Artikel vom 11.12.2015

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Museographie

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Das neue Museum Unterlinden ist ein Knüller

Die internationale Öffentlichkeit darf in Colmar das umgebaute weltberühmte Haus noch vor dem französischen Staatspräsidenten besichtigen

Von Jürg-Peter Lienhard



Eine von Mathias Grunewalds Tafeln des Issenheimer Altars mit der Kreuzigung Christi. foto@jplienhard.ch © 2015


Der Issenheimer Altar, das bedeutendste Werk der sakralen abendländischen Kultur der Renaissance, das häufig auch in der modernen Kunst zitiert wird, hat mit einem Umbau und einem Neubau des Basler Architekturbüros Herzog + De Meuron eine hochinteressante Aufwertung erfahren: Das weltbekannte Unterlinden-Museum in Colmar wird nach fast dreijähriger Um- und Neubauphase am Samstag, 12. Dezember 2015, der Öffentlichkeit zugänglich sein, wenngleich noch mit ein paar wenigen Einschränkungen als Folge baulicher Kosmetik. Der Umbau ermöglicht die Präsentation vieler wegen Platzmangels nicht gezeigter Kunstwerke vom Mittelalter bis zur Gegenwart.



Blick über die Sinn zu den Neu- und Umbauten von Herzog + De Meuron: Im Hintergrund der Neubau, davor das umgebaute Badhaus und im Vordergrund eine architektonische Spielerei, die die Funktion eines «Schaufensters» auf die geplanten Wechselausstellungen hat. foto@jplienhard.ch © 2015

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Die erste Pressekonferenz im beinahe fertigen neuen Museum Unterlinden fand gewissermassen in einer Baustelle statt, wo noch eifrig gehämmert, gebohrt und gestrichen wurde. Die Öffnung des Neu- und Umbaus für das Publikum musste die Bauleitung auf Wunsch des Colmarer Bürgermeisters Gilbert Meyer (UMP - Les républicains) um mehr als einen Monat vorverlegen. Dies, weil der Monat Dezember mit seinem «Christkindlesmarik» touristisch einträglich ist, und weil Meyer damit auch hofft, dass die in den Neubau hochgesteckten Eintrittszahlen auch erreicht werden können. Die Museumsverantwortlichen jedenfalls sind zuversichtlich, dass am 12. Dezember 2015 die Besucher grösstenteils die meisten Räume und die berühmtesten Schätze besichtigen können. Immerhin wurde den Medienvertretern doch schon ein ziemlich genaues Bild des generellen Ausstellungskonzeptes und der Räume vermittelt, auch wenn viele Gemälde noch gar nicht hingen, sondern lediglich an den Wänden standen. Darum wird der französische Staatspräsident François Hollande das Museum erst am 23. Januar 2016 offiziell einweihen können.

Nachdem nun Gerüste und Abschrankungen einen freien Blick auf das Gelände und die Gebäude geben, wird schnell ersichtlich, dass hier sorg- und einfühlsam historische und Neubauten miteinander «verheiratet» wurden. Die mittelalterlichen Klostergebäude und die Neubauten fügen sich diskret in die unmittelbare Umgebung mit dem danebenstehenden Stadttheater und seinen roten Fassaden sowie der vordersten Gebäude der Altstadt mit den bunten Fachwerkhäusern.



Die Aussenwände des Neubaus sind mit entzweigebrochenen Backsteinen verkleidet, was dem Gebäude eine interessante Struktur verleiht. foto@jplienhard.ch


