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KulturSchweigen

Artikel vom 29.04.2011

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Basel - Kultur

Mit Fotoreihe am Schluss

Boulez und Holliger: Wessen Klänge?

Vor 25 Jahren kaufte Paul Sacher das Strawinsky-Archiv, was im April 2011 Anlass zu einem mehrtägigen Jubiläums-Symposium in Basel über neue Musik gibt

Von Jürg-Peter Lienhard



Pierre Boulez, hochbetagt, aber voller Hoffnung in die Jugend, der er Leistungshunger attestiert, der aber durch erfahrene Dozenten ins Gleichgewicht gebracht werden muss. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2011


Es braucht nicht mal ein populäres Thema zu sein, doch wenn Pierre Boulez über seine Dirigierkunst und seine Kompositionen spricht, ist es von Anfang bis Ende hochinteressant, spannend und auch unterhaltend zugleich. Der 86-Jährige bestritt am ersten Symposium-Tag der Veranstaltungsreihe «Wessen Klänge?» der Paul-Sacher-Stiftung im Bischofshof von Basel (vom 27. bis 29. April 2011) zusammen mit dem Kollegen und Oboisten Heinz Holliger unter der Leitung des Radio-Redaktors Peter Hagmann ein Podium, das ein paar erstaunliche Aspekte zu hören gab.



Ungewöhnlich und originell: Der mit der Oboe «geborene» Heinz Holliger am B-Horn. Man beachte das Mundstück… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2011



Die «Päpste der Neuen Musik» im Bischofssaal des Basler Münsters, wo einstmals das päpstliche Konzil zu Basel abgehalten wurde. Von links: Pierre Boulez, Peter Hagmann, Heinz Holliger unter dem schwarzen Bischofsstab, dem Wappen des Fürstbischofs zu Basel. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2011


Als Paul Sacher am 26. Mai 1999 starb, ging eine der fruchtbarsten Perioden der sogenannten neuen Musik zuende, denn seither fehlt ihr ein Doyen von derartiger Potenz. Dies ist nicht nur finanziell gemeint, zumal Paul Sacher einer der Hauptaktionäre der F. Hoffmann-La Roche AG - besser bekannt unter dem Marken-Kürzel «Roche» - war, sondern vor allem musikalisch.

Paul Sacher war selber Dirigent und Musikwissenschafter. Zeit seines Lebens war er einer der wichtigsten Förderer von Pierre Boulez, der stets gerne auf dem Basler Münsterhügel aufkreuzt, seit kurzem daselbst sogar am Mühlenberg, wo er seiner eigenen Stiftung einen Briefkasten eingerichtet hat. Doch mit dem Tode seines Mäzens ist vieles stiller um die Paul-Sacher-Stiftung auf Burg geworden; die «neue Musik» scheint selbst ins Alter geraten zu sein.

Das Programm «Wessen Klänge?», das Felix Meyer als «Jubiläums-Programm des Erwerbs des Strawinsky-Nachlasses» bei der Eröffnung des viertägigen Symposiums vorstellte, wurde eben mit einem Gespräch mit dem «eisernen Bestand» Pierre Boulez und Heinz Holliger eingeleitet. Auch Maurizio Kagel und Vinko Globokar, die im Tinguely-Museum für Fortsetzung sorgten, ja auch Jürg Henneberger, gehören gewissermassen zum Altersheim der neuen Musik. Immerhin kann man die Ensemble-Mitglieder von «Phoenix Basel» zur «jungen Garde» zählen, auch wenn die meisten nicht mehr zur Jugend zu rechnen sind.

Als Boulez dem eher älteren Symposiums-Publikum im Bischofshof erzählte, dass es für die ganz junge Musiker-Generation heutzutage kaum Probleme bedeute, seinen «Marteau sans Maître» aufzuführen - während zur Zeit der ersten Aufführungen des «Hammer ohne Meister» es für die damalige Musikergeneration kaum zu schaffen war - schien dies den Zuhörern im Saal ebenfalls selbstverständlich.

Boulez gab gleich die Antwort auf seine selbst gestellte Frage: Ob dies darauf zurückzuführen sei, dass die heutige Jugend bessere Vorgaben mitbringe. Das sei zu viel gesagt, meinte er. Aber die Dozenten müssten grosse Erfahrung haben und sie in die Lehre einbringen. Dadurch entstehe ein Gleichgewicht zwischen der Erfahrung des Dozenten und dem Lerneifer der Jungen. So habe er die Erfahrung gemacht, dass Strawinskys «Sacré du Printemps» und ebenso Varèse für die Jungen kein Problem darstellt. Denn unter den Jungen gäbe es keinen Widerstand gegen Neues. (Wie das früher ja eben der Fall war und in gewissen überalterten Orchestern noch heute…)

Heinz Holliger wurde von Peter Hagmann darauf angesprochen, wie er denn Mozart und Elliot Carter unter einen Hut, respektive unter eine Oboe bekomme… Mit der lapidaren Antwort erntete Holliger immerhin einiges hörbares Schmunzeln: Er sagte, dass es für ihn nur gute und schlechte Musik gebe, weswegen die Frage, ob Carter oder Mozart obsolet sei. Aber er ergänzte doch noch, dass in der Musik jeder Ohrenträger seine eigene Assoziationen erzeuge, wenn er Musik höre…

