Artikel vom 24.11.2014

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Papst

Blitzschneller Papst-Besuch in Strassburg schürt Proteste

Jorge Mario Bergoglio, genannt Franziskus, kommt allein um dem Europaparlamant die Leviten zu lesen

Von Jürg-Peter Lienhard



Blitz-Auftritt auch einer Feme in der katholischen Strassburger Kathedrale am Vorabend des Papst-Besuches: Die junge Frau mit «oben ohne» hält die Europafahne in der rechten Hand, auf ihrem vorderen Torso hat sie den Protestspruch aufgemalt: «Anti Secular Europe»…


Wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Am Dienstag stattet Papst Franziskus dem Elsass einen Blitzbesuch ab. Nur gerade vier Stunden wird er in Strassburg weilen, wo er dem Europaparlament ins Gewissen reden und den Parlamentariern ihre Verantwortung in der europäischen Krise ins Bewusstsein zu rufen gedenkt. Wie der vatikanische Staatssekretär, Kardinal Pietro Parolin, gegenüber den Medien erklärte, wird der Papst die Jugendarbeitslosigkeit, die jeden Fünften unter den jungen Europäern betrifft, die «Marginalisierung der Alten» und der Flüchtlinge in seiner Rede thematisieren.

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Der Papstbesuch im Elsass ist erst der zweite in der Geschichte der katholischen Oberhäupter. 1988 war es zuletzt der polnischstämmige Papst Johannes Paul II kurz vor dem Berliner Mauerfall. Zudem stammt auch Bruno von Eguisheim-Daxbourg, der nachmalige Papst Leo IX, aus dem Elsass. Weil Papst Franziskus bislang angeblich Europa wenig Aufmerksamkeit widmete und sie erst Albanien gegenüber zeigte, kommt sein Besuch in Strassburg für viele überraschend, zumal er weder das Strassburger Münster vor dessen 1’000-Jahre-Jubiläum besucht noch religiöse Kulthandlungen vornehmen wird.

Überraschend ist sein Besuch auch, weil seine Kritik an Europa, das er als «müde» und «verknöchert» nannte, selbst von einer katholischen politischen Minderheit übel aufgenommen wurde: Während Martin Schulz, Präsident des Europaparlaments, Papst François «wegen seiner grossen Vorbildlichkeit, die von einem grossen Teil der internationalen Gemeinschaft anerkannt wird» eingeladen hatte, sind es die spanischen Links-Grünen «Izquierda Plural», zusammen mit dem linksradikalen französischen Euro-Abgeordneten Jean-Luc Mélenchon, derselben Meinung, dass der Papst im Europaparlament «nichts zu suchen habe».

Obwohl auch die Ursprungsinitiative zum Europaparlament ihre Wurzeln in der christlich-demokratischen Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg hat, stehen heute viele ihrer Abgeordneten auf Distanz zu den Kirchen, zumal der Vatikan in der «classe politique» kaum mehr vernetzt ist.

Jedoch ist zu erwarten, dass der Blitzbesuch des Papstes im Europaparlament einen starken Einfluss auf die soziale Debatte haben wird: Jorge Mario Bergoglio, dessen Vorfahren aus dem Piemont nach Argentinen emigrierten, wird den Europäern ihre lange Geschichte ihrer eigenen Migration vorhalten und ihrer Verpflichtung gegenüber den vor Verfolgung und Elend bedrohten Flüchtlingen anmahnen. Ebenfalls wird er laut der involvierten vatikanischen Kreise in Strassburg auch zum Respekt gegenüber Andersgläubigen, zumal den Muselmanen, aufrufen, was angesichts der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit in Europa sicher nicht gerne gehört werde. Vielmehr müsse Europa angesichts des Falls des «Eisernen Vorhangs» vor 25 Jahren «Brücken bauen» durch aktive diplomatische Bemühungen, durch vermehrtes humanitäres Engagement Europas und mit der Durchsetzung der Menschenrechte. Insbesondere angesichts der Ukraine-Krise dürfte allerdings sein Appell wenig bewirken, zumal die russische Orthodoxie die offizielle Haltung des Kremls unterstützt.

Wo gemäss kirchenkritischen Meinungen kaum eine «fortschrittlichere» Äusserung zu erwarten sei, sind die Themen der Homo-Ehe, der neuen Herausforderung zur Bio-Ethik, der Abtreibung, der Sterbe-Selbstbestimmung, während die konservativen Katholiken wohl vergeblich darauf warten müssten, dass der Papst die Reformbestrebungen mit generellen Ermahnungen verurteilen dürfte.

Gleichwohl verlautete der Vatikan gegenüber den elsässischen Medien, dass der eigentlich den Machtritualen der konservativen katholischen Kirche abgeneigte Papst den «elsässischen Schäfchen» tröstend versprach, das Elsass bei anderer Gelegenheit zu besuchen und die von ihnen erwartete Zeremonie in der Strassburger Kathedrale nachholen will.



…und auf dem Rücken: «Pope is not a Politician». Nach dem Blitz-Blitzen verschwand die junge Dame zusammen mit einer weiteren Halbnackten, die aber nicht auf den Altar gestiegen war, unerkannt über den Domplatz. Ohne eine weitere Erklärung. Es blieb den zahlreich aufgebotenen Fotografen überlassen, über den Sinn des Nackt-Auftritts zu rätseln. Immerhin ist Strassburg nicht Moskau, und Präsident Hollande ist nicht Präsident Putin. Und wahrscheinlich fordert der Papst François kaum «Sibirien einfach» für die Sponti-Blüttlerinnen…

Von Jürg-Peter Lienhard


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