Artikel vom 04.12.2010

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Bücher

Das Fachwerk im Sundgau

Ein hauskundlicher Streifzug durch fünf Jahrhunderte Kultur und Hauslandschaft im südlichen Elsass - ein farbig bebildertes Buch von den kompetentesten Fachleuten geschrieben

Von Jürg-Peter Lienhard



Umschlag des 200-seitigen Buches zu Stilen und Formen des Fachwerks im Sundgau vom Autoren-Kollektiv aus Ehemaligen des Ecomusée d'Alsace und in Zusammenarbeit mit der Sociéte d'Histoire du Sundgau. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010


Die «Société d’Histoire du Sundgau» ist eine Gesellschaft von lauter stillen, mönchsartigen Schaffern von hoher fachlicher Kompetenz. Ihre Leidenschaft für die Geschichte ihres engsten Umfeldes zeitigt immer wieder Ergebnisse, wozu ein universitäres Institut weder die Mittel noch die Zeit dazu aufbringen könnte. So ist auch die jüngste Publikation über das Fachwerk im Sundgau ein richtiges «Entdeckerbuch».



Aus dem Inhalt: Wunderschön gemacht, mit Profifotos von Jean-Paul Girard, einem Glossar und farbigen Reitern, die das Auffinden auf der Karten-Tafel im Buch erleichtern. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010

«Un guide de découverte» lautet der Untertitel des Buches, das den Titel trägt «Maisons à Colombages dans le Sundgau». Aufmerksame Leser bemerken sofort die bedeutende Finesse: «Fachwerkhäuser im Sundgau». Dies ist eine entscheidende Präzisierung, die beispielsweise schweizerischen Bewohnern der Nordwestschweiz nicht mehr bewusst ist. Denn das Fachwerk als Gebäude gab es einstmals vom Atlantik bis an den Ostrand Europas. Nur im Elsass blieb es in signifikanter Häufung als eigentliche Hauslandschaft erhalten.

In der Nordwestschweiz, oder eben im schweizerischen Teil des Sundgaus - der Sundgau ist ein geografischer Begriff, der die Region im Viereck von Mülhausen, Belfort und dem Dorneck (entlang der Birs von den Toren Basels bis Arlesheim) umfasst - sind die typischen Fachwerke des Sundgaus ziemlich radikal abgerupft worden. Nur Allschwil gibt noch ein Bild dessen, was früher auch im Birsigtal, in Bottmingen, Oberwil oder Therwil, das Gesicht des Dorfkerns ausmachte. Grad mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ging es auf der schweizerischen Seite den Fachwerkhäusern radikal ans Eingemachte - so schnell, dass es häufig nicht mal für ein Foto reichte…

Im elsässischen Teil des Sundgaus war die Überlebensquote höher, ja bis zu Anfang der siebziger Jahre beinahe intakt. Da konnten die Basler Velofahrer, denen der Sundgau als ideale Trainingsregion noch heute dient, allenthalben «rauchende Dächer» bemerken, worunter eben noch unter dem offenen Rauchfang gekocht und geheizt wurde und der Rauch ohne Kamin durch den Dachstuhl und das Dach entweichen musste.

Dabei hat der Rauch auch das Gebälk imprägniert, weil auch Holzwürmer lieber frische Luft haben. Aber dadurch blieb das Holz über Jahrhunderte erhalten. Sofern nicht ein Dreissigjähriger oder ein anderer Weltkrieg oder eine Feuersbrunst Haus und Dorf in Schutt und Asche legten. Und das kam im Elsass ja leider in der Vergangenheit etwas ziemlich häufig vor.

In der Gegenwart ging es den schönen elsässischen Häusern aber mitnichten aus kriegerischen Gründen radikal an den Kragen, sondern weil sie den Ansprüchen der Zeit, respektive dem Komfort nicht mehr genügten und ihre Funktion als Bauernhaus verloren: Es fehlten darin Badezimmer, in der dunklen rauchigen Küche mit dem offenen Rauchabzug kochen wollte auch niemand mehr, und der Traktor mit der monströsen Dreschmaschine ging nicht durchs Scheunentor. In den fünfzehn Jahren nach 1970 wurden Tausende von wertvollen Bauernhäusern, Zeugen einer jahrhundertalten Wohnkultur, abgerissen, zu Brennholz zerhackt und verschwanden so aus dem typischen Dorfbild.

