Artikel vom 04.09.2014

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Wissenswertes

Ornans hat eine bewegte Geschichte

Der Geburtsort des Künstlers Gustave Courbet, General Guisan und elsässische Internierte in der Schweiz spielten eine entscheidende Rolle im Zweiten Weltkrieg

Von Jürg-Peter Lienhard



Ornans mit dem Courbet-Gebäude am Ufer der Loue.


Wenn am 7. September 2014 in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel das ehemals skandalträchtige und noch heute aufregende Gemälde von Gustave Courbet an der ihm gewidmeten Sonderausstellung gezeigt wird, dürften die Besucher auch etwas mehr über den Geburtsort des Künstlers erfahren: Was Ornans mit General Guisan zu tun hat, beispielsweise… Für mehr hier klicken:

Als Hitler das Elsass besetzte, wurden von der Wehrmacht alle jungen Elsässer als Kanonenfutter zum Kriegsdienst eingezogen. Wer sich verweigerte, den erwarteten drastische Strafen, so dass sich viele junge Männer entschlossen, über die Grenze in die Schweiz abzuhauen. Zumal an der jurassischen Sundgau-Grenze, auch wenn die Geographie sowohl geeignete Verstecke bot wie auch Gefahren auf steilen Wegen in zerklüfteten Felsen und im Bett des Doubs-Laufes lauerten. Zu schweigen von der Aufmerksamkeit der Deutschen und dem Terror gegenüber den Familien der von den Nazis «Fahnenflüchtlinge» geheissenen Kriegsdienstverweigerern.

Im Januar 1943 wurden wegen des Russlandfeldzugs Hitlers weitere Jahrgänge junger Elsässer in Hitlers Wehrmacht eingezogen. Anfang Februar flüchteten darum 170 sundgauische Männer in die Schweiz. Am 12. Februar versuchten weitere 19 männliche Jugendliche aus Ballersdorf über die nahe Schweizer Grenze zu gelangen, aber wurden von deutschen Grenzsoldaten gestellt, drei sofort getötet, 15 verhaftet und im KZ Natzweiler-Struthof erschossen. Familienmitglieder wurden über das SS-Lager Schirmeck in ein Zwangsarbeitslager in Deutschland «umgesiedelt». Ein Denkmal vor der Kirche erinnert an die Schandtat der Wehrmacht, die noch bis heute in trauriger Erinnerung geblieben ist.



Historische Aufnahme des Rathauses von Ornans, das aber bis heute sein Gesicht behalten hat.


Schätzungsweise um die 2’000 junge Franzosen gelangten zu verschiedenen Zeitpunkten des Zweiten Weltkrieges in die Schweiz. Ein grosser Teil waren Zivilisten, aber auch desertierte Soldaten, die allesamt in Internierungslager in der Schweiz gesammelt wurden. Teils konnten sie bei Bauern oder für bestimmte Projekte von Gemeinden arbeiten und hatten so auch oft Kontakte zur einheimischen Bevölkerung, was vielen nachhaltig in Erinnerung für die gute Aufnahme geblieben ist. Zahlreiche Internierte behielten Kontakt und Freundschaft lange über den Weltkrieg hinaus.

Für die Geschichtsschreibung ist jedoch bedeutend, wie die militärische Führung der Schweiz die Internierten einschätzten. So war General Guisan ein klarer Gegner von Nazideutschland, und man weiss auch um seine ungeschminkte Sympathie für den Widerstand von General Charles De Gaulle und von General Jean de-Lattre-de-Tassigny, auch wenn das gewissen Anpasserkreise in der Schweiz ein Dorn im Auge war.

Und vielleicht immer noch heute ist: General Guisan hatte schon vor dem Zweiten Weltkrieg Kontakt mit dem französischen General de-Lattre-de-Tassigny, der die drohenden Kriegswolken ebenfalls heraufziehen sah. Dieser Kontakt brach auch während des Zweiten Weltkrieges nicht ab. Vor allem konnte Guisan die Schilderungen der elsässischen Internierten auswerten und sie dem französischen Kollegen weitergeben.

Die Informationen von Guisan waren für de-Lattre-de-Tassigny derart nützlich, dass er seine Befreiungsstrategie der von ihm befehligten «première armée» danach gestalten konnte: Die in die Schweiz geflüchteten französischen Männer konnten genau schildern, dass nur wenige schwere Waffen und kaum kampftüchtige Kräfte zumal im Sundgau stationiert waren. Die Deutschen erwarteten den Befreiungsangriff in den Vogesen und hatten daher im Sundgau nur diejenigen Kräfte stationiert, die die Franzosen als «armée des sourdes» - die Armee der Tauben, also der Kriegsversehrten - bespotteten.

