Artikel vom 21.09.2010

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J.-P. Lienhards Lupe

Mit Leserbriefe

Auf-Schneidereien

Etwas Besserwisserei für Lesefreudige und Hellhörige

Von Jürg-Peter Lienhard

Wer wenig oder nichts zu sagen hat, zumal nichts, was seinen eigenen Anstrengungen zum Denken entsprungen ist, verschleiert solchen Mangel gerne mit Füllwörtern oder gibt seiner mangelnden sprachlichen Kompetenz den gegenteiligen Anschein, indem er mit mehr oder weniger Glück oder auch wider jegliche Ästhetik Fremdwörter oder fremd wirkende Wörter sowie Anglizismen in seinen faulen Vortrag mischt: Der Bundesrats-Anwärter 2010 von der FDP, Johann Schneider, beispielsweise antwortete am Radio auf die Frage, warum in seiner Bude keine Frauen in den Leitungsgremien einsitzen, dass «der Search» es noch nicht gebracht habe…

Und wenn wir schon beim Schneider Hans sind, dann ist dessen Name ebenfalls so ein Beispiel für Auf-Schneiderei, zumal, wenn die Medien stur diese Aufschneide mitverbreiten, indem sie dessen aus Deutschland importierte Marotte, dem eigenen bünzligen Namen denjenigen der (reichen oder adeligen) Angeheirateten anhängen, nachplappern. Das geht einem schon bei Calmy Micheline und bei Widmer Evelyne auf den Geist und reisst hierzulande zunehmend und vor allem unnötigerweise mehr und mehr ein. Wenn es an der Türglocke, im Familienbüchlein oder im Telefonbuch steht, geht's ja noch und hat dort ja auch durchaus seinen Sinn und seine Berechtigung, aber wenn die Kollegen vom Radio es auch noch mündlich in alle Welt herumposaunen, dann ist es nur noch lächerlich.

Namenmarotten sind auch so ein Feld der Aufschneider: Wer eine Krawatte um hat und Visitenkarten mit englischen Titeln und einer Adresse, sagen wir in Hinterfultigen, verbreitet, schmückt den Hansli Meier gern mit einem amerikanischen «Middel-Initial» und wird somit zum Hans O. Meier, was aus dem Radio schon ziemlich verquer ins Ohr sticht! Doch glücklicherweise haben solche Aufschneidereien hier in der Schweiz ihre Tücken: Den Hans O. Meier kann man leicht als Hans Null Meier aussprechen… Aber abgesehen davon, ist es doch eine Zumutung sich selber gegenüber, wenn man seinen eigenen Namen als Abkürzung verstümmelt.

Die Aufschneider sind zudem allesamt Papageien: Wenn sie mal ein wichtigtuerisches Wort oder eine technokratische Redewendung aufgeschnappt haben - für ein Bild, vielleicht gar für ein poetisches, dafür fehlt ihnen stets die Phantasie -, wiederholen sie es so lange, bis alle Papageien ins selbe Gekrächze einstimmen. Zum Beispiel das «Sinn machen», das viel wichtiger oder sagen wir nominativer tönt, als das Sinn haben. Dabei hat es einen Sinn, eben Sinn zu haben und nicht zu machen, denn Sinn kann man nicht machen, sondern muss ihn geben… Wahrscheinlich hatte mal so ein Papagei, das «make sense» aus dem Englischen wörtlich übersetzt und ist dabei von allen Sinnen verlassen worden, sofern er überhaupt davon verfügte.

Dass falsche Bilder von Aufschneidern am liebsten verwendet und verbreitet werden, handelt hier ja. Darum noch dieses schiefe Bild des «Quantensprungs», den die Aufschneider gerne anstelle eines meist eher vermeintlichen Fortschrittes stellen. Nur: der Quantensprung ist der Atomphysik entnommen, wo, wie alles im Atom, auch ein Quantensprung eine unvorstellbar kleine Sache ist…

Leserbriefe

Meinrad Odermatt, Zug, schrieb:

Endlich einer, der dieses Frank A. Meyer, Otto C.Honegger, Henry B. Meier, Dieter F. Heinis - Syndrom lächerlich macht. Ein ziemlich kindischer Ersatz für einen nicht vorhandenen akademischen Titel. Nicht immer, aber meistens. Alle diese „adelnden Anfangsbuchstaben“ haben - wie die löchrigen Jeans - erst vor Jahren Einzug gehalten. Typischerweise vorwiegend bei Leuten aus dem Finanz- und Versicherungsbereich, wo Schein und Sein den höchsten Verwechslungsgrad erreicht haben.

Dann gibt es noch den Johann N. Schneider–Ammann. Der ist zwar sonst relativ bescheiden in der Art. Bei mir gäbe dies Meinrad A. Odermatt–Astashkina.

Interessant auch, dass ich keine einzige Frau kenne, die sich den Buchstaben zugelegt hat. Kennen Sie welche? Interessant auch, dass „Blocher“ den Quatsch ebenfalls nicht nötig hat.


Von Jürg-Peter Lienhard


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