Artikel vom 26.10.2015

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Dreiland

Eine Botschafterin für das Dreiland

Der Internet-Blog «Dreiland-News», eine Schüler-Initiative aus St-Louis, will die Jugend der drei Länder ansprechen

Von Jürg-Peter Lienhard



Der Jugend gehört die Zukunft, und sie muss sich für die grenzüberschreitende Begegnung und zur Überwindung der Grenzen in den Köpfen einsetzen. Foto: Guy Greder, Journal L’Alsace 2015


Die Jugend des Dreilands hat ihre eigenen Vorstellungen von Information für ihre Bedürfnisse. Für die Schüler von St-Louis war der Schritt zu einer eigenen Plattform daher nicht weit. Einer ihrer Lehrer, Samuel Baumann, gab ihnen lediglich technischen und organisatorischen Support, und schon war der von den Schülern in eigener Regie und mit eigenen Beiträgen gestaltete Blog aufgeschaltet: «Dreiland News» heisst die Plattform, und um sie auch breiter grenzüberschreitend zu aktivieren, haben die Schüler am Samstag, 24. Oktober 2015, in Bartenheim die Wahl der «Miss Dreiland» organisiert. Sie soll während ihrer «Regentzeit» eine aktive «Botschafterin des Dreilands» sein und die Jugend jenseits der drei Grenzen per Blog zusammenführen.



Elodie Raedersoff aus dem Elsass ist die erste Botschafterin des Dreilandes, zu der sie in Bartenheim von den Dreiland-News-Bloggern gewählt wurde. Foto; © foto@jplienhard.ch 2015 Für mehr hier klicken:

Lehrer Baumann hatte schon lange beobachtet, dass die Schüler untereinander über die Grenzen ganz anders kommunizieren und andere Informationen suchen, als die etablierten Medien anbieten. In der Grenzecke sind die Jungen sehr wohl informiert, was dies- und jenseits der Grenzen ihr Interesse zu wecken vermag. Handy und Internet sind ihre Medien, und auf ihrem Niveau gibt es keine Sprachprobleme. Als die Schüler die Idee aufbrachten, doch ein eigenes Medium zu kreieren, war er sofort bereit sie mit technischem Know-how zu unterstützen. Der Blog ist nun schon seit Anfang Jahr auf dem Netz (Direktlink siehe unten).

Was der Blog von einer Schülerzeitung unterscheidet, auch wenn etliche Beiträge nicht viel anders aussehen, sind die Beiträge in drei Sprachen. Drei Sprachen heisst hier: Französisch, Deutsch und… Englisch. Englisch einerseits, weil es eben nicht von der Hand zu weisen ist, dass badische und Basler Schüler nicht in der französischen Sprache einwandfrei kommunizieren können und sich daher mit ihren elsässischen Kameraden auf Englisch unterhalten. Aber auch deswegen gibt es englischsprachig Beiträge auf dem Blog, weil unter den Schülern des Dreilandes eben auch eine stattliche Anzahl Sprösslinge von sogenannten Expats (engl. expatriate, von lat. ex patria - aus einem anderen Land) sind und auch die öffentlichen Schulen im Dreiland besuchen.



Ein grosser Hauch von Glamour: Perfekt einstudierte Präsentation der Kandidatinnen, die als Miss Dreiland für die Dreiländerregion als Botschafterin des Dreilandes werben wird. Foto; © foto@jplienhard.ch 2015


Da scheint es fas unvermeidlich, dass ein Expat-Kid mit dem Titel «Best MacDonalds in the Dreiland?» einen Verweis auf seinen englischsprachigen Youtube-Beitrag aufgeschaltet hat. Dabei kam heraus, dass die Preise im Vergleich zu den USA in Frankreich und Deutschland 6 Prozent günstiger, in der Schweiz jedoch 62 Prozent teurer als jenseits des Atlantiks sind. Immerhin punktete MacDonalds am Marktplatz wegen der vergleichsweise kurzen Zeit von einer Minute Wartezeit, bis die Jungs in einen Mac beissen konnten, indessen auch nicht länger als in Deutschland, dafür 5 Minuten in Frankreich, was die Expat-Kids auf arge Geduldsprobe stellte…

