Artikel vom 03.11.2014

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Freiwilligenarbeit

Nach Defekt: reparierte Aufschaltung vom 13.09.2014

Wie die Juden in der Region hin und her flüchten mussten

Das Judenhaus von Durmenach ist von Freiwilligen zu einem Dorfmuseum umgebaut worden und belegt den Ursprung der Basler Juden nach dem «Judenrumpel» von 1848

Von Jürg-Peter Lienhard



Ein richtiges Kleinod ist es geworden, das von freiwilligen Dorfbewohnern restaurierte Judenhaus mitten im Herzen Durmenachs. foto@jplienhard.ch © 2014


Aus Anlass der Einweihung des «Maison du Patrimoine de Durmenach» geheissenen Dorfmuseums am 14. September 2014 (10-30 Uhr) hat der örtliche Geschichtsverein eine Eröffnungs-Ausstellung eingerichtet, die sich der höchst bewegten Periode seiner Geschichte widmet: Dem Zusammenleben von drei Ethnien, bestehend aus einer überwiegenden jüdischen Bevölkerung und den Minderheiten von Katholiken und Zigeunern während des 19. Jahrhunderts.
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Zustand vor seiner Restauration: Dank der Aufmerksamkeit einiger Gemeindemitglieder entdeckte man vor dem Abriss, dass das Haus eine besondere Geschichte hatte. Foto Roland Drexler, Durmenach © 2014


Das älteste Haus der verschwundenen jüdischen Einwohnerschaft ist von einer engagierten Gruppe der Dorfgemeinschaft in Freiwilligenarbeit komplett von der Schwelle bis zum Giebel restauriert und umgebaut worden. Diese Initiative, die einen Grossteil der Bevölkerung umfasst, ist einzigartig nicht nur im Sundgau, sondern im ganzen Oberelsass. Sie erstaunt als Ausdruck eines beinahe anachronistisch anmutenden Geschichtsbewusstseins einer ganzen Dorfgemeinschaft und zeugt von deren lebendigem Zusammenhalt.

Beim Museumsgebäude handelt sich um das Haus der einstmals angesehenen und vermögenden jüdischen Familie Hauser, die aufgrund des «Judenrumpels» von 1848 um ihren Besitz gebracht wurde und deshalb nur in einem winzigen Haus eines Taglöhners im Dorf verbleiben konnte. Die meisten jüdischen Mitbürger der damaligen Zeit flohen wegen dieses Pogroms über die Grenze nach dem schweizerischen Jura und nach Basel, wo sie zur Gründung einer auch heute bedeutenden jüdischen Gemeinde und zur 1860/61 erbauten Synagoge beitrugen.

Die Juden in unserer Region mussten im Laufe der Jahrhunderte sowieso immer wieder über die jeweiligen Landesgrenzen hin und her fliehen. Aus Basel als «Verursacher» der Pest, als «Brunnenvergifter» bei anderen Seuchen, und zurück nach Basel, wenn Judenhatz in Frankreich angesagt war - zuletzt während der Nazizeit.



Eine Seele von Mensch, Getränkehändler und Besitzer eines musealen, vollständig erhalten gebliebenen Kinos aus den 30er Jahren, Georges Burger, zeigt einen Brotsack aus der Zeit, wo die Juden im besetzten Durmenach buchstäblich «kein Brot mehr» hatten - gemeint nach Auschwitz deportiert wurden.


Die erste Ausstellung in dem zum Kleinod aus einer Beinahe-Ruine von den einheimischen Freiwilligen hergerichteten Häuschen Hausers befasst sich mit den Gemeinsamkeiten der drei Kulturen aus der Vergangenheit des Sundgau-Dorfes. Der Geschichtsverein Durmenachs hat in Zusammenarbeit mit dem Historischen Museum Strassburgs die Botschaft auf kleinstem Raum mit klug ausgewählten Exponaten sehr augenfällig herausschälen können. Es ist kein überfülltes Sammelsurium geworden, sondern eine ziemlich einleuchtende übersicht zur Thematik: In den wenigen Schaukästen sind die Ritualien der katholischen Konfession - die Zigeuner sind allesamt katholisch - neben den jüdischen gegenübergestellt. Je nach Anlass wie Taufe, Festtage, Begräbnis oder Berufe. Dabei wird deutlich, wie die christliche Konfession ihre Wurzeln eben in der jüdischen hat, zumal im alten Testament.