Ein weiteres Element, das den Wandel beschleunigte, war die Mode: Von einem gewissen Moment um das Ende des letzten Jahrhunderts an galt das Fachwerkhaus als unmodern, ja gar als armselig, denn das ingeniöse und das symbolhaltige Werk, das bauliche Wunder, verlor an Wertschätzung, weil der Zusammenhang längst vergessen war oder spekulativ verleugnet wurde.



Nach der Buchvernissage in Hirtzbach: Gruppenbild mit dem Maire von Hirtzbach, Arsène Schoenig (von rechts) mit den Autoren Christian Fuchs, Thierry Fischer, Daniel Rouschmeyer, Gabrielle Claerr-Stamm, Maurice Gross (dazwischen Sabine Hatstatt, Adjointe au Maire) Marc Grodwohl und der Photograph Jean-Paul Girard. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010


Immerhin fand in den späten achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts ein Umdenken im Elsass statt: Es wurde langsam erkannt, dass ein Dorfbild eben ein Gesicht hat, mitunter eine Seele, und dass viele freundliche Dorfgesichter das wirtschaftliche Kapital einer Region aufwerten: Touristisch-wirtschaftlich, weil man gerne in eine schöne Landschaft mit freundlichem Gesicht reist, gewerblich-wirtschaftlich, weil die Renovation und der Umbau in komfortablere Wohnstätten, zumal der historisch fachgerechten, Arbeit dem Gewerbe bringt, Umsatz den Lieferanten von Küchen und Heizungen, und finanziell-wirtschaftlich, weil Kapital benötigt wird, Banken Geld leihen und darum Zinsen einnehmen können.

Und schliesslich, trotz aller wirtschaftlicher Aspekte, die wichtigsten Elemente: Die Lebenskultur, die Wohnkultur und das Bewusstsein um das historische Erbe. Diese Elemente sind identitätsstiftend, sind mitunter auch Motiv, der Region treu zu sein und zur wirtschaftlichen Wertschöpfung beizutragen. Dies kommt darin zum Ausdruck, wenn von «Mentalität» gesprochen wird: Das Selbstbewusstsein der Hausbesitzer, die nicht nur einen «Unterstand» aus dem Katalog bewohnen, sondern stolz ein Schmuckstück der Geschichte und Baukunst besitzen, die mitunter Hunderte von Stunden in liebevoller eigener Bauarbeit investiert hatten, die vielleicht jahrelang in einer Baustelle hausten, weil sie immer wieder Anlauf nehmen mussten zu einer neuen Etappe oder bis der Verdienst reichte, die von den Vorbeifahrenden beneidet, aber von den Freunden gerne aufgesucht werden - sie tragen zur «Mentalität» bei, die aus dem Stoff von Fleiss, Zuverlässigkeit, handwerklichem Geschick und Treue zum Land und seiner Gesellschaft gemacht ist.

Wenn das nur die einheimische Politik so werten würde… Doch diese Form der Ignoranz, das ist ein anderes Thema, das hier auch schon mehrfach angetönt und beklagt worden ist!

Zurück zum Umdenken, das trotz vieler tragischer und enormer Bau- und Spekulationssünden Mitte achtziger Jahre zumindest in der breiten Bevölkerung angezogen hat. Es war das elsässische Freilichtmuseum Ecomusée d'Alsace, das 1984 mit damals 19 Häusern in Ungersheim eröffnet wurde, das mit stetiger unermüdlicher Hartnäckigkeit seine beispielhafte Wirkung entfaltete, weil es Beispiel sein wollte. Und wie: Die Konfrontation der Besucher mit dem Prinzip, mit der Schönheit und dem schlummernden Wert des Fachwerkhauses im Kontext mit einem Dorf, mit einem Museums-Dorf, war wertvollster Anschauungsunterricht, wertvoller als Fachliteratur und die eindringlichen Appelle der Fachleute, die meist gar nicht gehört und noch weniger verstanden wurden.