Es war nicht ganz klar was der Oberaargauer Holliger mit seinem Beispiel der Basler Guggenmusiken meinen wollte. Es war ein Erklärungsversuch zu seinem polykakophonen Stück «Kreis», bei dem fünf Instrumentalisten ihre Instrumente im Kreis herum auswechseln. Zudem stopften sie jeweils die Mundstücke ihrer eigenen Instrumente auf die ausgewechselten. Es war ein Spektakel, der allenthalben zum Lachen reizte; immerhin unterhaltsam…

Das Stück «Décisions» von Roman Haubenstock-Ramati unter der Leitung von Jürg Henneberger war eine besondere ästhetischer Herausforderung, wenn nicht gar eine Zumutung für das Publikum: Das ganze Ensemble wurde von einem riesigen, verkehrtherum aufgestellten Harmonium verdeckt. Vom Dirigenten, der rückwärts gewendet mit einer Hand einen Dauerton auf dem Harmonium hielt und mit der anderen dirigierte, sah man nur seinen Lockenkopf und dann und wann eine zeichengebende Hand aufblitzen…

Das Ensemble Phoenix Basel spielte zudem Morton Feldman (The Straits of Magellan), Pierre Boulez (…explosante-fixe…/) unter der Leitung von Heinz Holliger und Mémoriale/…explosante-fixe…Origine.


Zu Paul Sacher

Als Gründer und ideeller Leiter seiner eigenen Stiftung hat Sacher Autographen, Original-Partituren, Korrespondenzen u.a. der über hundert wichtigsten und wohl erst zukünftig bedeutendsten Komponisten des Abendlandes erworben und gesammelt. Das «Archiv», besser gesagt, der atombombensichere, mehrstöckige, vollklimatisierte und tief in den Hügelfuss getriebene Panzerschrank, ist in einem der schönsten Häuser auf dem Basler Münsterhügel untergebracht; das rheinseitig mehrstöckige Gebäude ist zudem einer der luxuriösesten Arbeitsplätze der Stadt.

Den Grundstock der Sammlung, die übrigens mit hochkarätigen Musikologen wissenschaftlich betreut und gemäss finanziell garantiertem Stiftungszweck stets erweitert wird, bildet der komplette Nachlass von Igor Strawinsky, den Paul Sacher 1983 für 25 Millionen Franken erworben hatte und am 28. April 1986 sich gewissermassen zum eigenen Geburtstagsgeschenk machte, indem er den Strawinsky-Dokumenten mit der Stiftung und dem Umbau der Münsterhügel-Liegenschaft buchstäblich einen goldenen Palast baute. Sacher machte damit seine private Sammlung zu einer öffentlichen, die in Zusammenarbeit mit der Basler Hochschule für Musik und der Universität der Musikwelt zur Verfügung steht. Namhafte weitere Nachlässe sind seither von der Stiftung aufgekauft worden, die Sacher bis zu seinem Tod wesentlich beeinflusste.



Foto-Reportage von J.-P. Lienhard, Basel © 2011



Pierre Boulez mit dem Betreuer seines Archivs an der Paul-Sacher-Stiftung, dem Musikologen Robert Piencikowski. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2011




Spontan-Symposium vor dem Bischofshof mit (von links) Robert Piencikowski, dem Marimbophonisten und Schlagzeuger Jean-Claude Forestier, Hans (der Diener Boulez’), Boulez. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2011




Aktion im «Kreis»: Instrumententausch. Übrigens musste jeder der fünf Interpreten des Holliger-«Kreises» das Instrument der anderen Teilnehmer lernen… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2011




Nach der «Aktion» im Kreis, der «Schlaf» im Kreis und das «Sterben» der Interpretation… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2011




Applaus für den Holliger-«Kreis». Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2011




Stolzes Elternpaar ihres Musikersohnes Sämi Stoll: Mutter Beatrice und Vater Hansruedi hören aufmerksam dem Holliger-«Kreis» zu. Rechts vorne die französische Dirigentin Valérie Seiler, für die Boulez Vorbild ist. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2011




Der Hornist Sämi Stoll war schlecht zu fokussieren zwischen Beleuchtung und Notenständern, dafür wirkt das Bild um so «künstlerischer»… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2011




Heinz Holliger ohne Oboe (am Ohr hat er aber auch kein Oboen-Mundstück…). Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2011




Holy Holliger? Nein, das ist nicht sein Heiligenschein, sondern ein ganz profanes Stück Elefantenzahn, das als Elfenbein-Trichter an Holligers Fagott noch an die Zeit der Grosswildjäger Afrikas erinnert… Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2011

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Homepage «Wessen Klänge?»

• Homepage Paul-Sacher-Stiftung

• Mehr über Pierre Boulez auf webjournal.ch

• Napoleon, die Schlumpfs und Boulez im Pyjama


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