allen drei Ländern die gegenseitige Unkenntnis der genauen Funktion des politischen Systems und der administrativen Abläufe sowie der aktuellen politischen Kräfte das grösste Hindernis.

Das führt dazu, dass nur «Kurioses» oder «Sensationelles» aus den drei jeweiligen Regionen «auf der anderen Seite» ihren Niederschlag in den Medien finden. Und wo noch hin und wieder öfters berichtet wird, handeln die Artkel von «Entdeckungen» im Gastro- und Weinbereich…

Kontinuität übers Jahr ist nötig!

Medienkooperation heisst aber: Kontinuität in der Zusammenarbeit der Berichterstattung. Auch Kontinuität in scheinbar «Lokalem», denn übers Jahr wird der Leser solche Informations-Puzzle zu einem Ganzen zusammenfügen können.

Beispiel: Die Eröffnungen von japanischen Niederlassungen im Elsass wurden von der Basler Zeitung kaum zur Kenntnis genommen. Dabei steckte dahinter eine Strategie der elsässischen Wirtschaftsförderung, die plötzlich mit den Japanern einen bedeutenden Wirtschaftszweig im Elsass angesiedelt hatte.

Die «Dreiland»-Beilage war nur ein kommerzielles Produkt

Des weiteren glaube ich, dass die BaZ mit der unseligen Gründung ihrer Beilage «3», die später in «Dreiland» umgetauft wurde, jenseits der Grenze viel Geschirr zerschlagen hat, weil sie aggressiv in die nachbarliche Inseratenplantage eindrang und erst noch damit rechnete, dass die solchermassen bedrohten Konkurrenzblätter im anderen Grenzbereich ihr journalistische Unterstützung gewährten…

Die Idee der Dreiländerbeilage hätte wohl eine längere Überlebenschance gehabt, wenn sie als redaktionelles Produkt und nicht als Inserateköder lanciert worden wäre. Doch auch eine Wochenbeilage mit ihren langen Vorproduktionszeiten dient der vertiefenden Information nicht: Die Grenzregion müsste ein tägliches Fenster wie z.B. bei der Basler Zeitung: «Baselland» oder «Basel-Stadt» haben (wie «Elsass», «Baden» usw.) und stets tagesaktuell mit eventuell gelegentlichen magazinmässigen Beiträgen gestaltet sein.


Manuel Frieseke: Welchen Stellenwert hat die grenzüberschreitende Berichterstattung, und wie wird sie von der breiten Bevölkerung wahrgenommen?

Jürg-Peter Lienhard: Zunächst: Die Leute kennen sich in Bangkok besser aus als beispielsweise in Mulhouse oder Ottmarsheim, ganz zu schweigen von Freiburg. In Basel besteht das Elsass aus einer Reihe von Beizen in Grenznähe, wie ebenso im Badischen. Dabei ist das Elsass von oben bis unten 220 Kilometer lang, was der Luftlinie Basel–Bellinzona entspricht - also eine enorm abwechslungsreiche Landschaft, Wirtschaft, Sprache und Kultur. Das Elsass, das von den Baslern wegen seiner Nähe zum Sundgau «lediglich als bäuerliches Hinterland» wahrgenommen wird, ist aber in Frankreich eine sehr bedeutende Industrieregion, deren glanzvolle Geschichte noch vor derjenigen von Basel begann, das beispielsweise im Schatten Mülhausens lange wirtschaftlich völlig unbedeutend war! Und mit dem Europasitz in Strassburg hat das Elsass auch ein weltpolitisches Gesicht!

Der Stellenwert des Elsass in den nordwestschweizerischen Medien ist gleich null. In der kürzlich erschienenen Vorstellung der neuen BaZ, und wie es sich seit dem 4. September 2004 zeigt, wird nur noch von der «Berichterstattung in der Nordwestschweiz» gesprochen. Kein Wort mehr vom ausländischen Umland!

Basler haben «erotisches» Verhältnis zum Elsass…

Dabei habe ich in meiner journalistischen Laufbahn, in der auch der von mir gegründete Verein «Elsass-Freunde Basel» fällt, feststellen können, dass zumal die ältere Bevölkerung Basels ein fast «erotisches» Verhältnis gerade zum Elsass hat - wohl wegen der Beizen, aber auch aus Erinnerungen der Nachkriegszeit. Viele Leute haben das Ecomusée d‘Alsace und die anderen Museen in Mulhouse fast ausschliesslich aus meiner früheren Kolumne «Gugelhopf-Rosinen» in der sogenannten Dreiland-Zeitung der BaZ kennegelernt.

Das war nur möglich, weil ich in dieser Kolumne «dranblieb», immer wieder interessante Veranstaltungen ankündigte, die jeweils immer für andere Interessen beachtenswert waren. Und genau das ist das Problem: Das «Dranbleiben» kann in einer Zeitung dem Leser Sachen näherbringen, was die Leser wiederum an die Zeitung bindet - denn von dort haben sie ja eine gute Information erhalten. Das ist ein langer Aufbauprozess, der bei der Basler Zeitung zum Stillstand gekommen ist, was auch noch lange so bleiben wird. Verlierer sind die Menschen hüben UND drüben!


