Artikel vom 07.11.2014

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Cinéma

Geprägt von Licht und Schatten

4 kg schwer und 6 cm dick präsentiert sich ein im Taschen-Verlag erschienenes Buch zum Film Noir

Von Ottokar Schnepf



«The Maltese Falcon» mit Mary Astor und Humphrey Bogart – der Startschuss zum Begriff Film Noir.


Der 1946 von französischen Filmkritikern eingeführte Begriff Film Noir zur Beschreibung einer besonderen Art von spannungsgeladenen Kriminalfilmen, die von 1941 bis 1959 in den USA gedreht wurden, hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren. Jetzt ist im Taschen-Verlag Hamburg ein pechschwarzes Buch über Film Noir erschienen, das bis anhin gedruckte Film-Bücher in jeder Beziehung in die Bibliothek verbannt.
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Die Bezeichnung Film Noir wurde geboren, als John Hustons «The Maltese Falcon» (1941) französischen Filmkritikern gezeigt wurde; der letzte als Film Noir geltende Beitrag lieferte 18 Jahre danach Orson Welles mit «Touch of Evil» (1959). Doch dazwischen entstanden rund 500 weitere Films Noirs.

Aber gedreht worden sind viele noch bevor die Filmemacher in Hollywood die Bezeichnung Film Noir gekannt oder gehört hatten. Inszeniert haben sie u.a. Exilanten aus Deutschland und Österreich (Fritz Lang, Billy Wilder, Robert Siodmak, Otto Preminger). Ihre Erfahrung von Flucht und Vertreibung haben die dunklen Bilderwelten und düsteren Geschichten, welche diese schwarzen Filme auszeichnen, masslos beeinflusst.

Die filmischen Orte sind von Dunkelheit geprägt, die Handlung spielt vorwiegend nachts oder in geschlossenen Räumen, die meist von Licht-/Schatten-Spielen durchzogen sind, um die Gefühle der Protagonisten widerzuspiegeln. Wobei Kamerapositionen und Lichtführung stark expressionistisch geprägt sind.

Das sind die Markenzeichen des Film Noir, an denen das interessanteste die visuelle Gestaltung ist, die auch aus einem drittklassigen Drehbuch noch ein kleines Meisterwerk machte.



Film Noir Kamerablick: Jane Greer und Robert Mitchum in «Out of the Past» Synonym für klassisches Hollywood-Kino.


Die schwarzen amerikanischen Kriminalfilme der 1940er und 50er Jahre sind in den letzten Jahrzehnten beinahe zu einem Synonym für klassisches US-Kino geworden. Werke wie «Double Indemnity», «Out of the Past» und «The Postman Always Rings Twice» zählen heute zum Kanon, ebenso «Gilda», «Laura» und «Sunset Boulevard».

In all diesen Werken ruft ausgefeilte Schwarzweiss-Fotografie mit extremen Perspektiven und «Chiaroscuro»-Effekten*) nächtliche Stadtlandschaften und heikle Affären zwischen melancholischen oder zynischen Männern und schönen, aber gefährlichen Frauen hervor. Man denkt dabei unwillkürlich an Barbara Stanwyck, Rita Hayworth, Lana Turner und Joan Crawford, neben Robert Mitchum, Burt Lancaster, Dana Andrews und John Garfield. Als Wortmarke erzeugt Film Noir auch Nostalgie und hartgesottene Dialoge. Hinter dieser attraktiven, vor allem optisch codierten Oberfläche verbergen sich allerdings überaus reichhaltige erzählerische, kulturelle und politische Traditionen.

Genre oder Stil

Ob Film Noir als Genre oder als Stil in die Filmgeschichte eingereiht werden soll, darüber streiten sich die Filmhistoriker noch heute. Eines hingegen steht fest: über keine andere Filmgattung wurde so viel geschrieben und gedruckt. Vor allem aus den USA und Frankreich stammen zum Thema Film Noir eine Menge Bücher. Und auf Deutsch ist eben das wohl aufwendigste Buch mit dem Titel Film Noir «100 All-Time Favorites» erschienen: Vier Kilo schwer und 6 cm dick umfasst der Band 680 A4-Seiten und wartet mit mehr als doppelt so vielen Abbildungen auf. Ein Schunken also, alles andere als ein Taschenbuch.

Im Blick der Kamera

Ebenso wichtig wie der Regisseur waren beim Film Noir die Kamera-Männer, war doch die Bildgestaltung ein wesentlicher Bestandteil der Dreharbeiten. Einer der besten war John Alton. Für eine Anzahl Films noirs war er für die Bildkompositionen zuständig. «Painting with Light» (Malen mit Licht) nannte er seine technische und künstlerische Vorgehensweise, wie Licht und Schatten, Hell und Dunkel zusammenspielen müssen. Ein erfahrener Film Noir-Liebhaber erkennt einen John-Alton-Film bereits nach wenigen Minuten… Es könnte sich dabei aber auch um einen von Nicholas Musuraca oder Howe James Wong handeln. Diese waren ebenfalls Meister ihres Fachs. Wong bewies es u.a. mit «Body and Soul», Musuraca vor allem mit «The Spiral Staircase».



Der Kontrast von Hell und Dunkel, Licht und Schatten. Szene aus «The Big Combo».


Existenzialismus und Surrealismus

Das Konzept Film Noir ist während der klassischen Periode stark von existenzialistischen, zum Teil auch surrealistischen Impulsen geprägt - und von der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs. Auch die «Hardboiled School» in der amerikanischen Literatur (Chandler, Hammett, Woolrich, Cain, Thompson) galt schon damals als zentrales Element für die Entwicklung des Film Noir.

Ausgehend von den bereits zitierten Filmen und von jenen archetypischen Figuren, die in der öffentlichen Imagination bis heute mit Robert Mitchum, Humphrey Bogart oder Burt Lancaster, plus die bereits erwähnten Femmes fatales wie Rita Hayworth, spannt das Buch einen Bogen, der die mächtige Umlaufbahn des Film Noir beschreibt: vom Kino der Weimarer Republik über den poetischen Realismus im Frankreich der 30er Jahre bis hin zum modernen Kino der Nachkriegszeit und zum aktuellen Filmschaffen. Also von «Das Kabinett des Dr. Caligari» (1920) bis zu Drive (2011).



«Touch of Evil» von und mit Orson Welles setzte 1959 den Schlusspunkt zum klassischen Film Noir.




Paul Duncan und Jürgen Müller: «Film Noir - 100 All-Time Favorites». Erschienen 2014 im Taschen-Verlag Hamburg € 39.99

*) Chiaroscuro (italienisch: „hell-dunkel“), Hell-Dunkel-Malerei, auch franz.: Clair-obscur, bezeichnet ein in der Spätrenaissance und im Barock entwickeltes Gestaltungsmittel der Grafik und Malerei, das sich durch starke Hell-Dunkel-Kontraste auszeichnete und sowohl der Steigerung des Räumlichen als auch der des Ausdrucks diente.

Von Ottokar Schnepf

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

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• Taschen Verlag Hamburg


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