Artikel vom 02.02.2014

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Grenzgänger

Mit grosser Fotoreportage

Bemerkenswert geordnete Autobahnblockade

Keine Zwischenfälle, aber stundenlanges Verkehrschaos im elsässischen Grenzgebiet bei Basel

Von Jürg-Peter Lienhard



SAINt-LOUIS.- Von der D105 aus aufgenommen: Das Tele reichte nicht aus, auch die Hintersten und Letzten aufs Bild zu bannen. So viele demonstrierende Grenzgänger waren auf der A35 am Samstag, 1. Februar 2014, versammelt, um fotografiert zu werden. Denn den Fotogruss wollen sie nach Paris senden, womit sie der französischen Regierung bedeuten wollen, wie massiv sie gegen den geplanten staatlichen französischen Krankenkassenzwang aufbieten können. © foto@jplienhard.ch 2014

11’000 hatten sich via Internet eingeschrieben. Möglicherweise aber kamen weitaus mehr, denn als der Präsident der Grenzgänger-Vereinigung CDTF, Jean-Luc Johaneck, um 16 Uhr die Blockade vereinbarungsgemäss als beendet erklärte, hatten noch längst nicht alle Protestanten vermocht, sich dem Riesenheer auf der blockierten A25 beizugesellen: Einer unübersehbar langen Nachzüglerkolonne gelang es bis dahin nicht mehr, vom Besammlungsort des ehemaligen Kieswerks (la carrière) bei St-Louis sich hinter der Hauptmasse auf der Autobahn anzuschliessen. Für mehr hier klicken

Immerhin bewahrheitete sich das Versprechen Johanecks, dass die Demo «geordnet» verlief. Und wie: «Die untertänigen Elsässer sind es gewohnt, wie der Ochse in der Furche zu laufen», frotzelte ein Sundgauer Original. Tatsächlich folgten alle, aber wirklich alle Teilnehmer, den Anordnungen des unablässig über eine gewaltige Lautsprecheranlage redenden Grenzgänger-Präsidenten, dessen perfekt zweisprachiger Redefluss jede Struktur eines Interviews verunmöglicht und wahrscheinlich damit auch alle kritischen Einwände zubunkert. Er war nicht nur der einzige Redner, sondern auch Ordnungs-Speaker in einer Person.

Geduldig liessen sich die aus allen Ecken des Oberelsass stammenden Notabeln an der Spitze des Demonstrationszuges den anhaltenden Redefluss des Grenzgänger-Präsidenten über sich ergehen: Erklärbar ist die auffallende Zahl der Polit-Prominenz mit den bevorstehenden Wahlen im März. Gut erkennbar an der Trikolore-Schärpe bildeten die Generalräte und Generalrätinnen, die Senatorinnen und Senatoren, Députés und Maires des Oberelsass von links bis mehrheitlich ganz rechts einvernehmlich die Anführerschaft der Demonstration, der eine einzige Reihe von strikt offiziell zugelassener Spruchbändern voranging.

Den Teilnehmern war jedes andere Protestmittel als die offiziellen verboten. Immerhin zu tausenden wurden Karton-Tröten und weisse Fähnchen mit dem Motto-Motiv eines Samouraï-Kriegers verteilt, die auf Anweisung des Einpeitschers geschwenkt und geblasen wurden. Sie waren aufgefordert, sich mit den im Strassenverkehr obligatorischen gelben Warnwesten zu bekleiden, was der Masse ein eindrückliches Bild verlieh.

Die sozialistische Abgeordnete im französischen Senat und Bürgermeisterin von Hegenheim, Patricia Schillinger, kommentierte ihre Teilnahme so: «In meinem ganzen Leben habe ich mich bislang stets für die Armen eingesetzt. Heute ist es das erste Mal, dass ich es für Reiche tue.» Mit «Reichen» meinte sie die aufgrund des Wechselgefälles stets besser als die Einheimischen verdienenden Grenzgänger…

Doch was die Grenzgänger dafür auf sich nehmen, dass sie im eigenen Land keine Arbeit haben, war in den vielen offenenherzigen Gesprächen am Rand der Demo zu erfahren: Vier Männer fahren täglich um 3 Uhr morgens von ihrer Wohngegend im 70 Kilometer entfernten Vogesental St-Amarin zur Coop-Bäckerei an der Elsässerstrasse in Basel und wechseln im Turnuns ihr Fahrzeug.

Eine Gruppe aus verschiedenen Sundgauer Ortschaften der Pfirter Gegend setzte sich aus Arbeitern zusammen, die in den Keramikwerken von Liesberg, andere in Laufen oder Rheinfelden ihr Brot verdienen und täglich bei jeder Witterung die anspruchsvolle Berg- und Talfahrt durch den Jura zu bewältigen haben. Die Fahrkosten, aber auch der stundenlange Arbeitsweg hin und zurück fressen einen guten Teil des Lohnvorteils weg, nebst der in der Schweiz üblichen Arbeitszeit von 42 Stunden und dem späten Pensionsalter von 64 für Frauen respektive 65 für Männer.

«La colère», die Wut auf die Pariser Absicht, die bislang für Grenzgänger günstige freie Krankenassen-Wahl zu verbieten und sie stattdessen zum Beitritt in die staatliche Sécurité Sociale zu zwingen, gewinnt angesichts der bis acht Prozent vom Bruttolohn ausmachenden Krankenkassen-Prämie auch in der lokalen Politik an Bedeutung und relativiert deutlich den Lohnvorteil aus dem Schweizer Erwerb.

So brach bitteres Gelächter unter der riesigen Menschenmenge aus, als Johaneck durchs Mikrofon rief: «Ich bin nicht Johnny Halliday, und ihr seid hier nicht an einem Konzert…» Die Mitteilung, dass die französische Gesundheitsministerin Marisol Touraine das Ende der Krankenkassen-Wahlfreiheit für Grenzgänger pickelhart bestätigt habe, wurde hingegen mit ohrenbetäubenden Pfiffen und Trötengeheul quittiert.

Wie der Mediensprecher der Schweizer Grenzwacht, Patrik Gantenbein, vor der Demo mutmasste (BaZ vom Freitag), hatte die Autobahnblockade enorme Auswirkungen auf den Verkehr im ganzen Grenzgebiet. Dies, obwohl oder gerade deswegen, weil Demo-Teilnehmer empfohlenermassen ihr Fahrzeug auf weit vom Versammlungsort gelegenen Parkfeldern deponiert hatten, stauten sich die Autokolonnen bis gegen 18 Uhr, zwei Stunden nach Blockadenabbruch.

Fotostrecke, aufgenommen von J.-P. Lienhard

© foto@jplienhard.ch 2014

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Panorama-Aufnahme von der Carrière St-Louis, wo sich die Abertausenden von Demonstranten für die Autobahn-Besetzung zuvor versammelten. Diese Foto kann mit dem Link am Schluss als grossformatige Panorama-Aufnahme heruntergeladen werden. © foto@jplienhard.ch


































































Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Worum geht es? BaZ-Artikel vom 10.12.2013

• Vorschau auf die Blockade in der BaZ vom 31.1.2014

• Panoramafoto hier herunterladen


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