Artikel vom 20.07.2004

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Bücher

Stauffenberg und die anderen Nazis

Ein paar Anmerkungen zu Wibke Bruhns: «Meines Vaters Land - Eine deutsche Familiengeschichte»

Von Jürg-Peter Lienhard



Zärtliche Väter ihren eigenen Kindern gegenüber - aber blind gegenüber Verbrechen an Judenkindern: Nazi-Generale, waren eben auch Nazis, auch wenn sie am Attentat gegen Hitler ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten. Buch-Einband «Meines Vaters Land» von Wibke Bruhns.


20. Juli 1944: Das gescheiterte Attentat auf Hitler. 60 Jahre danach sind die Medien voll von Berichten und Analysen des Ereignisses und von Würdigungen der Attentäter. Nur: die Attentäter waren allesamt Nazis, hohe Nazis und SS-Anghörige.

Kein Zweifel: die Attentäter setzten ihr eigenes Leben aufs Spiel, als sie dem verrückten Verbrecher Hitler die Führerschaft absprachen. Sie wurden denn auch allesamt unter den grausigsten Bedingungen, die keiner menschlichen Gemeinschaft würdig sind, hingerichtet. Es ist daher keinem anständigen Menschen in der heutigen Zeit die Beschreibung ihrer Exekution zuzumuten.

Die Journalistin Wibke Bruhns ist die Tochter des SS-Abwehroffiziers Hans Georg Klamroth, der bei der Verschwörergruppe um Graf von Stauffenberg mitgemacht hatte und deswegen hingerichtet wurde. Sie war erst sechs, als sie ihren Vater verlor. Die Familie Klamroth gehörte zu einer bildungsbürgerlichen Offiziersfamilie, deren Mitglieder alle irgendwie Vielschreiber waren.



Die Autorin Wibke Bruhns, Tochter des SS-Abwehroffizierst Hans Georg Klamroth, der nach dem Stauffenberg-Attentat zum Tode verurteilt wurde.

Aufgrund der schriftlichen Hinterlassenschaften von Grossvater und Vater habe Wibke Bruhns ein sehr diffenziertes Porträt ihres am 26. August 1944 hingerichteten Vaters erstellen können, lautet das einhellige Urteil der (deutschen) Buchbesprechungen. «Differenziert» deswegen, weil sie das Buch erst in den letzten Jahren in Angriff genommen und somit durch die zeitliche Distanz sowohl zum Krieg wie auch zur «anklägerischen» Generation der 68er, zu der auch sie sich zählt, emotionalen Abstand gewonnen habe.

Immerhin bemerkenswert ist vor allem die «Entwicklungsgeschichte», die sie von den Mitläufern zeichnet. Und wie deren nationalistische, antidemokratische und bourgeoise Weltanschauung sich aus dem Kaiserreich, dem Ersten Weltkrieg und den Wirren der Weimarer Republik zum Nazitum «amalgamisierten».

90 Prozent der Deutschen waren Mitläufer

Die Verbrechergesellschaft der Nazis hatte vor diesem Hintergrund ein leichtes Spiel, denn über 90 Prozent der Deutschen waren bereit, da mitzumachen. Und wie! Dabei entschuldigt es keinen Mitläufer, dass er kaum Hitlers «Mein Kampf» gelesen hat: Was Hitler darin als Programm noch lange vor seiner Machtergreifung schwarz auf weiss festhielt, geiferte er sowieso in seinen späteren Brandreden unermüdlich: «Vernichtung» und «Herrenrasse» waren keine leeren Worte!

Hitlers Generale waren allesamt Revisionisten, die die Schmach des verlorenen Ersten Weltkrieges und die Demütigungen des Versailler-Vertrages mit Krieg tilgen und die Vorherrschaft Deutschlands in Europa, ja in der ganzen Welt, anstrebten oder zumindest militärisch ebnen wollten.

Zweifelhafter «Helden»-Mythos

Diese Generale nun auf den Sockel der «Helden» stellen? Da muss das Fragezeichen hörbar ausgeschrieben werden! Denn hier müsste der Historiker nun genau das tun, was in der Historiker-Ausbildung verpönt ist - nämlich fragen, was wäre geschehen, wenn? Wenn die Attentäter Erfolg gehabt hätten?

