Artikel vom 01.08.2015

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Literatur-Geografie

Wilhelm Tell - Mörder, Flüchtling, Asylant, Schlepper und Langstrecken-Bergläufer

Die Literatur-Geografin Barbara Piatti rekonstruierte das Wegnetz der Protagonisten aus Friedrich Schillers Drama, was man zum Anlass einer Betrachtung aus anderer Perspektive nehmen kann

Von Jürg-Peter Lienhard



Aus einer anderen als der Perspektive des sagenhaften «Freiheitshelden» betrachtet: Wilhelm Tell als Langstrecken-Bergläufer, bevor er nach seinem Meuchlemord zur Flucht gezwungen wird.


Wenn man sich den Wilhelm Tell mal aus ganz anderen Perspektiven anschaut, wird aus der mythischen Sagenfigur des Mittelalters in heutigen Augen ein Mörder, ein Terrorist, ein Flüchtling, ein Asylant, ein Fluchthelfer und sowieso ein sportlicher Langstrecken-Bergläufer. Zumal letzteres erkennt man, wenn man die einzelnen Wegpunkte im Schillerschen Drama miteinander verbindet, die Tell und die anderen Protagonisten des Stückes zurücklegen. Geht man zudem davon aus, dass die Sagenfigur des Tell je nach spekulativer Spurensuche der Legende vom hohen Norden in Norwegen oder von Dänemark in die Urschweiz eingewandert ist, dann sind es Tausende von Kilometern - zu Fuss wohlverstanden, in damaliger Zeit.
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Aber schon nur, wenn wir allein die Wege der Tell-Figuren im Schiller-Stück nachzeichnen, so kommen da schon ganz erstaunliche Wegstrecken zusammen. *) «Was für ein Getümmel!», schreibt die Germanistin Piatti. «Was für eine Dynamik!», staunt sie selber in einem Beitrag in «Es lächelt der See. Literarische Wanderungen in der Zentralschweiz» (Rotpunktverlag, Zürich): «Tell bringt Baumgarten über den See; sie landen in Brunnen, wo der Flüchtige im Haus von Stauffacher zu Steinen versteckt wird, während Tell den langen Heimweg nach Bürglen unter seine genagelten Holzsandalen nimmt. Gleichzeitig kommen die Urner gezwungenermassen über Umwege zum Rütli. Die arme Wildheuerfrau Armgart steigt mit ihren Kindern vom Rigiberg herab Richtung Küssnacht, um Gessler auf den Knien um die Freilassung ihres Mannes zu bitten.»



Das waren noch Olympioniker, die Sennen und Hirten der «Suisse primitive», die weder Finken der Siegesgöttin noch von anderen sauteuren Sportartikelherstellern der Moderne anhatten, aber den heutigen Langstreckenläufern mit genagelten Holzsandalen um die Ohren seckelten…


Während allein schon diese Wege der Figuren im Schillerschen Drama einen wahren Zickzack-Kurs durch die «Suisse primitive» zu vollziehen haben, zeichnet Barbara Piatti die zahlreichen unausgesprochenen Rückkehrrouten in die imaginäre Tatort-Skizze: «Hedwig muss von Altdorf zurück nach Bürglen, Tell ebenso, diesmal erneut und als intensiv gesuchter Mörder nach seinem Meuchel in der Hohlen Gasse. Armgart kehrt von dort wahrscheinlich mit einem Umweg über Küssnacht, um ihren Mann aus dem Kerker abzuholen, in die armselige Wildheuer-Behausung auf den Rigiberg zurück.»

Wie gesagt: Als ein dynamisches Getümmel erscheint einem das Geschehen in der bezaubernden Landschaft der Waldstätte. Und stellt man sich dabei vor, dass Tell von Schiller als Mann mittleren Alters und Melchthal als jugendlicher Heissporn gedichtet wurden, so hat man da ein Langstrecken-Duo vor Augen, das im Gebirge gut und gerne mehrere Dutzend Kilometer an einem Tag abzuspulen hat. So in der Grössenordnung von mindestens einem Marathon von 42,195 Kilometer - und erst noch unter den erschwerten Bedingungen eines Berglaufes.



Enorme Distanzen zu Fuss haben selbst Frou u Ching zu Tells Zeiten täglich hinter sich bringen müssen. Wohlverstanden steil bergauf nämmlig in diesem unwegsamen Gelände rund um die Waldstätte! Karte: Copyright by Barbara Piatti, Basel © 2015


Selbstverständlich lassen sich diese Wege auf einer Bühne nicht, und auch kaum in einem Freilicht- oder Landschaftstheater zeigen, wohl aber erzählerisch entweder in einer Vor- oder einer Rückschau, als geplanter oder als schon begangener Weg. Zumal, wenn er über die Innerschweiz hinaus, hinunter nach Italien führt, wie der Fluchtweg des Mörders von König Albrecht I., Johann Parricida. Es ist Tell in Schillers Drama, der seinem immerhin leiblichen und nicht nur sagenhaften Mordbruder den Weg über den Gotthardpass und über gefährliche Brücken und Abgründe beschreibt:

«Den Weg will ich Euch nennen, merket wohl!
Ihr steigt hinauf, dem Strom der Reuss entgegen,
Die wilden Laufes von dem Berge stürzt…»



Der Graf von Habsburg, Herzog Johann von Schwaben, war der Neffe König Albrechts I., den er am 1. Mai 1308 wegen eines Erbstreits in Windisch (Aargau) ermordete. Er erhielt den Beinamen «Parracida», was so viel wie «Verwandtenmörder» bedeutet. Im Schillerschen Drama betätigte sich Tell als sein Fluchthelfer.


