Artikel vom 16.09.2010

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Elsass - Allgemeines

Industriearchäologischer Rundgang in Mülhausen

Basels französische Nachbarstadt lädt am Wochenende des 18./19. September 2010 aus Anlass des europäischen Tages des Kulturerbes zu Entdeckungen und Führungen

Von Jürg-Peter Lienhard



Die historische Foto ist beeindruckend durch die rauchende «Skyline» von Mulhouse und den vielen Fabriken, die fast allesamt verschwunden sind. Foto zVg ccpm


In Mülhausen besteht die Möglichkeit an den Tramstationen ein Velo zu mieten, aber man kann auch zu Fuss die Orte besichtigen, die aus Anlass des europäischen Tages des Kulturerbes durchgeführt werden: Zum Beispiel die geführte Besichtigung der ehemals weltgrössten Textilfabrik Dollfus, Mieg & Cie, deren mächtige Gebäude aus rotem Backstein 1820, also nur sechs Jahre nach dem Wiener Kongress und den napoleonischen Kriegen errichtet worden waren - eine eigentliche Stadt in der Stadt.

Mülhausen nannte man im letzten Jahrhundert das «Manchester des Festlandes», weil es mit seiner enormen Anzahl Fabriken eines der grössten textilen Produktionsstätten des Kontinents war. Ein anderer Übername hiess «Stadt der 100 Kamine». Es waren zwar kaum 100 Kamine, die den Stadthorizont überragten und jeweils den Standort einer Fabrikationsstätte markierten, meint André Heckendon vom Conseil consultatif du patrimoine de Mulhouse. Doch die Anzahl der Kamine auf den historischen Fotos ist erstaunlich beträchtlich - auch wenn sie niemand genau gezählt hat. Und auch niemand mehr Gelegenheit hat, sie genau zu zählen, denn die meisten der meist riesigen Fabrikationsanlagen aus Mülhausens glorioser Textilvergangenheit sind abgebrochen, überbaut oder umgebaut worden.

Die textile Vergangenheit Mülhausens ist eine unglaublich interessante Geschichte, zumal Mülhausen als Industriestadt bis weit über das Ende des Ersten Weltkriegs hinaus bedeutender als Basel war. Basels Aufstieg zu einer Chemie- und Pharmastadt hängt eng mit der Geschichte Mülhausens zusammen und hätte ohne den enormen Bedarf Mülhausens an chemischen Farbstoffen auch nie eine derartige Entwicklung erlebt! (webjournal.ch hat mehrfach darüber berichtet - siehe Suchfunktion)

Am Anfang war der Faden

Mülhausen gehörte bis zur Französischen Revolution als «Zugewandter Ort» zur Alten Eidgenossenschaft und war komplett vom französischen Umland eingeschlossen. Durch die Isolation der protestantischen Stadt im königlichen und katholischen Frankreich, war keine Entwicklung möglich. Mit der Revolution schloss sich Mülhausen Frankreich an, wodurch es ungehindert Zugang zu seinem Hinterland bekam, was schliesslich eine beispiellose industrielle Revolution ermöglichte.

Wie der Name der Stadt sagt und im Wappen auch versinnbildlicht wird, war Mülhausen eine Mühlen-Stadt: Entlang der Ill hatten sich nicht weniger als 19 Mühlen niedergelassen. Mühlen sind frühe Industrie, die bereits im Mittelalter ihren Anfang nahm, was sich entsprechend dokumentiert lässt - zum Beispiel bei Hildegard von Bingen. Mühlen dienen nicht nur dem Mahlen, sondern sind Antrieb für Hämmern, Sägen, Stampfen, Pressen usw. Textilmanufakturen liessen sich daher gerne nahe der Fliessgewässer nieder, weil sie nicht nur als Antrieb für Wasserräder dienten, sondern grosse Mengen Wasser beim Waschen der mit vorerst Naturstoffen gefärbten Textilien gebraucht wurden. Noch heute heissen Textilfabriken in England «Mills», Mühlen.