Die - aufgezwungenen - Unterschiede der beiden Konfessionen werden bei den Berufen deutlich: Den Juden waren von den Zünften und Innungen die meisten Handwerksberufe verwehrt. Es blieben ihnen die «schmutzigen» Berufe wie Metzger, Viehhändler und Geldverleiher. Letzteres erklärt auch was die antisemitische Propaganda verschweigt, dass «der Geldjude» durch das christliche Tabu des Geldverleihs von der Christenheit in diesen Beruf gezwungen wurde...

Die Ansiedlung der Juden in Durmenach geht zurück auf die Dynastie der Familie Flachslanden, die einen Basler Bischof und den Stifter der Basler Universität hervorbrachte. Der Basler Bischof erlaubte im 13. Jahrhundert die Ansiedlung der Juden im Sundgau, das zum Bistum Basel gehörte. Im Dreissigjährigen Krieg, als aufgrund der kriegerischen Ereignisse 70 Prozent der gesamten Bevölkerung ausgerottet war, waren es wiederum Juden, deren die Herrschaften nötig wurden, um das Land wieder zu bevölkern, sprich für Steuererträge zu sorgen. Gleichwohl blieb die Bevölkerung während der drei Jahrhunderte bis ins 19. Jahrhundert, ob jüdisch oder christlich, meist arm.

Durmenach wuchs bis 1848 wegen seiner mehrheitlich jüdischen Bevölkerung von zuletzt 1140 Seelen zu einem wichtigen regionalen Handelsplatz. Denn während die christlichen Familien Ackerbau betrieben oder kleinere Handwerksbetriebe unterhielten, übten die Juden die ihnen erlaubten Berufe als Hausierer, Viehhändler und Metzger aus. Die beiden Bevölkerungsgruppen fanden bis zur Mitte des 19. Jahrhundert ein «modus vivendi» trotz manchmal zugespitzter Konflikte. Der Respekt vor den Gebräuchen und Feiertagen war gegenseitig und selbstverständlich. In derselben Periode liessen sich auch eine Sippschaft von Zigeuner- Musikanten auf dem Bann von Durmenach nieder.

Bis 1848 als Folge der Pariser Revolution die Unruhen im Land auch auf Durmenach und auf dessen mehrheitlich jüdische Bevölkerung übergriffen. Dabei wurden deren Häuser geplündert und ihre Bewohner verjagt. Ein bekannter Stich dieser Zeit zeigt den wüsten «Judenrumpel», wo der aufgewiegelte Pöbel plünderte und zerstörte. Nur brandschatzen tat er nicht, denn ein brennendes Haus hätte das ganze Dorf gefährdet... Also wurden auf den Dächern die Ziegel zertrümmert, damit das Wetter den Gebäuden schaden sollte.



Der Judenrumpel von 1848: Ausschnitt aus einem zeitgenössischen Stich mit den wüsten Folgen von Plünderung und Diebstahl. Man beachten den Typen links am Bildrand unten, dessen unwirklicher Kotze-Strahl aber gleichwohl bestürzende Aussagekraft hat… Privatbesitz J.-P.Lienhard © 2014


Die meisten Juden mussten wegen der aufgeheizten Stimmung ihr Hab und Gut im Stich lassen und flüchteten in die Schweiz, in den Jura und nach Basel. Einer der Gründe für den «Judenrumpel» war, dass sich etliche Bauern und Handwerker bei jüdischen Mitbürgern verschuldet hatten und glaubten, mit den Revolutionswirren sich von ihren finanziellen Verpflichtungen befreien zu können. Tatsächlich waren aber die meisten vermögenden Juden Durmenachs durch Handel und Arbeit und nicht durch Geldgeschäfte oder gar Wucher zu relativ bescheidenem Vermögen gekommen. Die spätere Rechtsprechung anerkannte das Unrecht, das den Juden zugefügt wurde, aber die Rädelsführer und Diebe wurden nicht ernsthaft zur Rechenschaft gezogen, zumal die meisten jüdischen Opfer gezwungenermassen Durmenach schon verlassen hatten.

