Artikel vom 18.08.2004

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Sommerlaunen-Glosse

Hören, Zuhören - vielleicht auch Fühlen…

Manche reden um des Redens willen - andere meinen, Zuhören kommt vor reden…

Von Jürg-Peter Lienhard

Sie hatte ein «Näschen-guck-in-die-Luft». Sie stand vor mir in der langen Reihe an der Kasse des Coop Neuweilerplatz. Ihr Kleid blieb mir nicht in Erinnerung, weil ich - entgegen meiner Gewohnheit - sie nicht von oben bis unten inspizierte. Das Kleid hatte etwas Sommerlich-leichtes - also kaum Charakter, so wie meine nur scheinbar verwaschenen Bermudas aus Storenblau und Storenrot. Einfach hitzeabweisend, sommerlich.

Es gibt nichts Langweiligeres, als in einer Schlange vor der Coop-Kasse zu warten. Also schweiften meine Gedanken irgendwohin - genauer: nirgendwohin, denn nichts und niemand wartete bei mir zuhause. Auch mein Katzebusi «Zippie» hatte ich vor dem Kommissionen-Gang gestriegelt und genährt.

«Habe ich Sie erschreckt?», fragte sie mich unvermittelt. Ich erschrak tatsächlich, weil ich mich ertappt fühlte - nämlich nichts gedacht zu haben. Zum Glück kann ich in solchen Momenten schlagfertig sein, und ich antwortete dem hübschen Näschen: «Aber Madame, so sehen Sie doch noch lange nicht aus…»

Doch sie überhörte dieses Kompliment, vielleicht, weil sie es als solches aufnahm, aber sie plapperte einfach drauflos: «Man muss mal dem Lehrerzimmer dann und wann ein Aufmüpferli geben.» Da erst bemerkte ich einen Jumbo-Sack voll Pfefferminz-Dääfeli mit dem Aufkleber «Aktion» in ihrem Einkaufswagen - oder wars ein Einkaufskorb?

«Aha, Sie sind Lehrerin», sagte ich, «stimmt: jetzt hat ja das Schuljahr wieder begonnen.»

«Na, wissen Sie, man soll mal was für seine Kollegen tun!»

«Ja und wieviele Kollegen haben Sie»?, sagte ich angesichts des Grosspackens Dääfeli.

«Im Schulhaus Sowieso in Allschwil, da hats 50 Lehrer und Lehrerinnen», antwortete sie beiläufig.

«So, das muss ein Geplapper sein im Lehrerzimmer während der grossen Pause!»

«Man muss von Zeit zu Zeit was tun für seine Kollegen.»

«Im Lehrerzimmer gibts sicher heftige Diskussionen zur neuen Rechtschreibung?»

«Wir sind fünfzig an der Zahl - wobei die Teilpensen inbegriffen sind.»

«Müssen Sie sich nun mit dem Konflikt der verschiedenen Rechtschreibungen auseinandersetzen? Ich für meinen Teil bleibe bei der alten Rechtschreibung.»

«Sie haben Recht: die neue Rechtschreibung ist nun mal eingeführt.»

«Ich sagte: Ich bleibe bei der alten Rechtschreibung.»

«Ja, die neue Rechtschreibung hat eben Vor- und Nachteile, aber ich habe sie nun mal auch gelernt.»

«Aber Sie sind noch jung und können wohl wieder Neues Altes lernen?»

«Die „neue“ gefällt mir auch nicht, aber nun bleibe ich dabei.»

«Ich meine, man sollte nicht mit dem grossen Haufen rennen, wenn der rennt.»

«Sie haben Recht: Man sollte nicht mit dem grossen Haufen rennen - darum pflichte ich Ihnen bei: man sollte nicht wieder die alte Rechtschreibung einführen.»

Hätte ich nun das «Näschen-guck-in-die-Luft» gefragt, ob sie mit mir einen Kaffee in einem Café trinken wollte, hätte sie wohl geantwortet: «Sie haben Recht: Es gibt morgen keinen Regen»…

Und ob es morgen regnet: Wer nicht zuhören will, steht im Regen - morgen, übermorgen, vielleicht immer… Und das hat mit neuer oder auch alter Rechtschreibung gar nichts, rein gar nix zu tun…

Oder andere Möglichkeit: Hätte ich nun das «Näschen-guck-in-die-Luft» gefragt, ob sie mit mir einen Kaffee in einem Café trinken wollte, hätte sie - vielleicht - geantwortet: «Wenn Sie meinen?» («Ja!», gibts im Wortschatz der Frauen sowieso nicht!)

Und dann? Wie wichtig wäre dann die alte und sowieso die neue Rechtschreibung gewesen? Klar: egal. Aber ihr hätten morgen ein paar Pfefferminze-Dääfeli gefehlt - und das wäre wohl schlimmer gewesen, als ein Disput um die alte oder um die neue Rechtschreibung…

Von Jürg-Peter Lienhard


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