Mülhausen als Refugium von hugenottischen Abkömmlingen, die sich immer wieder als innovative Bevölkerungsgruppe hervortaten, warteten eigentlich ungeduldig, bis sie vom engen Korsett der Isolation befreit werden konnten. Am 4. Januar 1798 war es so weit, dass die calvinistische Bourgeoisie die friedliche Vereinigung mit Frankreich beschloss. Nur wenige Jahre nach den Revolutionskriegen explodierte die Stadt wirtschaftlich: Noch in der königlichen Zeit hatten innovative Jungbürger 1746 eine erste Textilmanufaktur gegründet, die die damals hoch in Mode stehenden «Indiennes»-Textilien herzustellen begannen. Und mit dem Wiener Kongress von 1814 fiel der Startschuss einer für heutige Zeiten unmöglich scheinenden Entwicklung und in atemraubendem Tempo.

Am Anfang war also «der Faden». Die höchst innovative und ungeduldige hugenottischstämmige Bourgeoisie stampfte nur sechs Jahre nach Ende der Wirren als Folge der Revolutionskriege zwar Textilfabrik um Textilfabrik aus dem Boden. Bedeutende Erfindungen und wesentliche soziale Einrichtungen ermöglichten die gigantische Entwicklung; beides erfolgte Zug um Zug und war für die anhaltende Blüte verantwortlich.

Um den enormen Baubedarf zu decken, erfanden die aus dem Tessin stammenden Brüder Gilardoni den Falzziegel, wie er noch heute gebräuchlich ist. Die mechanische Herstellung von Ziegelsteinen und Dachziegeln beschleunigte den rasant anhaltenden Bauboom. So wie beim Hausbau konnte man für die Fabrikbauten auf das Baumaterial zurückgreifen, das buchstäblich vor der Haustüre lag: Auf den Lehm im Sundgau.

Gewissermassen über Nacht musste die Fabrikation von Falzziegeln und mechanisch hergestelltem Backstein aufgebaut werden. Die fortschreitende Mechanisierung der Textilbranche erforderte Maschinen - Maschinenfabriken entstanden (später Manurhin). Das Baumaterial musste transportiert werden - die erste Lokomotivfabrik Frankreichs (später Alsthom) nahm den Betrieb in Mülhausen auf. Die Textilmuster mussten beschriftet und verpackt werden - die grafische Industrie wurde gegründet (und die Heliographie erfunden). Für das Färben der Stoffe brauchte es Drogen - die chemische Industrie war die Folge.

Und als die synthetischen Farben in England erfunden wurden, man sie aber aus patentrechtlichen Gründen nicht in Frankreich herstellen durfte, erinnerten sich die Fabrikgründer an ihre Cousins von der niedergehenden Seidenbändel-Industrie in Basel - die Basler chemische Industrie nahm ihren Anfang mit Anylinfarbstoffen für Mülhausen. Die Farben und Stoffe mussten ja transportiert werden - die erste internationale Eisenbahnlinie auf dem Kontinent Strassburg–Mülhausen–Basel wurde gebaut…

Apropos Cousins: Die Industriegründer hiessen und heissen in Basel und Mülhausen ebenso: Dollfus, Mieg, Sandoz, Huguenin, Hartmann, Koechlin, Heilmann, Durand undsoweiter… Einige dieser Patrons waren nicht nur erfolgreiche Industrielle, sondern hatten - ganz in der protestantischen Tradition - auch ein ausgeprägtes soziales Verantwortungsgefühl - die erste Arbeitersiedlung Europas, die Cité ouvrière, sollte guten Wohnraum mit eigenem Gemüsegarten bieten. Die Erkenntnisse der Hygiene führten zur Badeanstalt an der Rue Marie Curie - Cité und Badeanstalt sind international geachtete Baudenkmäler und werden noch heute sehr gepflegt unterhalten.

Durch die Reisen auf der Suche nach Motiven für die Indiennes und zur Ankurbelung des Handels kamen die Industrievertreter zumal in asiatische oder nordafrikanische Länder, wo sie auf hierzulande unbekannte Tiere und Pflanzen trafen - der wunderbare Park mit Zoo auf dem Rebberg wurde nicht nur zur Bildung der Fabrikarbeiter, sondern auch zu deren Erholung gegründet.

