Artikel vom 18.09.2011

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Elsass - Kultur

Mit Fotostrecke am Schluss

Tabu-Thema Tod in St-Louis

Neues von der Kulturfront der elsässischen Nachbarstadt: drei bemerkenswerte Ausstellungen im Musée Fernet-Branca und in der Mairie

Von Jürg-Peter Lienhard



Kommt Holbeins «Leichnam Christi» ziemlich nahe: mehrfach belichtete Fotoarbeit von Sophie Zénon mit Aufnahmen aus den Katakomben von Palermo zurzeit im Musée Fernet-Branca in St-Louis. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011


Das darf man ohne Übertreibung sagen: St-Louis hat das Zeug, dem Kulturangebot von Basel mit Gleichwertigem zu begegnen. Zunächst gelingt es dem «Espace de l’art contemporain Fernet-Branca» mit Gegenwartskünstlern auf höchstem Niveau für Aufmerksamkeit weit über die Grenzen zu sorgen. Zurzeit mit einer hervorragend gemachten Skulpturausstellung und Photographien, die das Tabu-Thema Tod zum Gegenstand haben. Und schliesslich im Forum der Mairie sind Schwarzweiss-Werke des unterelsässischen Fotokünstlers Frantisek Zvardon mit Motiven aus Äthiopien sowie grossformatige mit elsässischen Trachten zu sehen, die er für das gemeinsam mit Marc Grodwohl gestaltete Fotobuch «Les Alsaciens» verwendet hatte.



«Ethiopie», Thema der Fotoausstellung von Frantisek Zvardon (links) mit alt Maire Jean Überschlag im Forum der Mairie von St-Louis. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011

Das Wochenende vom 16./17. September 2011 hatte gleich zwei Vernissagen auf der Agenda von St-Louis, das eigentlich schon lange aus dem kulturellen Schatten der Nachbarstadt Basel getreten ist. Noch sind es erst besonders gut informierte Basler, die sich dem Geschehen zumal dem Kunstraum «Espace de l’art contemporain Fernet-Branca» der früheren Likörfabrik zuwenden. Das allgemeine Bewusstsein der Kunstinteressierten Basels ist immer noch sehr stark auf die «Flaggschiffe» der Kunststadt und Riehen gerichtet.

Jean-Paul Philipp

Zurzeit sind es zwei sehr aufwendig gestaltete Ausstellungen, die zweifellos einen Besuch lohnen - nebst jener in der Mairie: Seit Juni läuft im Musée Fernet-Branca die Skulpturen- und Gemäldeausstellung von Jean-Paul Philippe mit dem Titel «Archéologie intérieures».

Sowohl die Skulpturen wie auch die Gemälde sind angetan von der klassischen gestalterischen Perfektion des Altertums. Der Künstler hat Sarkophage und Säulen geschaffen, die den Formen nach griechischen und altägyptischen ähneln, aber moderne Schöpfungen sind. Die Ausstellung ist zudem so beleuchtet, dass auch die Präsentation künstlerisch ist. Die Ausstellung von Jean-Paul Philippe wurde schon am 5. Juni eröffnet, dauert aber noch bis 11. Dezember 2011.

Sophie Zénon

Am Samstag, 17. September 2011, war schliesslich die Vernissage der Fotokünstlerin Sophie Zénon, die sich unter dem Titel «In Case We Die» dem Tabu-Thema Tod widmete. Die grossformatigen Aufnahmen, die sie künstlerisch verfremdete, stammen von Mumien aus den Katakomben des Kapuzinierklosters von Palermo sowie aus Kavernen von Neapel. Wie in diesen Gruften ist denn auch die Ausstellung im ersten Stock des Musée Fernet-Branca gestaltet. Die wohldosierte Beleuchtung ist künstlerisch adäquat und vermittelt in den meist abgedunkelten Räumen eine pietätvolle Stimmung, die Respekt erheischt und keinen Voyeurismus aufkommen lässt.

Frantisek Zvardon

Tags zuvor, am Freitag, 16.September 2011, war in St-Louis eine weitere Vernissage in der Eingangshalle der Mairie: Der nordelsässische Landschafts- und Porträtkünstler mit tschechsichen Wurzeln, Frantisek Zvardon, zeigt eine ganze Serie Schwarzweiss-Fotos aus Äthiopien, wozu er auch einen sehr umfangreichen Fotoband hergestellt hatte. Die Bilder zeigen Eingeborene an der Arbeit, auf dem Feld, mit Kindern und mit Tieren. Diese volkskundlichen Fotos sind trotz des ethnologisch-dokumentarischen Charakters eigentliche Kunstwerke und keine volkskundliche Reportage.

In den darüberliegenden Gängen der Verwaltung und an den Wänden der Eingangshalle, die immer wieder als Ausstellungsraum dient, hängen grossformatige und umsäumt mit goldverzierten Rahmen im Tromp-l’oeuil-Stil elsässische Trachten-Porträts, die der Fotograf für den Fotoband «Les Alsaciens» aufgenommen hat. Die grossartig gestalteten und ausgeluchteten Aufnahmen, zu denen der Ethnologe und Gründer des ehemaligen elsässischen Freilichtmuseums Ecomusée d’Alsace, Marc Grodwohl, die Texte schrieb, sind mittlerweilen im ganzen Elsass und darüberhinaus Kult geworden.

Die Ausstellungen lohnen auf jeden Fall einen Besuch, zumal sie von Basel aus bequem ab Schifflände oder Voltaplatz mit dem grenzüberquerenden «Distribus» erreicht werden können. Die Station lautet St-Louis-Centre. Die Marie ist bequem von der Busstation zu Fuss zu erreichen; ebenso das Musée Fernet-Branca, dessen Wahrzeichen der Adler ist, der auf einem farbigen Globus landet und praktisch von überall her sichtbar ist.

Fotostrecke von J.-P. Lienhard, Basel © 2011

Jean-Paul Philippe «Achéologie intérieure


Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011


Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011


Sophie Zénon «In Case We Die»


Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011


Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011


Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011


Frantisek Zvardon «Ethiopie» und «Les Alsaciens»


Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011


Eines der Trachtenporträts von Frantisek Zvardon in der Begleit-Ausstellung. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011


Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011


Am Rande erwischt



Sénateur-Maire Jean Ueberschlag (rechts) ist soeben als Bürgermeister von St-Louis zurückgetreten - altershalber. Links von ihm der Gemeinderat und möglicher Nachfolger, Jean-Marie Zoelle, der die Geschäfte der Stadt interim bis zur definitiven Wahl durch den Gemeinderat führt. In der Mitte Mme Zimmermann, Kulturbeauftragte der Stadt. Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2011


Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Mehr zu den gegenwärtigen Ausstellungen im Musée Fernet-Branca

• Bilder «Ethiopie» und Homepage Frantisek Zvardon


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