Aus dem Inhalt: Unverkennbar: Die «Handschrift» von Thierry Fischer - wie er das Fachwerk zeichnet und erklärt. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010


Ganz sachte wurde eine Lawine losgetreten, bei der die darin Mitgeschwemmten oft gar nicht merkten, dass sie sie beschleunigten und verbreiterten: Der Stolz des einen provozierte den fruchtbaren Neid des anderen, und heute kann man oft da oder dort sogar die entschuldigende Bemerkung hören: «Leider war es uns nicht vergönnt, ein »Elsässer-Hüss« zu erwerben.»

Das haben früher - lange, bevor das Ecomusée d'Alsace den beispielhaften Ton angab - sehr viele Schweizer Staatsbürger getan. Mit dem wesentlichen Unterschied, dass sie nicht «ein scheenes Elsässer-Hüss» erwarben, sondern ein Fachwerkhaus in erbärmlichstem Zustand, meist von den Einheimischen als «alte Baracke» abschätzig belächelt, wie auch die neuen Besitzer zunächst als «Dummköpfe» belächelt wurden, die für so eine «Bruchbude» noch Geld zahlten.

Doch diese vielen Schweizer, meist aus der Region Basel, steckten viel Geld in die «Baracke» und noch mehr Leidenschaft und Arbeit dazu. Aber vor allem richteten sie das Fachwerkhaus trotz kaum vorhandenem Grundlagenwissen mit erstaunlich behutsamem Einfühlungsvermögen her, das vielen der erst später «aufgewachten» Einheimischen abging und leider noch oft abgeht.

Die gewiss nicht selbstlose Propaganda jedoch versuchte da und dort die Meinung zu streuen, dass «die reichen Schweizer den Einheimischen die schönsten Häuser vor der Nase wegschnappten». Hinter dieser Propaganda stecken ausschliesslich Spekulanten, die mit solchen Gerüchten ihre undurchsichtigen Absichten verstecken und von ihren viel übleren Geschäften ablenken. Immerhin ist heute zu vermerken, dass dieser Propaganda-Auswuchs nicht mehr ernsthafte Wirkung erzielt, aber dass die Einheimischen in Sachen Wertschätzung ihres «patrimoine» aufgeholt und entsprechende Anstrengungen unternommen haben.

Nach diesem ausschweifenden Exkurs in die Vergangenheit und der Schilderung des von Marc Grodwohl gegründeten und aufgebauten Ecomusée d'Alsace - er wurde im September 2006 von der elsässischen Politik skandalös kaltgestellt und das Museums-Dorf an einen Freizeitpark verkauft, um die dringend benötigten Zuschüsse an die Betriebskosten zu sparen - darf nun der Blick in das eingangs erwähnte Buch der Société d’Histoire du Sundgau folgen.

Zunächst: Es ist leider nur in französischer Sprache erschienen, was alle der daran beteiligten Autoren bedauern, aber es ist eine Kostenfrage gewesen. Zumal das Buch in lediglich 800 Exemplaren gedruckt worden war, was beinahe die finanzielle Potenz der Historischen Gesellschaft des Sundgaus überschritten hätte. Alle Autoren arbeiteten ehrenamtlich; die Gesellschaft hofft indes, mit dem bescheidenen Verkaufspreis von 20 €uro wenigstens die Druckkosten decken zu können. Aber reden wir nicht vom Geld - denn käme es darauf an, so wäre das Buch nie entstanden!



Das erste der beiden Bücher zum Hausbau im Sundgau, ist das von Marc Grodwohl, der es an der Foire du Livre in St-Louis im Mai 2010 am Stand der Société d’Histoire du Sundgau signiert. Kollege Bernard Fischbach von den Dernières Nouvelles d’Alsace und Autor eines Buches über die nicht aufgeklärten Kriminalfälle im Oberelsass hat sich soeben ein signiertes Buch aus der Hand von Marc Grodwohl (sitzend) erstanden. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010


Das Buch «Maisons à Colombages dans le Sundgau» ist bereits das zweite, das sich generalistisch mit dem Haus und dem Hausbau im Sundgau befasst. Das erste wurde von Marc Grodwohl allein verfasst: «Habiter le Sundgau 1500–1636»; es wurde hier auf webjournal.ch am 7. Mai 2010 unter dem Titel «Ein revolutionäres Buch» kurz rezensiert (Direktlink siehe unten). «Revolutionär» deswegen, weil es die Symbolik des Fachwerkbaus und nicht dessen Architektur im Blickwinkel der Zeit vor und während des Dreissigjährigen Krieges zu erhellen versucht. Ein zentraler Gegenstand des Buches bildet der römische Architekturtheoretiker Marcus Vitruvius Pollio.