Klar, dass dem Konsum und dem Spektatkel eine gewisse spezifische Aufmerksamkeit gewidmet wird. So zum Beispiel zum Frühlings-Outfit, oder auch die Beschreibung des Besuchs eines Starbucks in Blotzheim zu Fuss. Mit dem Verweis zum Youtube-Video wird auch klar, dass für Kinder und Jugendliche gewisse Unternehmungen im Dreiland eben ohne öffentliches Verkehrsmittel sehr eingeschränkt sind. Zumal an einem Sonntag.



Angehörige und Supporter unterstützen lautstark den Auftritt ihrer jeweiligen Kandidatin. Foto; © foto@jplienhard.ch 2015


Wie die genannten Themen sprechen viele andere unterschiedliche Altersklassen oder Länderteile an und sind gemischt dreisprachig. Dazwischen hat es aber auch Artikel von älteren Semestern, die auch bereits auf eine höhere Schule gehen oder gar studieren. Meist sogar jenseits ihres Landesteils. Die Studentin Clémence Prillard macht in Abständen Interviews von Erwachsenen, die sich mit ihrer Arbeit dem Dreiland widmen und deren Bios auch für die älteren Jugendlichen interessant sind und auch Anreiz für die eigene Zukunft geben können.

Nicht alle Themen sind von jugendlichen verfasst, richten sich aber an die Jugendlichen. Ein Artikel etwa will den Museumspass schmackhaft machen, ein anderer widmet sich dem diesen Sommer von der Tramstation Leymen nach Pfirt (Ferrette) eingerichteten Wochenend-Bus, dem «Sundgau-Büssli». Durchaus möglich also, dass die Halbwüchsigen, wenn sie schon nicht selber ohne öffentliches Verkehrsmittel erkunden können, ihre Eltern dazu anregen diese Ziele anzufahren. Auch Sport kommt vor, und immer wieder werden Institutionen oder öffentliche Einrichtungen vorgestellt und erklärt. Beispielsweise: «Was ist der Trinationale Eurodistrikt von Basel», oder was zeigt der Basler Zolli.

Samuel Baumann sieht in dem Blog ein hohes Potential, um die Eigeninitiativen von Jugendlichen und Studenten anzuregen, wozu sich diese dann selbständig ins Thema stürzen. So kam in Zusammenhang mit den jüngst erfolgten und höchst populären Miss-Alsace-Wahl mitten aus der Schülerschaft die Idee, eine Misswahl für das Dreiland zu organisieren. Diese Miss sollte möglichst aus ihren Kreisen gewählt werden, aber sie sollte als Sympathieträgerin Kontakte über die drei Landesgrenzen für grenzüberschreitende Begegnungen anregen können. Gewissermassen als «Botschafterin des Dreilandes».



Überschwängliche Freude unter einem farbigen Papierschnitzel-Regen, als die Miss Dreiland erkoren worden war. Foto: Guy Greder, Journal L’Alsace 2015


Eine Riesenarbeit an Organisation, wie sich alsbald herausstellte. Aber die Jugendlichen setzten alles daran, die Idee erfolgreich zu verwirklichen. Natürlich hatten sie als Vorbild die Profi-Missen und den Spektakel darum, weil das auch auf den TV-Kanälen und auf Youtube zirkuliert. Der Ehrgeiz, es perfekt zu machen, um sich nicht von den grossen Veranstaltungen zu scheuen, stachelte an. Mithilfe von Samuel Baumann, der die Kontakte zu den Behörden knüpfte konnte die Grosshalle «Espace 2000» in Bartenheim zur Verfügung gestellt werden. Jugendliche, die bei Bands mitmachten, verfügten über die entsprechend leistungsfähige Sonorisation und Lichtanlagen, und was nötig war, mieteten sie dazu.

