Artikel vom 23.05.2012

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Bücher

Masse und Kultur Made in USA

Das Buch «Mainstream» von Frédéric Martel auf der Spur der US-amerikanischen Globalisierung

Von Ottokar Schnepf




Das Buch heisst Mainstream und ist 500 Seiten stark. Verfasst hat es der Soziologe und Medienforscher Frédéric Martel. Er befasst sich mit den Fragen: Wie funktioniert die Kultur der Massen und wer macht sie? Auf den ersten 100 Seiten erfahren wir Vieles über das US-amerikanische Kino, wie Blockbuster entstehen und was diese für globale Auswirkungen haben. Das dürfte vor allem die Kollegen vom Kino und der Filmkritik interessieren.

Während von europäischer Einigung geredet und die gemeinsame Währung gerettet wird, zerfällt Europa in unterschiedliche Kulturen. In Film, Theater, bildender Kunst, Literatur oder Neuen Medien schliessen sich die 27 Mitglieds- länder immer mehr voneinander ab. «Eine gemeinsame europäische Kultur existiert nicht mehr», sagt der französische Soziologe Frédéric Martel in seinem Buch «Mainstream - wie funktioniert, was allen gefällt».

Er nennt als Beispiel das Kino: Während vor 20 oder 30 Jahren deutsche, französische und italienische Filme europaweit zu sehen gewesen seien, spreche ein französischer Film heutzutage vor allem Franzosen an. Hingegen: «Wenn die Amerikaner einen Film machen, sprechen sie zur Welt.»

Diese nationale Abschottung bei gleichzeitiger US-amerikanischer Globalisierung ist nicht ein europäisches Phänomen, sondern überall auf der Welt zu beobachten. «Eine globale, weithin amerikanische Mainstream-Unterhaltung hat immer mehr Einfluss, und gleichzeitig bilden sich regionale Blöcke», schreibt Frédéric Martel.

Wer erlangt die Kontrolle über Bilder und Träume? Da stellt Frédéric Martel den Europäern ein schlechtes Zeugnis aus: Diese seien in der Verschiebung des weltweiten kulturellen Austauschs doppelte Verlierer. Zum einen vermindert sich ihr Einfluss in anderen Regionen der Welt, zum anderen ist die europäische Alltagskultur immer mehr US-amerikanisch beeinflusst.

Auf der Gewinnerseite im weltweiten Kulturaustausch stehen die USA und ihr Erfolgsmodell des Massenentertainments. Auch Chinesen, Inder und Brasilianer werden stärker. Auf der Rangliste der Importeure stehen die USA auf Platz fünf, hingegen ist die EU der weltgrösste Importeur von kulturellen Inhalten. Europa hat also in dem, was man «Werteaustauschbilanz» nennen könnte, ein hohes Defizit.

«Die einzige gemeinsame Kultur der Europäer ist die amerikanische Kultur», sagt Martel. Er meine damit nicht, dass in jedem der 27 Mitgliedsländer die Eigenart der Kultur in Gefahr sei. Ergo: «Eine gemeinsame europäische Kultur existiert nicht mehr.»

Im Buch schreibt er: «Die Europäer sind vielleicht noch führend bei Bildhauerei, klassischer Musik, postmodernem Tanz und Avantgarde-Poesie», aber im internationalen Kulturgeschäft zähle das nicht viel. Was sind Ursachen dafür? Martel nennt den wachsenden Bevölkerungsanteil der Alten. «Wer viel Jugend hat, muss viel Kultur für sie machen.»

Der Mangel an Innovationsbereitschaft dürfte auch mit der gesamtwirtschaftlichen Schwäche Europas, dem Fehlen gemeinsamer Medien und der Schwäche der europäischen Universitäten zu tun haben. Und anders als die Amerikaner beharrten die Europäer naserümpfend auf einer Hierarchie: oben Kunst im Sinne von Hochkultur, unten Unterhaltung. Doch mit Digitalisierung und Globalisierung sei diese Unterscheidung kaum zu erhalten.

Ein Grund für die kulturelle Abschottung sind die Sprachen. Allerdings: Das Bemühen um die oft gepriesene «kulturelle Vielfalt» gelte nur für die EU-Mitglieder, nicht aber für arabische, türkische und afrikanische Immigranten, kritisiert Martel. «Wir müssen uns zu unseren eigenen Minderheiten öffnen», dann werde europäische Kultur offener und attraktiver.

Von Ottokar Schnepf


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