Die Forschungen des Bauernhausspezialisten Marc Grodwohl konzentrierten sich auf die Zeit der Renaissance, die ein anderes Weltbild schuf und den Menschen und nicht mehr das Universum ins Zentrum setzte. Das Geistesleben erwachte und gewann neue Ausdrucksformen voller Symbolik bis ins Detail. Wenngleich die Gelehrten und Meinungsführer von damals, die oft auch kirchliche Würdenträger waren oder Mönche, in den Städten, den kirchlichen Zentren oder Klöstern wirkten, so blieb das Land davon nicht unberührt. Grodwohl schildert in seinem Buch und belegt es auch, dass selbst frühe Fachwerke um 1500 von dieser Symbolik genährt waren: sei es in der Symmetrie, sei es in der Verzierung.

Und entgegen der landläufigen Meinung, dass der Dreissigjährige Krieg vor allem im Elsass ein totaler war, der ganze Landstriche leermordete und brandschatzte sowie Dutzende Dörfer für immer von der Landkarte tilgte, konnte Grodwohl im südlichen Sundgau nachweisen, dass es - analog den Löchern in einem Emmentaler Käse - immer wieder Dörfer oder doch Häuser gab, die von den Feindseligkeiten und Zerstörungen verschont blieben. Mitunter war es lediglich das Nachbardorf, das verschont blieb, oder eine Brandschatzung im Dorf überlebten gleichwohl einzelne Häuser. 1636 ist das jüngste der Häuser im südlichen Sundgau, die den Dreissigjährigen Krieg überlebten, 1500 ist das älteste, weswegen Grodwohls Buch den Titel «Habiter le Sundgau 1500–1636» trägt (der Dreissigjährige Krieg dauerte von 1618 bis 1648).

Für die Société d’Histoire du Sundgau, die von Gabrielle Claerr-Stamm präsidiert und gefördert wird, war aber mit der Herausgabe von Grodwohls Buch klar, dass ein weiteres folgen musste, das weit über die Symbolik und Architektur-Theorie hinausgeht und ein breiteres Publikum ansprechen sollte. Nur wollte man nicht einfach «ein weiteres schönes Buch für Touristen» publizieren, sondern gewissermassen ein möglichst weitgehend selbsterklärendes Handbuch, so dass sich sowohl das sehr anspruchsvolle architekturhistorische von Marc Grodwohl wie das zweite zur Typisierung des Fachwerks ergänzen.

Das zweite Buch «Maisons à Colombages» ist eher pädagogisch aufgebaut: Indem es den Leser über eine Zeit- und Kulturreise in die historische Hauslandschaft des Sundgaus mitnimmt, so dass der Leser von Station zu Station, von Jahreszahl zu Jahreszahl die Entwicklung des typischen Fachwerkbaus erfahren kann und darf. Die Fachbegriffe werden zwar nicht ausgespart, doch sind sie in einem umfassenden Glossar im Anhang ausführlich erklärt.



Aus dem Inhalt: Zu gewissen Abbildungen sind auch die wichtigsten Fachbegriffe direkt ins Giebelbild eingetragen. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010


Die darin aufgeführten Häuser sind jeweils typische Vertreter einer Epoche oder Konstruktionsvariante und werden neben dem Ort in farbiger Hervorhebung chronologisch nach Jahreszahl und Jahrhundert angegeben und fortlaufend geordnet, was das geografische Auffinden in der eingebundenen Gebietskarte erleichtert.

Am Anfang jeder Hausbeschreibung, die jeweils immer mit einer neuen Seite beginnt, sich aber auch über mehrere Seiten erstrecken kann, ist stets ein grossformatiges farbiges Bild, das eine generelle Sicht auf das Haus zeigt, oft von der Giebel- aber auch von der Traufseite. Häufig sind Detailbilder dabei oder Zeichnungen, die eine Spezifikation erläutern, die unzweifelhaft die präzise Hand des Co-Autors Thierry Fischer verraten.

