Artikel vom 08.11.2010

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J.-P. Lienhards Lupe

Basler Theaterpublikum badete im Fettnäpfchen

Wie kommt das Gift in die Seelen selbst der Gebildeten?

Von Jürg-Peter Lienhard



Es war ja «nur» Theater: Wie, wenn es ernst gelte? Foto J.-P. Lienhard, Basel © 2010


Zuerst die reinen Fakten: Am Schauspielhaus-Fest vom 30. Oktober 2010 zu Beginn der Saison 2010/2011 hat das Theater Basel auf der Experimentierbühne am Klosterberg 6 die zweite Polit-Serie mit dem Titel «Geschossen wird auf Zehn!» aufgenommen. Dabei geschah Unmenschliches!

Die Experimentierbühne Klosterberg 6 tut genau das, wozu sie da ist und was man von ihr erwartet: Sie nimmt Teil an der politischen Bewusstseinsbildung und am politischen Prozess und spiegelt damit die Zeit und das hiesige Leben. Mit der zweiten Politserie greift sie voll ein in die bevorstehende Abstimmung über die SVP-Ausschaffungs-Initative - mit den Mitteln des Theaters.

Die Theater-Autorin Susanne Heising schrieb einen Text, dem gut und gern Franz Kafka zu Gevatter stehen mochte, weil das «Drehbuch» im Absurdistan des Behördenapparates handelt. Der Text ist tatsächlich ein Drehbuch für einen Film; die vier Schauspieler und die Schauspielerin lasen die Regieanweisungen und die Kamerapositionen ebenso wie die Dialoge. Das wirkte sich leicht verwirrlich auf die beschriebene Handlung aus und war durchaus so beabsichtigt, wie wir nachher sehen werden.

Das Publikum fand beim Eintreffen auf fast jedem Sitz ein verschlossenes Couvert mit der handschriftlich angebrachten Bemerkung: «Bitte nicht öffnen, bevor Sie dazu aufgefordert werden.» Die Aufforderung war versehen mit einem dick in rotem Filzstift verzierten «Merci». Liebenswürdig und freundlich…

Und was war im Couvert drin? Ein Los für einen Freiplatz in einer Opernaufführung, ein Bon für ein Bier am Pausenbüffet? Nein, es war ein Fragebogen mit drei Kästchen im akademischen Multiple-Choice-Format: Das Publikum sollte nach der szenischen Lesung ankreuzen, wem es seine Stimme gab.

«Stimme» ist gut! Es galt, auszuwählen und anzukreuzen, wen man von drei Typen aus der Drehbuch-Geschichte des Landes verweisen und ihn in sein Heimatland auszuschaffen hat: Ein fünfjähriges Balkan-Mädchen oder eine 80-jährige jüdische Russin oder ein Kleindealer aus Afrika. Das gelesene Drehbuch schilderte für jeden Typen eine kurze Biographie.

Das Publikum sollte sich anstelle der Drehbuch-Figur, des verzweifelt arbeitssuchenden Ramseyer, dafür entscheiden, wozu der Arbeitsamt-«Manager» Andy Bäumler ihn vor die Wahl stellte, um zu testen, ob er für die überlebenswichtige Stelle geeignet sei.

Was glauben Sie, wem gab die Mehrzahl des gebildeten Etepetete-Publikums die «Stimme»?

Die Antwort steht zunächst nicht im Vordergrund. Im Vordergrund steht, dass die Multiple-Choice-Fragen keine anderen Möglichkeiten boten, als eine fragwürdige Antwort - keine differenzierte Möglichkeit. Eben wie ein perfid formulierter Stimmzettel.

Und nun das überraschende Resultat: Von den rund 50 eingegangenen Stimmzetteln, die im Anschluss an die theatralisch hervorragend gestaltete Lesung eingesammelt wurden, stimmten gut und gern 30 für die Ausweisung… des fünfjährigen Mädchens.

Mein Nachbar jedenfalls zerriss den «Stimmzettel» demonstrativ, noch bevor er eingesammelt wurde - aber er protestierte nicht oder reklamierte lauthals die «perfide Publikumsmanipulation»…

Die Dramaturgin Julie Paucker war ebenso überrascht über die ausbleibenden Reklamationen wie auch über den braven Gehorsam, mit dem die Zettel ausgefüllt wurden. Aber noch mehr überrascht war sie davon, dass die Mehrzahl der «Stimmen» auf ein Kleinkind entfielen…

Texterin, Schauspieler und Dramaturgin hatten sich zuvor vorbereitet auf mögliche Reaktionen, die sie sowieso erwarteten. Aber die ausblieben. Das «Stimmvolk» kreuzte unmenschlich an… Das Theater hatte den Versuch gemacht, einen Denkprozess anzustossen, vielleicht auch ein moralisches Unbehagen zu erzeugen.

Möglich auch, dass das Publikum den Braten roch. Es stand schliesslich vor verschiedenen Reaktions- und Entscheidungmöglichkeiten, die aber nicht auf dem Stimmzettel standen: 1. Was sollen diese blöden Fragen? 2. Ich vergesse es möglichst schnell; 3. Ich kreuze einfach was an, dann habe ich es hinter mir; 4. Ich bin nicht drauf hereingefallen und freue mich, dass die anderen nicht so clever waren; 5. Diese linken Besserwisser wollen mich wieder mal belehren - ich wusste es doch… 6. Ich merke, dass ich entscheiden soll, obwohl mir keine dieser Varianten passt. 7. Ich überlege mir, wie sinnvoll es ist, solche Fragen zu stellen, bei denen man so leicht mit dem Gewissen in Konflikt gerät…

Immerhin schrieben zwei Stimmende auf den Zettel: «Andy Bäumler»…

Das «Experiment» zeigte ein kaum erstaunliches Resultat: Wenn ein Stimmzettel mit Mehrfachantworten keine andere Wahl als eine unmenschliche erlaubt, wird eben eine unmenschliche Wahl getroffen…

Mit anderen Worten: Es kommt auf die Art drauf an, wie Fragen gestellt und Antworten suggeriert werden. Eben nicht im Theater…




PS: Und was habe ich als Teilnehmer gestimmt? Nichts, denn ich arbeitete (fotografierte). Dafür fiel ich zuhause aus allen Wolken, als ich den ebenfalls fotografierten Stimmzettel für die Fotosammlung bearbeitete und den Inhalt am Bildschirm las…


Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Mehr Bilder vom Schauspielhaus-Fest auf Flickr (klicken Sie auf Flickr rechts oben auf «Diashow»)


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