Augenfällig ist die von ihrem kanalisierten Korsett befreite Sinn, die zwischen Neubau und Kloster durchfliesst. Ihre nur durch Brücken unterbrochenen Ufer sind mit breiten Stufen versehen. Man konnte sich trotz der klirrenden Kälte gut vorstellen, was da im Sommer ablaufen wird… Der Fluss trennt auch einen Platz, an dessen einer Seite das Klostergebäude und an dessen anderen das ehemalige städtische Badhaus aus der deutschen Zeit von 1903 steht und dahinter der Neubau von Herzog und De Meuron. Das Badhaus wurde ebenfalls aufwendig restauriert, worin nebst dem Office du Tourisme auch Verwaltungsbüros und Ateliers des Museums eingezogenn sind. Das Bassin des ehemaligen Hallenbads wurde mit einem Parkett überdeckt, so dass die Halle künftig als Veranstaltungsraum genutzt werden kann. Die Gebäude dies- und jenseits des Ufers sind unter dem Fluss hindurch mit einem breiten Korridor verbunden. Er dient nicht nur als Besucher-Verbindung, sondern ist ebenfalls Ausstellungsraum. Hier hängen Werke aus dem 19. und 20. Jahrhundert, womit der Korridor zugleich auch der Übergang zwischen dem mittelalterlichen Teil und den zeitgenössischen Abteilungen bildet.



Die Auferstehung Christi gilt als bahnbrechende Darstellung, indem Grunewald Christi freischwebend gemalt hat. foto@jplienhard.ch


Dies ist denn auch das neue Konzept der Museumsleitung: Es beabsichtigt gewissermassen eine Zeitreise anhand der Ausstellungs-Objekte durch die Jahrhunderte und die kulturellen Epochen. So ist denn auch der Rundgang angelegt, der aber das ganz grosse Werk, das Herzstück des Museums, bis zum Schluss ausspart: Der Saal mit den Altartafeln von Issenheim in der ehemaligen Dominikanerkirche. Darin waren die weltberühmten Werke schon vor dem Umbau ausgestellt. Doch jetzt ist der Klinkerboden einem hölzernen Parkett gewichen, und die Scheiben der gotischen Fenster sind mit neuem Glas versehen worden, das die empfindlichen Tafeln vor schädlichem UV-Licht besser bewahrt. Auch der Wandverputz ist erneuert worden, wobei nicht mehr viel von den ursprünglichen Fresken zum Vorschein kamen. Das Schiff diente nach der Französischen Revolution lange Zeit gar als Pferdestall, was den Fresken mehr als abträglich war.

Ebenso wurde der Saal von allerlei Beigemüse wie Statuen und ähnlichem befreit. Die vom Colmarer Holzwerker Jean-Jacques Erni geschaffenen Relief-Modelle der Altartafeln für Sehbehinderte wurden auf die Empore verlegt, wo dokumentarische Elemente der didaktischen Einführung in die Altarbilder dienen. Dadurch gewinnen die Grünewald’schen Altartafeln, die nun den Raum ohne störende Nebenschauplätze prominent besetzen. Der optische Eindruck jedenfalls ist so höchst einnehmend, um nicht zu sagen, bewegend.

Mit dem Um- und Neubau des Unterlindenmuseums gewinnt Colmar und mithin das ganze Elsass einen einzigartigen Anziehungspunkt, der gewiss noch mehr Besucher und Touristen aus aller Welt anlocken wird. Die Stadt rechnet mit 350’00 Eintritten jährlich. Doch wird damit gleichzeitig das Augenmerk auf eine Region gelenkt, die nicht nur gewillt ist, ihr Erbe zu bewahren, sondern auch namhafte finanzielle Anstrengungen unternimmt, den Ruf des Schatzes als Werbung für die Region zu nutzen. Was frühere Politiker mit der fahrlässigen Entwertung des Ecomusée d’Alsace von Ungersheim zugunsten eines inzwischen bankrott gegangenen Plastikparkes verpassten, scheint nun die Stadt Colmar begriffen zu haben: Die 44 Millionen Investition, die das Projekt kostet, dürften damit gut angelegt sein, auch wenn «les retombes» nie auf Heller und Pfennige berechenbar sein werden. Angesichts der desolaten wirtschaftlichen Situation ist dieses finanzielle Engagement zwar ein grosses Bekenntnis gegenüber dem kulturellen Erbe, aber gleichwohl nicht unbedingt selbstverständlich. Auf jeden Fall wird sich diese Investition wirtschaftlich für die ganze Region auszahlen!