Wenn Hitler umgekommen wäre, hätten Nazi-Generale die Herrschaft übernommen. Ein Jahr vor Kriegsende wären zwar viele Schlachten verloren gewesen, aber das damalige Stadium des Krieges hätte Nazi-Deutschland nicht beendet oder gar vernichtet! Die Generäle hätten freie Hand gehabt und wären nicht durch die wahnwitzigen Befehle Hitlers gehindert worden, ihre Kriegspotenz voll zu entfalten: Da aufgeben, dort zurückziehen und so wesentliche Eroberungen zu behalten. Nicht auszudenken, wie Europa heute aussähe!

Hitler-Attentäter waren keine Demokraten

Die Hitler-Attentäter waren keine Demokraten. Ihr Heldenmut stand für die Weiterführung Nazi-Deutschlands, dem Bewahren Nazi-Deutschlands vom Schmach der kriegerischen Niederlage. Ihr heldenhafter Auftritt vor dem Volksgerichtshof in Erwartung des scheusslich zelebrierten Todesurteils war Kodex der Militärs «alter Schule», die Gehorsam, Strammheit und blindwütige Pflichttreue als oberste menschliche Maxime anbeteten - genau das, was das Nazitum voraussetzte.

Neunzig Prozent der Deutschen, die Oesterreicher nicht mal mitgezählt, waren für Hitler. Der Antisemitismus war schon seit der Kaiserszeit ab 1871 «salonfähig». Die sechzig Jahre politische Entwicklung Deutschlands seit Kaiser Wilhelm bis zur Machtergreifung Hitlers liefen schnurgerade auf ein einziges Ziel hinaus: auf die Selbstenthauptung der deutschen Zivilisation.

Das Ende der Nazis - der Anfang Europas…

Wenn das chinesische Weltbild bedenkenswert ist, dass sich die Gesellschaft nicht linear (also fortschreitend), sondern «pyramidal» (also von einem Sockel zur Spitze, dh. von einem stabilen Anfang bis zum Einsturz und damit Neuanfang) entwickelt, dann hat das Nazitum Europa immerhin dazu «verholfen», seine Gesellschaft von Grund auf und vor allem demokratisch zu erneuern…Die Menschen in Europa haben dafür allerdings einen hohen (Blut-)Preis bezahlt, womit die vorgenannte Feststellung (hoffentlich) vom Vorwurf des Zynismus befreit ist!

*****

Zum Schluss aber noch diese Bemerkung: «Meines Vaters Land - Eine deutsche Familiengeschichte» ist ein Titel, der es mir mulmig in der Magengegend macht. Nicht nur wegen des pathetischen Genitivs. Mulmig wird es mir, weil der Untertitel «eine deutsche Familiengeschichte» sich anmasst, «eine deutsche Familiengeschichte» zu sein. Denn, wer von den zwölf Millionen vergasten oder sonstwie ermordeter Juden, Zigeuner, Andersdenkenden, Kriegsgefangenen usw. wäre nicht eher berechtigt, «eine deutsche Familiengeschichte» zu schreiben?

Eine, die berichtet über die wahren, grossen Helden der deutschen Geschichte? Über Väter, die nicht Anpasser waren und darum umgebracht, oder weil sie Juden waren und als «Ungeziefer» vernichtet wurden? Diese sind tot, für immer verstummt und meist ohne Nachfolge, da auch die vergast und ermordet wurde.

Die ebenfalls ermordete Nachfolge wird somit nie ein Helden-Epos mit dem bescheideneren Titel «Das Land meines Vaters» schreiben können. Nie wieder wird der Geist dieser anständigen Menschen sich wieder zu Wort melden können - weder durch sie selbst noch durch zärtlich gehegten Nachwuchs…

Wer unter den zwölf Millionen Ermordeter wäre nicht eher berechtigt, «eine deutsche Familiengeschichte» zu schreiben, zu erzählen, was sie unter den Nazis gelitten, wie Deutschland es zuliess, seine Zivilisation zu enthaupten? «Les absents ont tort - ont toujours tort!» Die Abwesenden haben Unrecht - haben immer Unrecht! Das haben die Nazis geschafft. Das ist Tatsache und nicht Zynismus…

Bruhns «deutsche Familiengeschichte» ist ein Bestseller (best = am besten; seller = verkaufen) - dem SS-Abwehroffizier Hans Georg Klamroth sei Dank!

«Meines Vaters Land», Wibke Bruhns, 2004. Econ Verlag, ISBN: 343011571X

Von Jürg-Peter Lienhard

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• Echte Helden, die keine Nazis waren

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