Im kleinen Nebenraum des Dorfmuseums wird die Ausstellung zum Leben im 19. Jahrhundert mit einer Serie von Fotos der Gebäude im alten Dorfkern begleitet, die dem Katasterplan aus der napoleonischen Zeit gegenübergestellt werden. Daraus geht hervor, dass das Dorf eine überwiegende Anzahl historischer Gebäude enthält.



Der Judaiker und Historiker Jean Bloch und Sabine Drexler, die «Anführerin» des wundervollen Projektes, geben der Eröffnungs-Ausstellung den letzen Schliff vor dem grossen Tag am 14. September 2014.


Mit der Renovation des Judenhauses und der Transformation zum schmucken Dorfmuseum haben bereits einige der umliegenden Hausbesitzer den Wert ihrer historischen Liegenschaft erkannt und angefangen, diese zu restaurieren, um die Attraktivität des immer noch bedeutenden regionalen «centre commercial» auch optisch als Anziehungsmagnet zu steigern.

Im heutigen Durmenach gibt es keine Juden mehr. Die Synagoge ist in den fünfziger Jahren abgebrannt, und auf deren Ruine hat die Gemeinde den dörflichen Festsaal erbaut. Vor dem Festsaal ist auf einem Findling eine Gedenktafel angebracht worden, die an die jüdischen Opfer der Shoa erinnert. Der grosse jüdische Friedhof ausserhalb des Dorfes zeugt von der grossen Vergangenheit der jüdischen Gemeinde, und die Namen auf den Grabsteinen zeugen vom Ursprung der angesehensten Basler Familien der heutigen Bürgerschaft. Bei einer Gedenkfeier 2009 wurden am «Monument aux Morts» zwei Stelen angebracht, womit die Namen der bei der Shoa im 2. Weltkrieg umgekommenen jüdischen Menschen und zwei Zigeunerkinder verewigt wurden, was in Frankreich eine Besonderheit darstellt. Denn an den Gefallenen-Denkmälern sind in ganz Frankreich nur die militärischen Opfer verzeichnet. Die Sundgauer Gemeinde Durmenach hat der Welt einiges zu sagen und zu zeigen, zumal das Beispiel des kleinen Ortes weit über die Landesgrenzen hinausleuchtet.


Fotorserie von J.-P.Lienhard © 2014



Wie alles begann: Der Gemeinderat erklärt den Mitwirkenden für die Vorbereitung des Gedenktages im November 2009 den Ablauf. Die Versammlung wurde in der nach dem Brand von 1956 zum Vereinshaus umgebauten alten Synagoge abgehalten.




Bürgermeister Springinsfeld in demütiger Andacht bei der Einweihung der Stelen mit den zivilen Opfern Durmenachs während der Shoa: 17 Juden und zwei Zigeunerkinder.




Der riesige Judenfriedhof liegt ausserhalb des Dorfes. Die Namen auf den Grabsteinen sind identisch mit den in Basel höchst ehrbaren Bürgerfamlien, die aus Durmenach stammen.




Zum Beispiel die Picards…




…oder die Franks.




Eine grosse Anzahl der Grabsteine sind Jahrhunderte alt. Die Juden kennen die ewige Grabesruhe, weshalb die Gräber nie aufgehoben werden. Gräber von Beerdigten ohne Familiennachkommen verrotten im Laufe der Jahrhunderte, aber Freiwillige haben sie wiederhergerichtet, so dass sie ein Zeugnis der Zeit - und Sujet für Fotografen abgeben.




Zigeuner, die 2009 der Gedenkfeier beiwohnten. An der Eröffnung des Judenhauses und Dorfmuseums am 14. September 2014 spielt die Zigeuner-Jazzband Loeffler auf: Söhne des berühmten Mito Loeffler.