Jedenfalls ist der Oberrhein eine der kulturell reichsten Regionen Europas. Weltweit zumal, wenn man aus der Perspektive der einzigartigen Beiträge aus Kunst und Wissenschaft urteilt, die der Menschheit von grossartigen Geistern dieser Region zugeflossen sind: Angefangen von den romanischen Bauwerken, auf die man im Elsass fast alle vier Kilometer trifft, bis hin zum Buchdruck, zur Humanisten-Bibliothek von Schlettstadt oder zum bedeutendsten musikwissenschaftlichen Werk des Friedens-Nobelpreisträgers und Universalgelehrten Albert Schweitzer zu Johann Sebastian Bach.

Das Unterlinden-Museum in Colmar war bei seiner Gründung in der Mitte des 19. Jahrhunderts nichts anderes als eine Ansammlung von «Grempel», wie man auf Elsässisch dem Gerümpel sagt. Aber es waren die aus der Aufklärung mit der französischen Revolution hervorgegangenen sogenannten «savants sociale», die um den Wert dessen grössten Schatzes wussten: Um die Altartafeln des Mathis Gothart Nithart, besser bekannt unter dem ihm zugeschriebenen Künstlernamen Mathias Grünewald. Diese Colmarer Gelehrten und Kunstsinnigen gründeten die Stiftung «Martin Schongauer», genannt nach dem in Colmar geborenen mittelalterlichen Künstler, der ebenfalls ein reichhaltiges Werk zumal von sakralen Gemälden hinterliess.

Den Gründern dieser Stiftung ist nicht nur zu verdanken, dass trotz der vielen Kriegswirren im Elsass, trotz der wechselhaften Wertschätzung, die man diesen einzigartigen Kulturzeugnissen und vieler anderer Gegenstände während der verschiedenen Epochen entgegenbrachte, deren Fortbestand erhalten blieb. Denn diese Stiftung hat Bestand bis heute und ist auch die wesentliche Kraft, die über die vergangenen Jahre zum nun vollendeten Neu- und Umbau des Unterlinden-Museums beitrug. Die enorm durch Schenkungen und sogar mit Ankäufen moderner Werke derart umfangreich gewordene Sammlung musste bis anhin grösstenteils dem Publikum verborgen bleiben, weil in den alten Gemäuern rund um den Kreuzgang des ehemaligen Dominikanerinnen-Klosters die Magazine buchstäblich überquollen und den eingelagerten Schätzen auch Schaden drohte.


Fotos von J.-P.Lienhard, © foto@jplienhard.ch 2015



Die berühmteste Weihnachtsdarstellung der Welt: Die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind. foto@jplienhard.ch




Altartafeln von Martin Schongauer in dem ihm gewidmeten Saal. foto@jplienhard.ch




Agnèse Thurnauer: «Martine Schongauer», eine feministische Anspielung an die von Männern besetzte Kunstwelt, zumal der Vergangenheit. Das Werk befindet sich in der zeitgenössischen Abteilung im Neubau. foto@jplienhard.ch




Otto Dix, Porträt, gemalt im Elsass nach dem Zweiten Weltkrieg in französischer Kriegsgefangenschaft. Dix hat immer wieder sein ganzes künstlerisches Schaffen den Altartafeln Grunewalds gewidmet. foto@jplienhard.ch




Jacqueline de La Baume: Wandteppich «Guernica», den sie in Zusammenarbeit mit Pablo Picasso schuf. Weltweit gibt es nur drei Exemplare dieses monumental grossen Werkes: Je eines findet sich in New York in der Uno, eines in Japan und eines im Unterlindenmuseum. Im Vordergrund die Kuratorin der modernen Abteilung, Frédérique Goerig-Hergott. foto@jplienhard.ch



Von Jürg-Peter Lienhard

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• Fotoserie von foto@jplienhard.ch © 2015 im Format PDF


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