Artikel vom 03.08.2004

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1. August

Mit dem Maul gewackelt ist nicht geredet

Einige Ratschläge an den Redenschreiber für den 1. August

Von Reinhardt Stumm

Landauf, landab halten Männer und Frauen aus Politik und Wirtschaft ihre 1.-August-Reden. Manch eine dieser viel beschäftigten Persönlichkeiten hat keine Zeit, die Rede selbst zu formulieren, und engagiert einen Ghostwriter. Im Folgenden veröffentlichen wir den Brief, in dem ein Redner seinem Redenschreiber letzte Anweisungen gibt.


(Dieser Artikel erschien am 31. Juli 2004 in der Basler Zeitung in der Rubrik «Tagesthema Seite 3».)

Mein Lieber, ich weiss, es ist kein Vergnügen, für andere Leute Reden zu schreiben. Noch dazu Reden zum Nationalfeiertag.

Lassen Sie mich ein bisschen Schützenhilfe geben, auch aus Selbstschutz. Sie sind nicht zu dumm, eine Rede zu schreiben, wahrhaftig nicht, sonst hätte ich Sie nicht engagiert. Sie haben einen anderen Defekt, der Ihnen (das heisst mir) den Hals brechen könnte: Sie sind zu ehrlich, Sie glauben ja selber, was Sie sagen, und gehen damit auf die Barrikaden. Um sich dann da den Hals zu brechen. Klar sagt der alte Faust seinem griesgrämigen Famulus:

Es trägt Verstand und rechter Sinn
mit wenig Kunst sich selber vor.


Aber Faust hat gut reden, er braucht sich um die Folgen nicht zu kümmern und wir reden nicht von Redekunst. Ihnen, also mir, hört das zu, was bei uns an Feiertagen «Volk» heisst. Und da ist das Problem, da kann ich Sie nur warnen!

Ich habe Sie nicht zum Redenschreiben engagiert, damit Sie den Leuten die Wahrheit sagen - das könnte ich gerade noch selber. Aber was denken Sie, wie viele Jahre ich gebraucht habe, um jene (verächtliche, denken Sie!) Glätte des Profils zu erreichen, an der niemand hängen bleibt und der jeder vertraut? Sowas setzt man nicht unbedacht aufs Spiel! Was ich wirklich denke, erzähle ich Ihnen unter vier Augen.

Die Schweiz brauchen Sie sowieso nicht zu erfinden, die gibt es schon. Achten müssen Sie darauf, dass ich in meiner Rede diese Glätte nur verletze, wo sanktionierte Feindbilder in unser aller Namen attackiert werden.

Aber sonst, Achtung! Erst diese Glätte macht es möglich, wenn schon nicht für alle - das schafft kaum noch ein Priester -, dann doch wenigstens für die meisten zu reden und Zustimmung zu erfahren. Wenn Sie fertigbringen, dass sich jeder verstanden fühlt, haben Sie gut geredet, egal, was Sie geredet haben. Reden Sie vom Volk, reden Sie von uns, uns allen, sagen Sie wir und Ihr und das Volk und der Souverän, das klingt immer gut, und erleben Sie:

Wenn man vom Hunde redet,
Wedelt er mit dem Schwanz.


Man muss kein Sophist sein - also kein Wortverdreher oder Rosstäuscher -, um wegzulassen, was beisst, verstehen Sie? Im Übrigen, wenn ich alles glaubte, was ich rede, könnte ich bei meinem eigenen Heiligenschein lesen! Natürlich gehören offenkundige Dummheiten nicht in eine Rede, das geht fast immer schief:

An der Rede erkennt man den Toren
wie den Esel an den Ohren.


Vergessen Sie nie, Ihre Zuhörer gehen nach der Rede nach Hause, die Politik geht weiter!

Was gelogen ist, ist übrigens fast immer eine Frage der Definition. Denken Sie daran, dass die richtig eingesetzte Lüge eine seit eh und je legitime Waffe im politischen Kampf ist (und nicht nur da!). Wer nicht zu lügen versteht, ist ein Stümper, am Ende ein Selbstmörder. Vergessen Sie nie, dass Wahrheit zum Spiel auf Leben und Tod werden kann. Überlassen Sie dieses Spiel den Lehrstuhlinhabern für Philosophie. Und denken Sie daran, richtig ist, was mir dient. Was meinen Zielen dient. Ganz ohne Umschweife: Macht erwerben, Macht ausüben, Macht behalten. Nur Macht setzt in den Stand, den eigenen Willen durchzusetzen.

Zum Glück haben wir es ja hier bei uns noch nicht nötig, unsere Redner im Ausland zu buchen. Soll Herr Stoiber («der 1. August ist für mich Ausdruck einer Erfolgsgeschichte») den Bündnern in Samnaun über EU-Mitgliedschaft predigen, was er will, soll die Frau Oberbürgermeisterin aus Lörrach in Riehen an Glaubenssätzen rütteln, wir denken daran:

Mit dem Maul gewackelt
ist nicht geredet.