Manuel Frieseke: Welche Chancen bieten sich mit den neuen Medien und den neuen Kommunikationstechniken?

Jürg-Peter Lienhard: Ich bin kein Medienwissenschafter, weshalb ich nur für die Gegenwart und für die nähere Zukunft dazu etwas sagen will. Doch zunächst will ich gleich auf ein Missverständnis hinweisen: Die «neuen Medien», zumal das Internet, sind kein Ersatz für die gedruckten Medien, also für die Zeitungen. Das Internet ist eine Ergänzung dazu, denn den Computer nehme ich nicht mit auf die Toilette, ins Tram oder in die Znünibeiz. Aktuelle Nachrichten höre ich am Radio, und in der Tagesschau mache ich mir ein Bild davon; sofern die Meldung als «fernsehgerecht» eingestuft und ausgestrahlt wird.

Von der Zeitung erwarte ich mehr: Hintergrund und vertiefte Information, und die kann auch bis zum folgenden Tag warten.

Das Internet ist keine Konkurrenz für Zeitungen

Das Internet hingegen gebrauche ich als Recherchiermittel, und - das ist vielen Internet-Nutzern nicht klar -, das Internet ist keine Bibliothek, keine Enzyklopädie: Jeder, der will, kann da was veröffentlichen - ungefiltert, unbesehen, Gestohlenes, Verändertes, Propaganda. Das Internet, das unübersichtlichste Archiv, das es je gab, kann eine Information vielleicht vom Hundertsten ins Tausendste vertiefen, meist gar vom Hunderttausendsten ins Aberhunderttausendste.

Da kann die Zeitung nicht mithalten, aber das ist nicht die Aufgabe der Zeitung! Die Zeitung, wenn sie die Internet-Aufgabe annimmt und versteht, soll Journalisten heranbilden, deren Kunst darin besteht, dass sie dem speziell interessierten Leser den Weg dorthin weist, wo er auf eigene Faust seine ergänzenden Informationen finden kann.

Neue Medien: «Sind wuchtige Erfindungen» (jpl)

Zu den Kommunikationstechniken: das sind wuchtige Erfindungen, die für meinen Geschmack (leider) um Jahrzehnte «zu spät» erfunden worden sind… Stellen Sie sich vor: Ein Ereignis-Reporter heute braucht nur 20 Sekunden, um sein Bild in die Redaktion zu senden - wo auch immer er in der Welt sich aufhält! Das verhilft dem angeblich «langsamen» Medium Zeitung doch zu einem gewaltigen Aktualitätsschub!

Ich vermute, dass die Zeitung und das Zeitungsmachen sich anpassen werden an die neuen Herausforderungen, nicht nur, weil sie müssen, sondern, weil einige Dinge auf der Hand liegen. Doch überleben werden nur diejenigen Medien, ob Print oder elektronisch, wenn sie Qualität liefern, dh. dass sie sich Quantität definieren müssen! Aber das ist ein anderes Thema - wenngleich auch ein grenzüberschreitendes…

Das webjournal.ch will Lücken schliessen

Das webjournal.ch ist eine Chance für die Dreiländerregion, denn es will gewisse Informationslücken und Lücken im Angebot der hier ansässigen Medien schliessen. Das ist keine Konkurrenz zu den etablierten Zeitungen, sondern eine Ergänzung - eine wertvolle und nötige Ergänzung!

Doch dieses Projekt, das nun im Aufbau begriffen ist und noch von freiwilligen Mitarbeitern gestaltet wird, muss - wenn es diese Rolle erfüllen will - einen soliden finanziellen Boden unter die Füsse bekommen. Dazu verhelfen können die Menschen im Dreiländereck, indem sie das webjournal.ch häufig aufsuchen und damit ihr Interesse bekunden.

Mit dem sogenannten Rating - der Leserstatistik - können wir uns dann auf die Suche von Inserenten und Geldgebern begeben. Denn wir haben ja etwas vorzuweisen, das interessiert!

So sieht unser Konzept für die nähere Zukunft aus: Erst was machen, das man vorweisen kann, dann braucht man nicht betteln zu gehen, sondern kann einen wertvollen Dienst als echten Mehrwert verkaufen!

Lesen Sie auch die Berichterstattung zum 9. Dreiländerkongress und sehen Sie sich den Film von TeleBasel an! Link nachfolgend



Auch Heiteres gibts im Film «Kommunikation grenzenlos» von TeleBasel zu sehen. Ein Grand-Reporter bietet im Elsässer-Bahnhof Basel eine Slapstick-Einlage - weil der nur für TeleBasel «mit dem Zug ins Elsass fährt», ansonsten - gezwungenermassen - stets im Auto…Foto: TeleBasel

Von Redaktion

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

Bericht und Programmhinweis TeleBasel


Klicken Sie hier, wenn Sie fortan bei neuen Artikeln dieses Autors benachrichtigt werden wollen!


Anzeige:

PlagScan



Nach oben


Copyright © 2003 by webjournal.ch

 

Die Funktion Newsletter ist wegen Spam blockiert. Schreiben Sie eine Mail an info(ad)webjournal.ch mit dem Betreff: «Bitte newsletter zusenden» Besten Dank für Ihr Verständnis.