Die Reihenfolge der Fachwerkhäuser beginnt mit dem ältesten Haus, das zugleich auch das Haus des Buch-Koordinators Daniel Rouschmeyer ist: Sein Haus in Friesen wurde von Marc Grodwohl und mithilfe der sogenannten dendro-chronologischen Methode für die Bauzeit 1497 bis 1500 ziemlich genau geschätzt. Leider hat sein letzter Besitzer, bevor es Rouschmeyer kaufte, nicht gewusst, welch wertvoller historischer Zeuge er da bewohnt und hat ein gotisches Kellerportal kurzerhand herausgebrochen, damit er sein Auto dahinein unterbringen konnte…

Bei der dendro-chronologischen Methode wird das Alter im Prinzip anhand der Jahrringe der Baustämme bestimmt. Allerdings ist die Methode weit aufwendiger als hier beschrieben und vorstellbar.

Die Zeitreise im Buch geht von 1500 bis 1921, und man kann anhand der Fotos auch optisch die Entwicklung des Fachwerks erleben: Die ältesten haben meist ein grosses Gefache, das sind die Zwischenräume, die von den horizontalen Riegeln und den vertikalen Ständern gebildet werden. Die jüngeren hingegen verwenden viel mehr Holz und haben daher auch sehr enge Gefache, was weniger aus Gründen der Stabilität als mehr der Mode und der Zier herrührt.

Zur Hauslandschaft des südlichen Sundgaus wird auch das Territoire de Belfort gezählt, wovon vier Beispiele im Buch einen Eintrag verdienten.

In einem zweiten Teil des Buches werden die Methode der Dendro-chronologie ausführlich erläutert (und zwar detaillierter als hier oben). Ferner werden Beispiele geschildert, wie nach dem Dreissigjährigen Krieg wiederaufgebaut wurde, gewissermassen «rezykliert» wurde, und auch einige Absätze über die berühmtesten Zimmerleute des Sundgaus (u.a. Morandus oder Morand Kueny).



Aus dem Inhalt: Schön restaurierter Spruch auf einem Riegelbalken in Knöringen: «GEWIS IST DER DOD, UNGEWIS DER DAG,
DIE STUND AUCH NIEMAND WISEN MAG
DARUM THUE GUTHS DEDENCK DARBEY
AS IEDE STUND DIE LETSTE SEY. ANNO DOMINI MDCCCIII (1803, red.)
Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010



Im Kapitel «Les Maisons à déranger» werden einige sonderbare Geschichten des Fachwerks als älteste Bautechnik, die buchstäblich vorfabriziert ist, erzählt, was meist auch zur Entstehung des Dorfplatzes führte: Das Fachwerk wurde auf dem Reissboden, dem elsässisch «Ryssbodà» geheissenen Bretterboden ausgelegt, das heisst konstruiert, um es dann Balken um Balken zum Bauplatz zu tragen und senkrecht aufzustellen.

Das erklärt übrigens, warum das Ecomusée d'Alsace entstehen konnte: Die Fachwerkhäuser sind so gebaut, dass man sie zügeln kann: Man braucht nur die mit Lehm gefüllten Gefache herauszuschlagen und kann dann Balken um Balken abtragen, zumal kein einziger Nagel, sondern ledig raffiniert konstruierte Zapfen oder Blatten das Gerippe zusammenhalten.

Im Elsass war darum das Fachwerk als Bauweise so häufig, weil hier das germanische Recht herrschte, das einen Unterschied zwischen Grund- und Hausbesitz machte: Der Grund gehörte dem Seigneur, und bekam man Krach mit ihm, musste man seine Hütte auf den Buckel nehmen und ausziehen. Immerhin waren es kaum Hauskräche, die früher zum Auszug bewogen, sondern Heiraten und Erbfolgen. Es gibt aber das Beispiel von Kunheim im Ried, das so oft vom nahen Rhein unter Überschwemmungen zu leiden hatte, dass die Bürger das ganze Dorf mitsamt der Kirche auf einen benachbarten Hügel umzogen.