Rückblick auf die Bautätigkeit der Freiwilligen: Für die Restauration wurde das Gefache herausgebrochen und die Ziegel vom Dach entfernt, bis nur noch das Fachwerk-Skelett auf den faulenden Schwellen stand. Einige Ständer und Riegel sowie Teile der Schwellen musste der Zimmermann neu zuhauen.





Der Kachelofen-Handwerker und technische Leiter der Restauration des Judenhauses, Christian Fuchs, spricht am Aufrichtefest zusammen mit dem Zimmermann den Aufrichtespruch - auf Elsässisch.




Der letzte Schliff wird von Freiwilligen angebracht. Sie sind hochmotivert und eifrig bei der Sache. Sogar Helfer aus Basel waren dabei.




Christian Fuchs (links), technischer Leiter der Bauarbeiten, und Sabine Drexler (rechts), der «Motor» des Projektes, schildern der stets engagiert schreibenden Journalistin Elisabeth Schulthess von der Zeitung L’Alsace, den Fortschritt der Bauarbeiten.




Thomas Zundel, Präsident des Geschichtsvereins Durmenach ist übrigens der Sohn von Adnré Zundel, dem initiativen Promotor der Regio-Tour, die er zu einem der grossen Radsport-Ereignisse im Dreiländereck aufbaute.




Dokumentieren, Fotografieren für die Zukunft und für die Qualitätspresse in Deutschland. Jedes Bild gibt irgendwo irgendjemandem Ansporn sich Gedanken über das historische Erbe und den Sinn der Gemeinschaftsarbeit zu machen.




Der federführende Geschichtsverein lud einmal gar zu einer Filmvorführung unter freiem Himmel und vor dem Platz des Judenhauses ein. Damit konnten ein paar €uros eingenommen werden. Aber am wichtigsten war das Gemeinschaftsgefühl. Es kamen übrigen aufgrund meiner Vorschau mehrere Familien aus Basel, insgesamt 14 Personen, die sich untereinander nicht kannten.




Der Schwarzweiss-Film in elsässischer Sprache hiess «D’r Herr Maire» und wurde vom elsässisch-schweizerischen Regisseur Félix Beaujon gedreht. Dieser war auch in der Schweiz eine Berühmtheit zu seiner Zeit - siehe Link am Schluss zu unserem Artikel über die Freilichtaufführung in Durmenach vom 10. August 2013.




Auch das gehört dazu: Die Geselligkeit nach getaner Arbeit bei einem selbstzubereiteten Essen ist der Kitt der Gemeinschaft. Die sprichwörtlich «gute Beiz», das Restaurant «de l’Ill» ist zwar gleich dahinter am anderen Ufer der Ill, aber bei diesem Wetter und in solcher Gesellschaft wars doch ebenso hervorragend, was auf den Teller kam…




Das ist im Falle kein Blumenstrauss, aber ein Blumensalat. Wollte ich zunächst gar nicht glauben und daher auch nicht versuchen - aber schliesslich kann ich jetzt sagen: Wunderbar und welch origineller Genuss, «une sensation gustative»…




Was bei diesem Bild verwundert: Was machen die Merguez da am Boden? Ich kann sagen, dass sie trotzdem geschmeckt haben, zumal das Gras, worin sie der ungeschickte Grillmeister zuvor fliegen liess, eben den Würstchen den charakteristischen Geschmack des «terroirs de la domaine de Durmenach» verliehen…




Die letzte Versammlung des Geschichtsvereins im ehemaligen Kino-Restaurant von Georges Burger: Zur Diskussion stehen die Ämtlein, die jeder und jede für die Eröffnung zu übernehmen hat und weiteres zur Organisation am 14. September 2014.


Alle Fotos:J.-P.Lienhard, Basel © 2014

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Broschüre «Vorbild Durmenach» im Format PDF

• Bericht im jüdisch-schweizerischen Wochenmagazins «tachles»

http://www.webjournal.ch/article.php?article_id=1361

• Artikel auf webjournal.ch zum Film «D’r Herr Maire»


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