Da die Veranstaltung aber auch finanziell aufwändig war und sie kostendeckend über die Bühne gehen musste, wurde ein Eintritt erhoben. Und zudem wurde an Tischen serviert. Es gab Flammeküechà, was den Jugendlichen eben fast so gut mundet, wie Pizza. Serviert wurde von den Jugendlichen, die ein speziell von einer der ihren gestalteten T-shirt trugen. Olivier Boule vom Mülhauser Gewerbeverband steuerte durch Sponsoring bei, so dass alles einen richtigen professionellen Rahmen erhielt.



Alle Beteiligten und alle drei Missen, die schliesslich in die Kränze kamen. © foto@jplienhard.ch 2015


Da der Anlass von und für die Jugendlichen konzipiert war, gab es keine Ansprachen von Honoratioren. Immerhin war die Europarats-Abgeordnete Anne Sander anwesend und wurde am Schluss bei der Ehrung der Mitwirkenden als Patin des Blog-Projekts auch auf die Bühne gebeten. Moderiert wurde die Wahl höchst professionell von drei jungen Damen aus jedem der drei Länder, ebenfalls Mitwirkende am Dreiland-Blog. Im Saal hatte jeder Landesteil seine Supporter, die jeweils mit ohrenbetäubendem Lärm das Auftreten ihrer Favoritinnen begleiteten.

Bauman betonte auf Nachfrage vor der Veranstaltung, dass nicht der Brustumfang, sondern die «Eignung als Botschafterin des Dreilandes» ein Kriterium für die Wahl sei. Viel wichtiger sei, dass sie eine einnehmende Ausstrahlung habe, nebst ihrem Engagement für das Dreiland. Aber selbstverständlich waren dann die verschiedenen Bühnenauftritte wie bei den TV-Spektakeln auch eine Selbstdarstellung der weiblichen Reize, wozu auch ihre gesponserten Kostüme gehörten. Ja sogar im Bikini traten die jungen Damen auf, was aber sehr gut eingeübt war und keine Peinlichkeit aufkommen liess. Aufgrund des jeweiligen Lärms der Supporter (und Eltern) konnte man schwer abschätzen, was an Persönlichkeit die Jugendlichen bei ihren Altersgenossinnen schätzen. Von den präsentierten Kandidatinnen fiel keine durch.



Die Europa-Abgeordnete Anne Sander als Patin des Blogs bekräftigt ihr Engagement für die Jugend des Dreilands. Von links nach rechts: Olivier Boule, Samuel Baumann, Anne Sander und die drei Moderatorinnen von allen drei Landesteilen des Dreilandes. © foto@jplienhard.ch 2015


Auf jeden Fall war der ganze Abend ein Abend voller jugendlicher Unbekümmertheit, voller Freude und Charme - eine Stimmung, weit entfernt von einer Bombenstimmung. Man spürte förmlich, dass es den jugendlichen um Gemeinschaft geht. Es war spannend zu sehen, welchen Umgang sie miteinander hatten. Auch für Samuel Baumann war das Gemeinschaftserlebnis äusserst eindrücklich, denn er sieht in der Jugend von heute die künftigen Mitgestalter im Dreiland, die sich dereinst bei Problemlösungen auf die gelebten Begegnungen über die Grenzen stützen können.

Zum Schluss noch anzufügen ist, dass die Gewinnerin der Misswahl die 23-jährige Elsässerin Elodie Radersdorff ist. Sie wird während einem Jahr, zusammen mit der zweitplatzierten Tina Vogel (22) aus Basel und der dritten Miss Eva Kastner (19) aus dem Elsass, als die ersten Jugend-Botschafterinnen des Dreilandes zu aktiven Begegnungen über die Grenzen beitragen.

Von Jürg-Peter Lienhard

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