Artikel vom 16.06.2004

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Kunst

Art 35

Ein paar Randbemerkungen und kein Versuch, die Bedeutung der «weltgrössten und wichtigsten Kunstverkaufsschau» (Der Spiegel) zu erahnen, zu verstehen, zu begründen oder gar zu beweisen

Von Reinhardt Stumm

Die Seifenblasen, die sanft herabschweben und auf dem Zementboden der Halle «Art unlimited» kleine feuchte Flecken machen, sind recycled, wenigstens ist das Wasser recycled, in dem sich die Seife löste. Dieses Wasser wurde zum Waschen menschlicher Leichen während ihrer Autopsie gebraucht. Nein, keine Angst, das Wasser wurde gereinigt, worauf eine Notiz ausdrücklich hinweist.

Teresa Margolles benutzt auch Wasser aus derselben Quelle, um Beton damit anzurühren, aus dem sie Tische und Bänke giesst oder formt. Kann man hier alles betrachten. Die Fragen, die sich der Betrachter der nunmehr unsterblich gewordenen Flüssigkeiten stellen muss oder wenigstens müsste, werden, gestützt von Kilchmann, einer Topadresse des internationalen Kunstbetriebs (Tages-Anzeiger), unter Kunst+Kultur abgebucht. Auseinandersetzung mit dem Tod oder sowas. Ein bisschen debil, finde ich. Zumindest eine verblüffende Geschmacklosigkeit. Wann werden die irakischen Folterbilder als junge Kunst ausgestellt?

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Schamlos? Eher doch lüstern, lachhaft, dümmlich und, natürlich, unappetitlich. Schamlos ist sowieso längst kein Begriff mehr. Wer verstünde es noch, wenn man die UBS als schamlos bezeichnete, weil sie sich - Erfolgserlebnisse, zukünftige Visionen, partnerschaftliche Synergien preisend - für die Art als Hauptsponsor engagiert? «Art Basel. Mit Ihnen. Mit uns.» Auf wessen Kosten? War es nicht diese Bank, die letztes Jahr den höchsten Gewinn ihrer Geschichte einfuhr und wieviele Mitarbeiter an die Luft setzte? Partnerschaftliche Synergien? Irgendwann vergeht einem doch mal die Lust an solchen Kulturpartnerschaften.

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Ein Drittel der Neuzugänge zur Art sind dieses Jahr Galerien, die vordem zur «Liste - The Young Art Fair» im alten Warteck gehörten. Die «Liste» als Filter oder Sieb und schliesslich, wenn es funktioniert, als Sprungbrett. Ein Erfolg, der Peter Bläuer freuen muss. Art und Liste haben sich im Laufe der Jahre (am Anfang wurden die werbenden Friedensstörer noch mit Nachdruck vom Art-Vorgelände vertrieben) zu einer fruchtbaren Symbiose verbunden. Wobei wiederum (und dass das furchtbar altmodische Vorstellungen von Kunst und Kunstbetrieb sind, weiss ich) nicht zählt, was einsehbare Qualität ist, sondern das, was sich vermarkten lässt.

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Es ist ja nun schon ziemlich lange her, dass ein Künstler nicht nur schöpferisch sein musste, er musste auch etwas kunstvoller mit Pinsel und Hammer und Meissel umzugehen wissen als ein Flachmaler oder Maurer. Solche Kunstfertigkeit ist längst eher hinderlich, ihren Erwerb darf man getrost den Malkursen der Klubschule Migros überlassen. Weitaus wichtiger ist es, den unersättlichen Unterhaltungsbetrieb, der gern als Kultur bezeichnet wird, mit immer neuen Überraschungen zu füttern. Siri Hustvedts Roman «Was ich liebte» spielt im New Yorker Kunstmilieu - und nur der Ahnungslose kann glauben, dass es sich dabei um Parodie handele. Es ist die reine Wahrheit - und sie ist ziemlich fürchterlich. Die Geschichte macht abermals glaubhaft, dass Kunst in der Kunst besteht, Mode zu werden und Gefolgschaft zu entwickeln. Nein, es war nicht immer so!

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Die Kunst ist nicht, Kunst zu machen, die Kunst ist, in die von Subventionen noch und noch gespeiste Förderspirale hineinzukommen. Und, einmal in dieser Spirale, jene Wegbegleiter zu finden, die fortan wirkungsvoll für die Erfindung und Verbreitung der begleitenden Interpretationen und Schöpfungsmythen sorgen, so dass man von Stufe zu Stufe dem ersehnten Mekka näher kommt. Jenem Kunstmarkt, der es dann endlich erlaubt, auf die Erkenntnismühen der Fördergremien, der Kulturkommissionen, der Stipendienverwalter, der Jurys und Sponsoren zu pfeifen, die ihrerseits froh sind, endlich von den Hard Facts des Marktes für die langen Mühen ihrer hilfreichen Arbeit bestätigt zu werden.