Und schliesslich waren die Industriegründer derart stolz auf ihre Produkte, dass sie sie zu riesigen Sammlungen äufneten: Das Textildruck- und das Tapetendruck-Museum verfügen über wortwörtlich unzählbare Muster. Desgleichen waren die Industriegründer darauf bedacht, dass ihre Fabriken und sie selbst bildlich dargestellt wurden und bestellten dafür zum Teil renommierte Porträt- und Landschaftsmaler. Zwar verfügt das Kunstmuseum der Stadt nicht unbedingt über die erste Garnitur an grosser Kunst, aber seine Sammlung ist derart wertvoll, weil sie lückenlos eine ganze Epoche von Kunststilen und Künstlern beherbergt.

Wenn vielleicht nicht ganz 100 Kamine am Horizont Mülhausens dampften, so sind doch annähernd so viele Fabriken in Mülhausen und seiner nächsten Umgebung gegründet worden. Die grossen Zäsuren in dieser unglaublichen Entwicklung waren jedoch die unseligen kriegerischen Ereignisse, angefangen vom 1870er Krieg bis zum Ersten und Zweiten Weltkrieg. Die weniger stolzen Spekulanten und kapitalistischen Nachfolger der grossen Industriegründer jedenfalls zeigten wenig Verantwortungsbewusstsein, als sie die Produktionen nach und nach in Billiglohnländer verlagerten und teils einen beachtlichen Scherbenhaufen und grosse soziale Probleme hinterliessen. Allen voran die Gebrüder Fritz und Hans Schlumpf, aber auch Marcel Boussac, die ihre Fabriken für ihre private Prassucht ausbluteten - die einen für alte Autos, der andere für seine Rennpferde.

Das heutige Mülhausen hat indessen viele seiner industriellen Denkmäler sträflich vernachlässigt, so dass sie einfach plattgemacht wurden. Schlimm ging es auch bei DMC, der Dollfus, Mieg & Cie, zu, deren riesige Gebäude meist aus der Zeit von 1820 stammen, architektonisch ein Wunderwerk bedeuten und gewissermassen eine Stadt in der Stadt darstellen. Unverständlich ist ferner auch, wie die Stadt es zulassen konnte, dass die Hallen des Automobilmuseum, die ehemalige Textilfabrik HKC (Heilmann, Koechlin & Cie), derart verunstaltet werden konnten wie sie heute sind, nur um die Geschichte zu vertuschen, statt zu zeigen.

Die Veranstaltungen vom 18./19. September 2010

Die Fahrt mit dem an den meisten Tramstationen zu mietenden Velo entlang den früheren Fabrik-Quartieren ist für Architektur-Liebhaber und Architektur-Archäologen aber immer noch aufregend. Eine der interessantesten Stätte ist jedoch das DMC-Areal, wo es gemäss dem detailliert von Sabine Hartmann in der Zeitung Alsace vom 14. September 2010 beschriebenen Programm am Samstag, 18., und Sonntag, 19. September, gleich mehrere Führungen zu erleben gibt. Hier eine Auswahl:

• Samstag, 18 September 2010, je 14 und 16 Uhr: Besichtigung der Anlagen mit dem Arbeiter und ehemaligen Betriebsangehörigen Adriano Cardoso. Besammlung an der Hauptporte der DMC, rue Pfastatt.

• Sonntag, 19. September 2010, je 14 und 16 Uhr: Lesung und Vortrag mit den Stadt-Architekten Pierre Lynde, Jean-Marc Lesage und Alexandre Da Silva. Thema: Gedanken zur Urbanität und ihre Veränderung im Laufe der Jahrzehnte mit Besichtigung des Terrains. Besammlung an der Hauptporte der DMC, rue Pfastatt.

• Nebst Animationen für das grosse Publikum wird der Film «L’art du fil» vorgeführt. Das kleine Museum DMC ist am Samstag von 14 bis 18 uhr und am Sonntag von 10 bis 13 Uhr und von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Kinderhort.

• Die schon seit Jahrzehnten bewährte Theatertruppe «Les Tréteaux de Haute-Alsace» bieten für Jugendliche eine Aufführung: «Histoire au bout du fil» (Geschichte am Ende des Fadens). Vorstellungen am Samstag um 17 Uhr undam Sonntag um 11 und 15 Uhr.

Telefonische Reservation für die Teilnahme an den Führungen:

0033 3 89 33 78 12


Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Internetseite des Conseil consultatif du patrimoine de Mulhouse


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