Als Koordinator der Arbeitsgruppe und der Redaktion des Buches fungierte Daniel Rouschmeyer aus Friesen. Ein Historiker aus Leidenschaft und Engagement. Er stammt aus Sarrebourg, ist nun mal ein «echter Beexer», wenngleich die Sundgauer schon die Strassburger «Beexer» heissen… Es hatte ihn in den Sundgau verschlagen, weil er im Justizvollzug von Mülhausen in der Resozialisierung arbeitete. Man merkt ihm das noch heute an, obwohl er längst pensioniert ist, denn er hat eine natürliche pädagogische Art, ein historisches Thema oder sonst ein komplexes, verständlich und bildhaft zu erläutern.

Nebst seiner Aufgabe als Koordinator hat er vor allem Autoren aus dem Umfeld von Marc Grodwohls ehemaliger Equipe im Ecomusée d'Alsace beigezogen und für die aktive Mitarbeit gewinnen können. In erster Linie zu erwähnen ist Thierry Fischer, der Architekt des Ecomusée d'Alsace, ein hervorragender Elsass-Kenner, Sohn des angesehenen Journalisten Roland Fischer ✝ von der Zeitung l’Alsace und Neveu von André Weber, dem alt Vizepräsidenten des oberelsässischen Parlaments und hochgebildeter Verfasser zahlreicher Romane und Biografien. Thierrys Verdienste beim Aufbau des Ecomusée d'Alsace sind nicht hoch genug einzuschätzen, zumal er stets bescheiden im Hintergrund und sehr fleissig arbeitete.



Nach der Buchvernissage in Hirtzbach: Gruppenbild für die Fotografen der Lokalzeitungen. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010


Dann zu erwähnen ist Christian Fuchs, der frühere technische Direktor des Ecomusée d'Alsace, der sich vom berühmten Ofensetzer Pierre Spenlehauer von Oltingen zum Ofensetzer ausbilden liess und sein Geschäft als Teilhaber zusammen mit dem Kachelmacher Dominique Spiess übernahm (siehe Artikel auf webjournal.ch: «Der Kachelofen hat noch lange nicht ausgedient!» vom 27. April 2010, Direktlink siehe unten).

Schliesslich ist auch Marc Grodwohl zu erwähnen, der zwar am Buch selber nicht mitschrieb, aber bei der Redaktion und Auswahl der Hausobjekte ein wesentliches Fachwörtlein beisteuerte.

Ferner hat sich nebst Daniel Rouschmeyer und Gabrielle Claerr-Stamm Maurice Gross, ein pensionierter Schulmeister und aktives Mitglied der Société d’Histoire du Sundgau, engagiert. Nicht zu vergessen ist der wunderbare Druck der Alsagrapic2000 in Riedisheim, einem Unternehmen, das aus der berühmten grafischen Industrie Mülhausens hervorgegangen ist und erstklassige Erzeugnisse herzustellen vermag.

Wohl die allergrösste und respektheischendste Arbeit leistete der bewährte und stets für die Société d'Histoire du Sundgau arbeitende Fotograf Jean-Paul Girard. Um möglichst viel vom Fachwerk der Gebäude-Kandidaten - es waren rund 100, obwohl schliesslich des Umfangs wegen nur 52 Häuser im Buch beschrieben werden - entschied sich der Fotograf, die Häuser im Winterhalbjahr abzulichten. Dann war garantiert, dass keine dicht belaubten Bäume die Sicht versperrten.

Doch damit war nicht getan: Girard musste täglich die Wetterprognosen verfolgen, denn er brauchte optimale natürliche Lichtverhältnisse. Oft jedoch war die allgemeine Prognose günstig, aber die Mikro-Meteorologie bei bestimmten Objekten stimmte nicht überein. Stets musste er mehrmals beim vorgesehenen Hauskandidaten vorbeifahren, weil er ja aufgrund allein der Adresse nie ganz sicher beurteilen konnte, von wo und zu welcher Zeit das Haus am optimalsten beschienen wird, denn eine Fassade im Schatten oder mit einem Halbschatten des Nachbarhauses kam nicht in Frage und war daher für den Perfektionisten, der Girard nun mal ist, unerwünscht.

