Artikel vom 12.05.2004

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Theater

Was man über den neuen Theater-Direktor sagen kann

Er sollte uns recht und willkommen sein!

Georges Delnon, der soeben gewählte Nachfolger Michael Schindhelms, gilt als solider Theatermann

Von Reinhardt Stumm



Reinhardt Stumm, Theaterfachmann, über Georges Delnon. Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2004

BASEL.- Das Mainzer Staatstheater (es gibt in Mainz – ähnlich unserer Komödie von damals – auch noch ein privates Kammerspielhaus) wird von der Staatstheater Mainz GmbH verwaltet und zum grösseren Teil vom Land Rheinland-Pfalz, zum kleineren von der Stadt Mainz finanziert. Georges Delnon leitet dieses Staatstheater seit 1999.

Dass er einen Vertrag bis 2010 hat (aus dem er vorzeitig entlassen wird, um 2006/07 in Basel anfangen zu können), heisst doch zunächst einmal, dass er in Mainz wohlgelitten ist. Ein Grund dafür dürfte sein, dass er in schwierigen Zeiten (ich meine nicht nur Geld!) eine Auslastung von immerhin 80% erreicht. Das ist ihm freilich nicht genug. Ende April stellten Delnon und seine Leute ihren Spielplan für 2004/05 vor. Dabei machte der Schweizer den Rheinländern klar, dass die Sparvorgaben der Kulturpolitiker vor allem im Orchester zu einschneidendem Stellenabbau zwängen, und dass die «fiskalische Deckelung» (das ist halt der Jargon) schon zu lange dauere, um noch folgenlos zu bleiben. Deswegen halt nur 80% und die Unzufriedenheit darüber.

Da können wir nur freundlich mitfühlen. Wir wären für 80% ohne fiskalische Deckelung dankbar.

Ein Lokalblatt sprach angesichts von allein zehn Uraufführungen (in allen Sparten zusammen) in der nächsten Spielzeit von spannungsvoller Durchmischung und lobte, was nachvollziehbar ist, die künstlerische Kreativität.

Kleine Bühnen sagen nichts über Qualität aus

Zum Beispiel im Schauspiel, das elf Produktionen plant - das ist nicht wenig – sich dabei aber klug auf die Kleine Bühne und das Studio beschränkt, was ganz schlicht billiger ist (und über die Qualität zunächst mal überhaupt nichts sagt). Neue Stücke und neue Ästhetiken werden versprochen, daneben das eine oder andere Alte, «Nathan der Weise» zum Beispiel – soll übrigens ein ganz gutes Stück sein.

Das Staatstheater Mainz hat also drei Spielstätten. Wie Basel. Das Grosse Haus mit 800 Plätzen (Oper), einem Orchestergraben für 75 Musiker, 885 Plätze bei Schauspiel. Das Theater in der Universität ist ein kleines Haus (350 Plätze), das Institut Français bietet noch einmal 100 Plätze.

Mainz ist gerade so gross wie Basel, aber…

Bedenkt man, dass Mainz an die 190'000 Einwohner hat, denkt man das Umland dazu, denkt man, denkt man wieder an Basel. Dass Stadt Mainz und Umland auf sehr aktive und angenehm weitläufige Weise in das Theaterleben eingebunden sind (Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Musik der Universität Mainz; Schwetzinger Festspiele; Kooperation mit dem Festspielhaus Baden-Baden und den Wuppertaler Bühnen; oder, wie letztes Jahr für Juditha Triumphans von Vivaldi und Monteverdis Triumph der Liebe, die Zusammenarbeit mit dem Landesjugendsinfonieorchester Brandenburg), geht über Basel hinaus. Da stellt sich also die angenehme Aussicht auf Offenheit, Beweglichkeit, Neugier und Unternehmungslust ein – Qualitäten, die für Theater lebenswichtig sind.

Wichtiger jedenfalls als modische Regisseure, die ihre Bedeutung aus ihrem gehätschelten Vermögen ableiten, uns zu zeigen, wer Herr im Haus ist. Im übrigen muss man Regisseure aufbauen, wenn sie erkennbares Talent haben. Der Betrieb muss aber auch ohne sie funktionieren. Theater wird nicht zur Befriedigung gelangweilter Kritikerinnen und Kritiker betrieben.

Erkennbare Neigung zum Musiktheater

Delnon ist kein hochgehandelter Spitzenregisseur, aber er ist auch keiner, der die rechte Hand braucht, um sich am linken Ohr zu zupfen. Er ist, so scheint es, der intellektuelle Handwerker - mit einer erkennbaren Neigung zum Musiktheater, wo er durchaus Meriten hat. Die Letzten erwarb er mit der Oper G (Gutenberg) von Gavin Bryars, zu der übrigens Rosalie die Bühnenbilder entwarf. Rosalie ist sozusagen zugleich die linke und rechte Hand des Tanztheatermannes Johann Kresnik.

Wir hatten Handwerker in Basel, sie waren immer sehr gut für das Theater. Zuletzt war es der unvergessene Hans Peter Doll. Wirklich gute Theaterdirektoren werden ja geboren. Düggelin war so einer, Baumbauer auch. Wenn Delnon in der Basler Findungskommission vor allem einen starken Mentor hatte – Ulrich Khuon, Chef des Hamburger Thalia Theaters -, dann ist das eine verlässliche Empfehlung. Auch Khuon ist ein Direktor, der auf wundervoll unangestrengte Weise das Gute und gut Gedachte mit dem Nützlichen und Praktischen zu verbinden versteht. Lust und Mut zur Herausforderung gehören ebenso dazu wie Nachgiebigkeit, Klugheit so sehr wie Dickköpfigkeit.

Vom Alter her gerade richtig

Delnon sollte uns recht und willkommen sein. Ein beweglicher, neugieriger, zielbewusster Mann, der sich hochgedient hat. Vor Mainz war er (1996 bis 1999) Intendant in Koblenz (in einem Haus, das 1787 erbaut und im gleichen Jahr mit Mozarts «Entführung aus dem Serail» eröffnet wurde!). In Koblenz ist Delnon als Mitgründer der Festungsspiele in Erinnerung. Da hatte er schon vier Jahre Luzern hinter sich (1988-1992). Er war für die Luzerner Musikfestwochen tätig, wo er bis heute regelmässig Meisterkurse gibt. Und er ist immer noch Dozent für szenische Arbeit an der Essener Folkwangschule. Das macht doch guten Eindruck, oder? Rechnet man noch dazu, dass er sich der neuen Medien offen und neugierig durchaus zu bedienen weiss, dann wissen wir auch, dass 45jährige heute noch jung genug sind, um sich in der Welt zu tummeln, und doch schon alt genug, um fest auf zwei Beinen zu stehen.

Von Reinhardt Stumm

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