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Die Riesenstühle um einen Riesentisch hinten links in Halle 1.0 (Art Unlimited). Witzig und komisch. Und ziemlich alt. Am 22. April 1971 wurde in Stuttgart (Württembergische Staatstheater) Martin Walsers Stück «Ein Kinderspiel» uraufgeführt. Der Regisseur Alfred Kirchner liess sich für seine Bühne ein paar Riesenstühle und einen Riesentisch bauen, vor dem die (ausgewachsenen) Schauspieler wie Kinder waren, die mühselig auf die Stühle klettern mussten, um auf die Tischplatte schauen zu können. Wer wäre auf die Idee gekommen, diese Arbeit der Bühnenschreiner an der nächsten «documenta» auszustellen?

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Gut, falsche Fragen, falsche Antworten. Wenn aber Originalität honoriert wird, wenn Einfallsreichtum, Mutterwitz, Humor, Bauernschläue, Gerissenheit, Gewieftheit oder Frechheit die Kriterien sind, nach denen gemessen wird (weil es nichts anderes zu messen gibt), dann bitte auch mit der nötigen Beachtung urheberischer Grundsätze!

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Natürlich gibt es Überraschungen, die halten. Die wirklich Spass machen, die nicht nach Verrat an der Idee aussehen, die viele, wenn nicht alle Betrachter im Vergnügen am Betrachteten vereinigen. Die (in Art unlimited) auf drei Filmleinwänden unermüdlich brummenden, sich drehenden und stürzenden Kreisel von Miguel Angel Rios (A morir) sind von jener Qualität, die über das Sehvergnügen hinaus zum Philosophieren anregen und nebenbei daran erinnern, dass Kunst etwas ist, was zwischen hier und dort, zwischen Betrachter und Betrachtetem entsteht. Das Bild allein ist tot. Der Betrachter allein nicht lebendig. Erst Beide zusammen bilden ein Ganzes. Vorausgesetzt, beide bringen jenes Mass von Energie mit, das dazu nötig ist.

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Mut zu sich zu haben, ist unabdingbare Voraussetzung für den Umgang mit den Werken der Künstler. Man darf sich sein Urteil nicht abkaufen lassen. Auch nicht und erst recht nicht durch die professionellen Marktschreier. Neugier ist gut, Vertrauen in die eigene Entscheidungsfähigkeit ist gut und die Fähigkeit, gegen den Trend zu entscheiden. Dass die französische Autorin Yasmina Reza für die 1994 in Paris uraufgeführte Komödie «KUNST» den französischen Prix Molière erhielt, war in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. «Kunst» ist erstens eine wundervoll gebaute Komödie für drei Schauspieler, zweitens erzählt «Kunst» vom Preis der Dickköpfigkeit, den einer der drei Freunde dafür bezahlt, dass er eine einmal getroffene Entscheidung für ein Bild trotz der völligen Verständnislosigkeit seiner Freunde nicht rückgängig macht. Das Stück wurde ein Welterfolg. Es war nicht ganz aus der Luft gegriffen. Allerdings: Der Dickkopf wusste sehr genau, worauf sich seine Wahl gründete.

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Die Halle 1 mit «Art unlimited» ist eine wundervolle Argumentationsfundgrube. Der Rest (der riesige Rest drüben in den Rundhofhallen) ist ja beinahe unbestritten. Die Spaziergänge sind dort so genussreich wie immer, das gelegentliche Erfragen von Preisen verschafft jenen kalten Schauer, von dem Gretchen (in Goethes Faust bitte) schwärmt. Seitdem ich besser weiss, was Topmanager so verdienen, kann ich mir auch besser vorstellen, wie man über 100'000 mehr oder weniger verhandelt (wenn der Basispreis 3 Millionen ist) und so fort. Immer noch das beliebte Spiel: Welches Bild würdest du mitnehmen, wenn du eines mitnehmen dürftest am Ende? Ich weiss es. Einen Braque. Von dem träume ich. Also brauche ich ihn nicht.

Eines trotz allem nicht zu vergessen: Alles Gerede von Kunst und Kultur und ihrer Bedeutung sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Art vor allem anderen eines ist: Der weltgrösste Marktplatz für überaus einträgliche Geschäfte mit Kunst. Wäre sie das nicht, gäbe es sie nicht - Kunst hin, Kultur her.

Von Reinhardt Stumm

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