Aber selbst, wenn die Wetter- und Lichtverhältnisse optimal waren, spielten Girard noch viele andere modernen Umstände einen Streich: Ausgerechnet dann, wenn er mit seiner Ausrüstung anrückte, stand ein Lieferwagen oder sonst ein Auto vor dem Haus, und vom Chauffeur war weit und breit und sehr lange nichts zu sehen…

Girard fotografiert übrigens mit einer Nikon D3, einer Profikamera erster Güte und bestückt mit verschiedenen Nikkor-Objektiven, speziell für Architekturaufnahmen. Er nimmt die Bilder im Nikon-eigenen NEF-Format auf, das andere Kamerahersteller RAW nennen, also ein unkomprimiertes Format, das daher enorm grosse Dateien ergibt, aber dafür auch digital bis in die letzten Schattierungen optimal bearbeitet werden kann.



Nach der Buchvernissage in Hirtzbach: Gruppenbild mit dem Maire von Hirtzbach, Arsène Schoenig (rechts), und Gattin (mit roter Jacke). Die Autoren von links: Jean-Paul Girard, Marc Grodwohl, Maurice Gross, Gabrielle Claerr-Stamm, Daniel Rouschmeyer, thierry Fischer, Christian Fuchs. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010


Das Buch «Colombage en Sundgau» ist sehr wertvoll was dessen Konzept und Inhalt angeht, ebenso weil es das kompetentst verfasste überhaupt ist, und nimmt man es zusammen mit dem ersten Buch von Marc Grodwohl «Habiter le Sundgau», dann hat man ein Werk in den Händen, das erschöpfende Auskunft über die Bau- und Wohnkultur des Sundgaus aus allerberufensten Federn gibt.

Ferner ist es ein Werk voller Herzblut - die Sachkenntnis ist das tragende Gerippe. Und ich werte es als ein Buch, das auch zu Hoffnung Anlass gibt, nein, ich glaube nicht! Aber ich schätze es zumindest wie eine «Mönchsarbeit» ein: Als die Mönche im Mittelalter die klassischen Werke aus der Antike kopierten (allerdings ohne den Inhalt verstanden zu haben), haben sie der abendländischen Menschheit die Grundlage zum Aufbruch aus dem dunklen Mittelalter in die Renaissance vorbereitet, die schliesslich in der Aufklärung mündete.

Es gibt leider viele Anzeichen, dass wir wieder vor einer Zeit des Mittelalters stehen. Im Elsass sind die Zeichen schon deutlich zu vernehmen, wo die Politik die Vorreiterrolle eingenommen hat. In Berlusconis Italien ist es schon Alltag, in der Schweiz schiesst sich die SVP erfolgreich gegen Kultur und Intellektuelle ein. Wer denkt, unterstützt die modernen «Mönche», die immerhin in stiller und fleissiger Arbeit dokumentieren, was von früherer Kultur zeugt - damit vielleicht dereinst das Gedächtnis der Menschheit wiederbelebt werden kann und mit ihm die Wertschätzung so mancher grosser Werke.



Marc Grodwohl begutachtet an der Buchvernissage in Hirtzbach das gelungene Werk - kritisch, aber schliesslich vollumfänglich zufrieden. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2010


Information

• Collectif d'auteurs Gabrielle Claerr-Stamm, Thierry Fischer, Christian Fuchs, Jean-Paul girard, Maurice Gross, Daniel Rouschmeyer: «Guide de découverte - Maisons à colombages du Sundgau». Société d'Histoire du Sundgau, 2010, 200 pages. ISBN 2-908498-23-5 €uro 20 + 5 € frais de port par livre (en France)

• Marc Grodwohl: «Habiter le Sundgau 1500-1636». Société d'Histoire du Sundgau, 2010, 200 pages. ISBN 2-908498-22-7 €uro 25 + 5 € frais de port par livre (en France)

Die Bücher können bestellt werden:

In Frankreich:
Gabrielle Claerr-Stamm
14 rue d'Altkirch
BP 27
F-68400 Riedisheim
Tél. 0033 3 89 44 01 08
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Von Jürg-Peter Lienhard

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