Wenn Sie reden, häufen Sie Reiz-wörter, bedenkenlos - Reizwörter sind Modewörter, heute dies, morgen das. Das Richtige zu erwischen, ist wahrhaftig keine Kunst. Im Augenblick ist Solidarität dran. Ein Wortschwamm mit ungeheurem Aufnahmevermögen, in 29 Sekunden 376 000 Meldungen bei Google!

Bei unserem Bundespräsidenten hört sich die Rede von der grossen Solidargemeinschaft Schweiz so an (am 23. Juli zur Tell-Premiere auf dem Rütli):

«In der Tat lässt sich dieser Solidaritätsgedanke bis auf den Rütlischwur zurückdokumentieren. Ein Blick in die jüngste Vergangenheit, von den Weltkriegen bis heute zu den Verhandlungen mit Europa, zeigt, dass wir trotz all den Auseinandersetzungen stets die Einheit des Landes im Auge behalten, in Schillers Sprache ein ‹einzig Volk von Brüdern› sind.»

Wer ist «wir»? Joseph Deiss und Josef «Joe» Ackermann aus Mels (SG)? Wenn Sie gesehen haben, wie geradezu innig Bundespräsident Deiss den soeben dem Tribunal entwischten Herrn Ackermann von der Deutschen Bank begrüsst - mit beiden Händen umschliesst er Ackermanns Rechte, nein, sagen Sie lieber, Ackermanns rechte Hand - dann haben Sie gesehen, was das bedeutet: Ein einzig Volk von Brüdern. Sagen Sie es. Lassen Sie die Kappen weg. Dann können Sie nicht falsch liegen:

Die Kleinen hängt man,
Die Grossen lässt man laufen.


Noch einmal Deiss, am selben Ort: «Auch die Solidarität ist weiterhin eine wichtige Komponente unserer nationalen Einheit. Und auch diese Tugend muss tagtäglich gepflegt werden. Nicht erstaunlich deshalb, die oft anzutreffende Meinung, die Solidarität habe wegen der heutigen Konsumgesellschaft, dem Individualismus und dem Kantönligeist gelitten.»

Wenn Sie das zitieren, lassen Sie die Kommasetzung so falsch, wie sie hier steht - es ist seine, Bern hin, Pisa her. Und probieren Sie ja nicht, das noch im Einzelnen zu kommentieren, so im Stil von «Wo Geld redet, muss der Verstand schweigen», das wissen wir alle.

Fragen Sie auch nicht, warum er «nicht erstaunlich deshalb» sagt, auch wenn Sie es nicht verstehen. Sie können es nicht verstehen. Am Ende würde man Ihnen nur nachsagen, dass Sie versuchten, den Unsinn geradezubiegen, den andere in ihren Reden verzapfen.

Sie werden es schon noch merken, Reden kommentiert man nicht - genau das führt einen in d Schyssgass, wie man hier so schön sagt. Wissen Sie übrigens, woher das Wort kommt? Von den betreffenden Einrichtungen in den offenen Innenhöfen früherer städtischer Häusergevierte. Da ging es nur rein und erleichtert wieder raus, aber nie weiter.

Wenn noch Zeit und Raum bleiben, bedienen Sie sich bei den anstehenden Themen, es gibt genug. Seien Sie national - Rechtsstaat, Ausländer, Rassismus, Asylrecht, die aktuelle Debatte. Arbeitslosigkeit. Bei Tabaksteuer und Zigarettenpreisen Vorsicht, da spielen Sie mit der Gunst von 30% der Bevölkerung! Immerhin, der Staat begünstigt den Zigarettenschmuggel, das wäre schon was. Kein Zigarettenverkauf an Jugendliche, das ist gut, da lügen sich alle in dieselbe Tasche! Solidargemeinschaft!

Die lokalen Tagesthemen: Ausländer und Gewalt, öffentliche WCs, Erlenmatt, die Zollfreistrasse Riehen. Strassenbau und Parkplätze. Und Sport natürlich - FCB! Vergessen Sie den ja nicht! Zitieren Sie die «Sonntagszeitung» «Das Spiel auf der rechten Seite mit dem neuen Australier Sterjovski war schwach...», und verbinden Sie das elegant mit Ausländerpolitik und der Einmischung fremder Medien in unsere Angelegenheiten! Aber Achtung, vergessen Sie nicht, dass Werner Edelmann, Präsident des FCB, als Vertreter des Fussballsports in Rheinfelden ans Pult tritt!

Das wars, so ungefähr. Natürlich werde ich genau lesen, was Sie schreiben - und korrigieren, was mir falsch scheint. Aber soviel können Sie gar nicht falsch machen, Sie werden es schnell lernen, Redenschreiben ist die einfachste Sache der Welt, wenn man andern aufs Maul schaut und die alte Volksweisheit beherzigt:

Eine Rede ist kein Pfeil
Ein Furz kein Donnerkeil!


Machen Sies gut!

Von Reinhardt Stumm


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