Guisan betrieb also das, was man später als «aktive Neutralität» bezeichnete: Neutral im Sinne, dass man keine fremden Kampfhandlungen auf Schweizer Territorium oder das Durchmarschieren erlaubte, jedoch, dass man den befreundeten Armeen zumindest militärisch wichtige Informationen gegen die faschistischen Kräfte mitteilte. Denn der schweizerische Nachrichtendienst konnte aufgrund seines neutralen Status zu Informationen gelangen, die den kriegführenden Parteien, zumal den Franzosen, nicht zugänglich waren. So die Informationen der in die Schweiz geflüchteten Elsässer.

Als die Erste Armee unter de-Lattre-de-Tassigny von Marseille aus, wo sie von Algerien nach Frankreich überschiffte, Frankreich von Süden her zu befreien sich anschickte, ersparten die Informationen Guisans der französischen Armee viel Blutvergiessen bei der Befreiung des Sundgaus. Dass jedoch das Panzer-Peloton des jungen Leutnants Jean de Loisy 1944 von Belfort aus das Vordringen in den Sundgau bis zum Rhein bei Rosenau trotz eines irrtümlichen Umwegs bei Kappelen in nur vier Stunden schaffte, war zwar eine militärische Draufgängerleistung, aber konnte nur dank der genauen Angaben Guisans geschehen.

Wenngleich auch der spätere Kampf in den Vogesen und in den nördlicheren Gebieten des Elsass sehr schwer war, weil die Deutschen hier eben starke Kräfte einsetzten, so was es für die weitere Befreiung des Elsass und für das Vorrücken der Befreiungskräfte in Ostfrankreich von eminenter psychologischer Bedeutung, dass die Erste Armee bis zum Rhein vordringen konnte. Damit kam aus, dass die deutsche Armee in Bedrängnis geraten war und sich dadurch bereits ein Ende des Krieges abzeichnete.

Eine weitere Rolle spielte eine andere Handlung «aktiver Neutralität». Und zwar in Zusammenhang mir Ornans, dem Geburtsort von Gustave Courbet im französischen Jura: In den Internierungslagern für französische Armeeanghörige und wehrdienstverweigernden elsässischen Zivilisten war man die ganze Kriegszeit über nicht untätig geblieben. Und dies mit Billigung der obersten schweizerischen Armeeführung und auf Geheiss von General Guisan. Die internierten Soldaten wurden von ihren Offizieren unter militärischer Disziplin gehalten, wobei die französischen Offiziere in den schweizerischen Internierungslagern englische Uniformen trugen. Dies, weil es eben damals zwei Frankreichs gab: Jenes von Pétain, also das nazifreundliche, und jenes von De Gaulle, der aus London die Befreiuungsoperationen befehligte.

Als die Erste Armee von Süden her nach Besançon vorstiess, erliess General Guisan den Befehl, die internierten Soldaten zusammen mit den elsässischen Zivilisten bei Le Locle im schweizerischen Jura nach Frankreich die Grenze übertreten zu lassen, damit sie bei Ornans zu den französischen Truppen gelangen konnten, wo sie bereits erwartet wurden. In Ornans wurden die jungen Zivilisten aus dem Elsass von französischen Offizieren der Ersten Armee militärisch eingekleidet und in einer Schnellbleiche an den Waffen ausgebildet. Diese jungen Zivilisten brannten darauf, für ihre Heimat Elsass zu kämpfen, auch wenn de-Lattre-de-Tassigny seinen erfahrenen und kampferprobten Leuten die schwierigsten Aufgaben vorbehielt, um die «grünen» jungen Männer nicht zu verheizen.

Die Zuführung der rund 2’000 Mann Soldaten und Zivilisten war zwar willkommene Entlastung für die Erste Armee, aber stellte auch erhebliche logistische Probleme zumal für den Nachschub, der von Südfrankreich und von Marseille aus geholt werden musste. Dadurch blieb Ornans eine zeitlang wichtige Etappe beim Vormarsch der Brefeiungsarmee.

Quelle: Colonel Michel Buecher, «Le Devoir du Mémoire» (Pflicht der Erinnerung).

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Le devoir du mémoire

• Video Landung und Befreiung Südfrankreichs


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