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KulturSchweigen

Artikel vom 27.12.2012

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Ottokars Cinétips

Zwei absolute Highlights des Kinojahres 2012

Was im Mainstream den Bach runterrauschte, blieb indes unserem fleissigen und dem Film treu ergebenen Filmjournalisten nicht verborgen

Von Ottokar Schnepf



Göttliche Schönheit und koloniale Farmbesitzerin Ana Moreira (Aurora).


Der erste Film heisst «Tabu» und blickt blickt aus 50 Jahren Abstand auf eine unmögliche Liebesgeschichte. Der seltsamste, wunderbarste Film des Jahres.



Aurora (Ana Moreira) und Gian Luca (Carloto Cotta) in «Tabu»


Postkoloniale Romanze

Miguel Gomes' «Tabu» ist ein zweigeteilter Ton- und beinahe Stummfilm, ein berührendes Schwarz-Weiss-Melodram, ein Kolonialdrama und eine Sehnsuchtsphantasie, orchestriert mit allen erdenklichen Naturgeräuschen und madagassischem Yé-Yé-Pop. Dabei kann der Zuschauer selbst bestimmen, ob er das alles als Komödie oder Tragödie wahrnehmen will.

Aus der Gegenwart Lissabons springt «Tabu» in eine portugiesische Kolonie der 60er-Jahre, in der sich eine fatale Liebesgeschichte entspinnt. Gomes hat sich im Zusammenhang mit seinem Film von seiner Liebe zum Klassikerregisseur Friedrich Wilhelm Murnau (1888-1931) geäussert, von dem er sich den Filmtitel und die Kapitelüberschriften, Licht und Schatten wie in «Nosferatu», Stadt und Land wie in «Sunrise» geliehen hat.

«Tabu» ist in der zweiten Hälfte ein stummer Schwarz-Weiss-Film. Das schenkt dem Oeuvre ergreifende Momente und macht die Tragik seiner Erzählung zu einer der berührendsten Liebesgeschichten in diesem Filmjahr.



Der Star des Films: unausweichlich in der Scheisse gelandet.


Film-im-Film-Parodie

Der zweite Film, «The Woman in the Septic Tank», zählt ebenso zu den aussergewöhnlichen Filmen dieses Kinojahres.


Ein Slum in Manila, darin eine vier-, fünf-, sechsköpfige Kinderschar und ihre Mutter, der die Verzweiflung überdeutlich anzusehen ist. Ihr Elend ist so groß, dass sie sich keinen anderen Rat weiß, als eines ihrer Kinder einem US-Touristen für einen pädophilen Nachmittag zu verkaufen.

Eine tragische Geschichte in räudigem, dokumentarischem Look und – wenn man den Schöpfern dieses philippinischen Films glauben will – genau das Richtige für den internationalen Markt. «Es muss echt wirken, glaubwürdig, so real wie möglich, nicht künstlich. Außerdem: Die Festivalprogrammierer werden nichts anderes durchgehen lassen», sagen die Film-im-Film-Filmemacher, die im Mittelpunkt stehen.

Marlon Riveras Film ist eine Parodie auf eine Sorte von Kino, das jeder leidenschaftliche Kinogänger schon einmal gesehen haben wird: scheinauthentisch, melodramatisch und mit spekulativen Elendsbildern hantierend.

Der Humor, mit dem «The Woman in the Septic Tank» mit verschiedenen Kinoformen vom Musical bis zum TV-Melo spielt, während seine Helden alles geben, um dem Ruhm näher zu kommen («Fuck Cannes, Bro! We talk about Oscars!»), reflektiert ironisch die Nöte von Regisseuren des neuen Weltkinos.
Selbst vom Business-Class-Flug zur Berlinale wird im Film geträumt.

Tatsächlich wurde er dort auch letztes Jahr gezeigt. Und das war's dann. Hätte nicht die trigon-film-crew «The Woman….» ins Programm genommen, wäre uns ein weiteres interessantes und beachtenswertes Filmkunstwerk vorenthalten geblieben. Mit der Oscar-Nominierung klappte es am Ende doch nicht – im Film.

Von Ottokar Schnepf


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