Artikel vom 10.07.2004

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Glosse

Remake

Der Scherz von Bernhard und vom Schweben

Von Jürg-Peter Lienhard

Hans…Nein, so wollen wir ihn nicht nennen. Schon Hansjörg Schneider («Der Bub») und Urs Allemann («Der Vers zum Freitag») haben Hans als Pseudonym verwendet. Noch ein weiterer Hans wäre reine Hanseatik…

Nennen wir ihn also Fürchtegott - geht auch nicht, denn ein Fürchtegott fürchtet weder Gott noch die Welt! Also suchen wir im Telefonbuch und werden fündig: Scherz, Bernhard. Bernhard, weil der grad fast am Anfang des Alphabets steht und nicht pseudonymmässig verhunzt ist, und Scherz, weil wir uns so einen leisten wollen.

Also: Bernhard wurde vom Redaktor zu einem Anlass befohlen. Dieser Redaktor war einer jener gutbesoldeten und daher seit langem aufm Sessel klebender ex Journalist. Ex Journalist? Ja, wenn einer Redaktor bei der Zeitung wird, braucht er nicht mehr zu schreiben, schon gar nicht an einem Freitagabend. Und genau dazu hatte der Redaktor Bernhard verknurrt: Für einsfünfundzwanzig die Zeile. Somit war Bernhards Wochenende kaputt, denn schreiben musste er den Artikel ja auch irgendwann bis am Sonntagmittag. Wohingegen der Redaktor an den Neuenburgersee zum Segeln aufgebrochen war…

Bernhard ging also hin - für einsfünfundzwanzig die Zeile - zur Generalversammlung des Küngelizüchtervereins «Schlappohr premium». Nun sass er da am Freitagabend inmitten von behäbigen Mittfünfzigern - pardon: und Mittfünzigerinnen - und lauschte pflichtschuldigst den Worten des langjährigen und verdienten Präsidenten, im Nebenamt auch Gemeinderats-Kandidat der SVP in Hinterküngelingen.

«Jahresbericht des Präsidenten», stand auf der Tranktandenliste. Diese «Jahresberichte des Präsidenten» kannte Bernhard zur Genüge: sind sie doch auch die Traktanden der Ortsparteien von links bis rechts, die «Tagesordnung» der Kantonalbank-Jahresversammlungen, der Ciba und anderer staatserhaltender Institutionen. Bernhard wusste also, was auf ihn zukommen sollte.


Es war schwül im Säli des Restaurants «Harmonie» (einer Quartierbeiz, wo es am Stammtisch ab einem gewissen Promillepegel schon mal zwieträchtig zu- und hergeht). Ein Fenster stand offen - das Fenster in der Mitte des Sälis, weil dasjenige beim Präsidententisch dem Präsidenten das Wort durch den Verkehrslärm draussen geschmälert hätte.

Also hub der Präsident an: «Sehr verehrte Frau Nationalrätin, sehr geehrter Herr Regierungsrat, sehr verehrte Damen und Herren Gästinnen und Gäste, sehr verehrte Berichterstatter - ähem - Berichterstatterinnen der hiesigen Lokalpresse (Bernhard war jedoch der einzige Berichterstatter; die anderen Medien waren auf Sparkurs), liebe Vereinsmitgliederinnen und liebe Vereinsmitglieder.

Es ist mir eine Ehre, Sie zur diesjährigen Generalversammlung begrüssen zu dürfen.

Im vergangenen Geschäftsjahr haben die dunklen Wolken, die über dem wirtschaftlichen Umfeld unseres Einzugsgebietes schlechtes Konjunkturwetter ankündigten…»

Bernhard spürte in diesem Moment ein kleines Jucken unter seinem Allerwertesten. Es waren aber nicht schon wieder die Hämorrhoiden, von denen er sich letztes Jahr mittels ambulantem Eingriff entledigt zu haben glaubte. Es war vielmehr etwas Unbestimmtes, das er als «aufstossend» verspürte.

Der Präsident: «…somit hat unsere Kasse es eben noch geschafft, das schwarze Loch elegant zu umschiffen…»

«Schiffen», dachte Bernhard, das müsste es wohl sein. Aber wie er gewahr wurde, dass es aussichtslos sei, sich zwecks Schiffen einen Weg durch die Sitzreihen zu boxen, ohne gleich die ganze Versammlung in Aufruhr zu bringen, war ihm, als sei es eine dunkle Macht, die ihn zwang, sich wider Willen vom Stuhl zu erheben.

«Pssst», zischte es hinter ihm. Bernhard spürte die stechenden Blicke seines Hintermannes förmlich, als seien es Nadeln. Es war ihm peinlich.

Der Präsident: «…nun schreiten wir zur Décharge-Erteilung…»

Bernhard war nicht ums Schreiten zumute, aber schon erhob er sich wieder von seinem Platz - diesmal fast in seiner ganzen Körperlänge, und die war mit einsfünfundachtzig doch immerhin beachtlich.

Hinter ihm gings wieder los: «Nun setzen Sie sich doch endlich - so eine Unverschämtheit!»

Bernhard zwang seine Körperfülle mit äusserster Kraft auf den unbequemen Beizenstuhl zurück.

Der Präsident: «…wenn keine Einwände erhoben werden, wollen wir unser Augenmerk auf die Umsatzzahlen des vergangenen Jahres richten…»

Wie das Stichwort «richten» fiel, gabs für Bernhard kein Halten mehr: Sein massiger Körper richtete sich auf, ja begann sich über die Köpfe seiner Hintermänner zu erheben.

Da erhob sich hinter ihm ein böses Gezische und Getuschel: «Absitzen!», «Ist Ihr Vater Glaser?», «Werft ihn raus!»

Und ehe sich Bernhard versehen konnte - er fühlte sich vor Scham in Luft aufgelöst - begann er über die Häupter aller Anwesenden zu schweben, legte sich zudem noch in die Horizontale - wie ein Engel - und wurde vom Sog der schwülen Saalluft durch das einzige geöffnete Fenster hinaus in die Abenddämmerung gesogen - so wehrhaft er sich auch dagegen sträubte.

Im Saal war die Stimmung nun auf dem Siedepunkt: «So eine Frechheit!»; «So etwas Unmögliches!»; «So ein Skandal!». Die Sitzung musste abgebrochen werden.

Von Jürg-Peter Lienhard


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