Zum Glück für Regisseure von Stadttheater- oder Laienbühnen findet die Reise nur in seltenen Fällen in «Echtzeit», also live, statt. Etwa als ein Augenzeuge vom Ufer aus zu berichten hat, wie die Bootsfahrt über den föhngepeitschten Urnersee abläuft.

Was sich kaum aus den nur bruchstückhaft im Schillerschen Text erwähnten Wegstrecken ableiten lässt, wird hingegen sofort erkennbar, wenn man die einzelnen Wegpunkte auf eine Karte einträgt und sie mit Linien verbindet. Barbara Piatti jedenfalls staunte angesichts dieser Karte, «wie mobil die Menschen aus Schwyz, Uri und Nidwalden in Schillers Stück sein müssen, um zu ihren Handlungsorten und Treffpunkten zu gelangen.» Sowieso beeindruckend ist, wenn man dabei die zu bewältigenden Höhenunterschiede miteinbezieht. Indessen kommt Piatti aber noch zu einem ganz anderen Schluss, der unabhängig vom gedichteten Text sowieso aufzeigt, «wie wichtig, ja lebensnotwendig der Transport von Nachrichten ist». Man denke gerade am 1. August an die in unserem Land traditionell am Nationalfeiertag entzündeten Höhenfeuer: Sie hatten die Aufgabe der Verständigung über die Täler hinweg, zumal als Alarmierung bei Gefahr oder zur Versammlung zum Kampfe.



Der erste Mörder, Flüchtling, Asylant und Schlepper, dessen Konterfei es auf eine Schweizer Münze geschafft hat.


Nimmt man die - mythen-ketzerische - Perspektive aus aktueller Sicht ein, dann ist die Sagenfigur Tell aufgrund seiner Herkunft aus dem hohen Norden ein Asylant, als Meuchelmörder Gessners ein Terrorist und schliesslich ein vor den habsburgischen Häschern Verfolgter ein Flüchtling. Zudem betätigt er sich als Schlepper, indem er im Schillerschen Stück dem - echten - Königsmörder Johann Parricida einen Schlepperdienst erweist. Mitnichten also ein Held, auch wenn sich der Schillersche Text so nicht liest. Denn das Tell-Drama entstand ausgerechnet in einer revolutionären Zeit, in der viele von Schillers Zeitgenossen in der Schweiz Zuflucht finden konnten…


Die Karte mit dem Wegnetz aus Friedrich Schillers Wilhelm Tell erstellte Barbara Piatti © 2015 für einen Beitrag in «Es lächelt der See. Literarische Wanderungen in der Zentralschweiz». Rotpunktverlag, Zürich 2013. Der obige Text verwendet - mit freundlicher Genehmigung - Elemente aus einem Aufsatz von Barbara Piatti für das Lesebuch «Auftritt Schweiz», herausgegeben von Franziska Schläpfer, 2014. Weitere Informationen zu den Forschungen von Barbara Piatti zur Literaturgeographie finden sich neben www.literaturatlas.eu auch ihre eigenen Projektbeschreibungen unter www.barbara-piatti.ch

*) Allerdings braucht es dafür gute Kenntnisse des Stückes und seiner Personen. Frank Castorf bezeichnete bei seiner Basler Inszenierung 1991 anlässlich der 700-Jahrfeier des Bundesbriefes den Schillerschen Tell als «Ansammlung von Sprichwörtern». Der radikal verhonepiepelte Tell erzürnte zwangsläufig die theaterabstinenten Patrioten. Die provokative Interpretation des Dramas erregte aber auch allgemeines Amüsement, weil Gessners Hut auf einer Bier-Stange lag…

PS des Autors: Erst nach der Abfassung obigen Artikels stiess ich auf einen Bericht über eine 2011 vergangene Ausstellung im Musée de l’art et de l’histoire von Neuchâtel 2011. Sie versuchte sich unter dem Titel «Tell, l’assasin…» und gestützt auf verschiedene historische Zeugnisse, mit der Perspektive «Tell, der Mörder…» auseinanderzusetzen. Das von mir aufgrund von Barbara Piattis literaturgeografischer Untersuchung weitergeführte Gedankenspiel ist also nicht neu und hat auch schon andere vor mir und ohne mein Wissen zur Einnahme einer anderen Perspektive angeregt.

Da der Sagenheld Tell also zwei Kehrseiten hat, muss er immer wieder Dogmatikern und selbst Tyrannen als Vorbild dienen, bis sich sein wandelbares Sagenwesen auch gegen sie selbst richtet. So soll sich Hitler anfänglich in der Rolle Tells gesehen, dann aber Tell verboten haben, weil die Figur eben zum Tyrannenmord aufrief.

Und ausgerechnet hierzulande die Blochersche SVP, die gerne den Mythos Tell für ihre nationalistischen Dogmen vereinnahmt, müsste zumindest den Schillerschen Tell meiden. Denn der Bub Seppi sagt darin den zum geflügelten Wort ursprünglich gegen das Nazitum, aber auch allgemein gegen Phrasen mit unterschwellig versteckter Botschaft gewordenen Satz: «Die braune Liesel kenn ich am Geläut.»

Von Jürg-Peter Lienhard

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• Vergrösserte Karte des Wegnetzes der Tell-Figuren © Barbara Piatti 2015

• «Tell, l’assasin…» - Ausstellung 2011 im Musée de l’art et de l’histoire de Neuchâtel


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